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Digitale Tricktechnik: Angriff der Klon-Musiker

"Kunst kommt von Können" lautet eine alte Weisheit. Doch moderne Musikproduktionen kommen heute oft ohne Virtuosen aus. Schwierige Passagen meistert die Computertechnik.


Studiozeit ist teuer, da kommt es oft billiger, wenn Software eventuelle Patzer von Musikern korrigiert. Ein typisches Szenario aus der Produktion von Popmusik sieht deshalb heute so aus: Mit Hilfe so genannter Sequenzerprogramme (siehe vorigen Beitrag) spielt ein einzelner Musiker nacheinander die verschiedenen Instrumente eines Arrangements direkt in den Computer ein. Meist dient eine Keyboardtastatur als universelles Eingabegerät. Allerdings lassen sich damit nur bedingt die Eigenheiten von Saiten- oder Blasinstrumenten simulieren, deshalb gibt es auch entsprechende Alternativen wie "Blaswandler" und spezielle Gitarren.

Den gewünschten Klang erzeugt digitale Elektronik, sei es die Software-Simulation, sei es ein so genannter Sampler, der gespeicherte Töne echter Instrumente abruft und verarbeitet (Spektrum der Wissenschaft 11/1997, S. 74 und 5/2001, S. 85). Was im Zusammenspiel nach Piano, Gitarre, Rhythmusgruppe, Streichorchester oder Bläsersektion klingt, entstammt oftmals Siliziumchips. Selbst die Instrumente der analog-elektronischen Ära der 1970er Jahre wie Moog-Synthesizer oder Hammondorgel werden mittlerweile kostengünstig durch Computerprogramme wieder zum Leben erweckt.

Für kleine Produktionen mit knappem Budget reichen heute schon ein leistungsfähiger PC oder Macintosh, ein gutes Gesangsmikrofon und einige hochwertige Klangerzeuger. Damit lässt sich ein komplettes Arrangement auf Festplatte bannen, bearbeiten, abmischen und zum Schluss auf CD brennen. Auch Effekte wie Hall und Verzerrung liefert oft die Software, und zwar dank ausgefeilter Algorithmen mit einer Klangqualität, die es mit spezieller Hardware durchaus aufnehmen kann. Auch die Kosten sind vergleichbar: So schlägt ein gutes Hallgerät etwa mit 800 Euro zu Buche, ein Sequenzerprogramm dieser Preisklasse liefert den Halleffekt als Teil der Ausstattung gleich mit.

Damit Klangerzeuger und Computerprogramme einander verstehen,"sprechen" all diese Geräte eine gemeinsame Sprache: Midi, das Musical Instrument Digital Interface. Dieser Standard aus den 1970er Jahren sorgt für einen reibungslosen Datenaustausch. Die Midi-Daten enthalten zum Beispiel alle Angaben über Ton, Noten­höhe, Tonlänge und Anschlagstärke, nicht aber die Klänge selbst. Dementsprechend erfordern reine Midi-Songs nur wenige Kilobyte Speicherplatz. Vor allem aber lassen sich diese Daten fast unbegrenzt manipulieren: So kann der Musiker Passagen stückweise, ja sogar Note für Note und, wenn es sein muss, per Computertastatur einspielen.

Ein falscher Ton lässt sich schnell beheben, indem man ihn etwa bei grafischer Darstellung im Notensystem mit der Maus auf die gewünschte Tonhöhe verschiebt. Stimmen die Töne, doch der Rhythmus ist nicht sauber, legt der Computer ein zeitliches Raster über die Einspielung (fachlich Quantisierung): Er richtet beispielsweise die "Note on"-Befehle für die Klangerzeuger auf sechzehntel Noten als Grundeinheit aus. Erscheint das Ergebnis dem Produzenten zu exakt und damit steril, können die Programme auch Muster für die Rhythmus-Quantisierung aus "echten" Aufnahmen eines Schlagzeugers extrahieren. Diese Muster enthalten dann all die feinen Abweichungen gegenüber einem fixen Raster, die beim Hörer das Gefühl von kreisender oder vorwärts drängender Bewegung vermitteln, die von Musikern als Groove bezeichnet wird.

Doch auch Midi-Noten müssen komponiert werden. Spezielle CDs mit Bibliotheken aus kurzen Musiksequenzen sparen Zeit und Einfälle. Diese "Tonfragmente" umfassen meist wenige Takte, beispielsweise mit Blues-typischen Gitarrenriffs in allen Tonlagen. Wer sich ausschließlich aus dem Baukasten bedient und das Können anderer klont, wird freilich kaum Originelles schaffen. Doch sparsam eingesetzt, können instrumentale Zitate dem musikalischen Menü interessante Geschmacksnoten verleihen.

Auf solche Weise lassen sich auch einfache Vokalfragmente einbinden, aber keine Gesangspassagen kreieren. Korrekte Intonation und das rhythmisch richtige Setzen der Worte brauchen viel Übung, von der gewünschten Fülle der Stimme ganz abgesehen. Doch in gewissen Grenzen vermag auch hier die Technik zu helfen. Rhythmisch verpatzte Gesangspassagen, einmal digitalisiert und auf der Festplatte gespeichert, lassen sich schneiden und die Schnipsel gegeneinander verschieben. Das benötigte Werkzeug ist ein Welleneditor, ein Programm, dass den Amplitudenverlauf des Schalls grafisch darstellt (siehe Bild vorige Seite).

Auch falsch intonierte Passagen lassen sich mitunter korrigieren. Noch vor wenigen Jahren hätte eine Tonhöhenänderung den Klang der Stimme verändert. Drastisches Anheben ergab beispielsweise den bekannten Mickymaus-Effekt. Der Grund waren Formanten genannte charakteris­tische Muster im Frequenzspektrum, die den Klangcharakter einer Stimme ausmachen (sie entstehen durch Resonanzverstärkung der von den Stimmbändern erzeugten Schwingungen durch anatomische Gegebenheiten). Moderne Editoren, oft Bestandteil hochwertiger Sequenzer, erkennen und erhalten sie und damit die individuelle Stimme.

All diese Techniken machen aus einem unmusikalischen Komponisten keinen Mozart, aus einem wenig versierten Gitarristen keinen Eric Clapton und aus einer schwachen Sängerin keine neue Callas. Doch auch weniger geübten Musikern gelingen damit zumindest für den kommerziellen Markt brauchbare Ergebnisse. Freilich: Kreativen Könnern, die Instrument, Kompositionslehre und Technik beherrschen, bietet die digitale Trickkiste Arbeitserleichterung und eine schier unbegrenzte Möglichkeit zur Realisierung neuer Ideen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2003, Seite 81
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2003

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