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Wissenschaftsfreiheit: Forscher am Pranger

Wenn Fachleute ihre Erkenntnisse zu kontroversen Themen einbringen, werden sie oft zur Zielscheibe von Shitstorms und Hasskampagnen. Darunter leiden nicht nur die Betroffenen, sondern auch Forschung und Lehre.
Silhouette einer Frau, Finger zeigen auf sie (Symbolbild)

Die Lockdown-Macher« titelte »Bild« am 4. Dezember 2021 neben Fotos der Physikerin Viola Priesemann sowie ihrer Kollegen Dirk Brockmann und Michael Meyer-Hermann. Die drei untersuchen die Ausbreitungsdyamik von Sars-CoV-2 und hatten sich für ein schnelles Handeln gegen das Coronavirus ausgesprochen. Dafür stellte das Boulevardblatt die Wissenschaftler nun an den Pranger: Sie würden den Bürgern mit ihrer Forderung »Frust zum Fest« bescheren, was die Zeitung grafisch durch Weihnachtspäckchen mit der Aufschrift »Geschenke-Kauf 2G«, »Familienfest nach Corona- Regeln« und »Kino-Verbot für Ungeimpfte« ergänzte. Der Deutsche Presserat leitete daraufhin ein Verfahren gegen »Bild« ein. Begründung: Der Artikel erwecke den Eindruck, dass die Fachleute selbst Corona-Maßnahmen beschließen würden, für die aber die Politik verantwortlich ist. Das schüre Ressentiments gegenüber den Forschern.

Immer wieder werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler angegangen, weil manchen die Erkenntnisse, die sie liefern, zuwider sind. Parallel zu ihrer Arbeit ertragen sie Online-Shitstorms oder wühlen sich durch Berge von Hassnachrichten, um besonders heftige Angriffe zur Anzeige zu bringen. Zwar haben sich durch die Digitalisierung die Einfallstore für solche Attacken verändert, neu ist das Phänomen aber nicht…

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  • Quellen

Kempner, J.: The production of forbidden knowledge. In: Gross, M., McGoey, L. (Hg.): Routledge international handbook of ignorance studies. Routledge, 2015, S. 77–83

Kempner, J. et al.: Forbidden knowledge: Public controversy and the production of nonknowledge. Sociological forum 26, 2011

Kempner, J.: The chilling effect: How do researchers react to controversy? PLOS Medicine 5, 2008

Sharman, A.: The impact of controversy on the production of scientific knowledge. Arbeitspapier 207 des Grantham Research Institute on Climate Change and the Environment, London, 2015