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Antarktis. Ökologie eines Naturreservats


Wer eine vielseitige, allgemeinverständliche und zugleich wissenschaftlich korrekte Einführung in den antarktischen Lebensraum sucht, dem sei dieses gut übersetzte Werk empfohlen. Es ergänzen sich die oft verblüffend interessante wissenschaftliche Darstellung des Biologen Sanford Moss, Professor an der Southeastern Massachusetts University in North Dartmouth, und die eindrucksvollen Zeichnungen der Zoologin und Künstlerin Lucia deLeiris.

Die Antarktis ist nicht nur auf der Landkarte ein großer weißer Fleck. Vieles, was andernorts seit langem bekannt ist, bleibt dort für die Wissenschaft noch zu untersuchen. Abgelegenheit, Unwegsamkeit, das harsche Klima und die mangelnde Aussicht auf wirtschaftliche Nutzungsmöglichkeiten standen lange Zeit der Forschung im Wege. Zudem ist die vorhandene Primärliteratur für den Laien oft unzugänglich und unverständlich. Gerade in der Polarökologie fehlen Übersichtsarbeiten, die Zusammenhänge darstellen und über Bestimmungsbücher oder illustrative Bildbände hinausgehen.

Die Antarktis besteht aus dem siebenten Kontinent mitsamt dem ihn umgebenden Südpolarmeer, trägt 90 Prozent der gesamten irdischen Eis- und Schneemasse und ist zudem im Winter von einem Packeisgürtel gewaltigen Ausmaßes umgeben. Erhebliche zyklische Temperatur-, Licht- und Nahrungsschwankungen machen sie zu einem extremen Lebensraum. Die wenigen Tierarten, die ihn gleichwohl besiedeln, sind oft spektakulär: Die Wale als schwerste Säugetiere der Erde imponieren durch ihre Größe, die auf die Antarktis beschränkten Kaiser- und Königspinguine durch ihre Gestalt, die einen unwillkürlich an einen Menschen im Frack denken läßt.

Viele Fragen drängen sich auf: Wie kommen riesige Tieraggregationen wie die Brutkolonien der Robben und Pinguine oder die Schwärme des Krill (diese zentimeterlangen Krebse sind die Hauptnahrung der Bartenwale in der Antarktis) zustande? Wie bewältigen Organismen die Kälte? Das Zusammendrängen in der Gruppe, dicke Fettschichten, die sogenannten Wundernetze bei Robben und Pinguinen (dichte Geflechte von gegenläufig durchströmten Arterien und Venen, die als Wärmetauscher wirken) sowie Frostschutzmittel bei Eisfischen sind nur einige der in diesem Buch erörterten Temperaturanpassungen.

Nach den geologischen und geographischen Besonderheiten der Antarktis beschreiben die Autoren die biologischen Besonderheiten von Organismen, in der Reihenfolge der Nahrungskette geordnet. Grüne Pflanzen (Algen, Flechten, Moose und Blütenpflanzen) der Landflächen, des Eises sowie im Meer und in den Süßwasserseen sind die Nahrungsgrundlage für die Tiere: Pflanzenfresser zunächst, auf dem Lande, im Süßwasser und insbesondere im Südpolarmeer. Die auf diese Primärkonsumenten folgenden Glieder der Nahrungskette werden nach Tiergruppen geordnet behandelt: Meeresfische und marine Wirbellose, Vögel und Säugetiere.

Erfreulich ist, daß abschließend auch die Zukunft des antarktischen Kontinents diskutiert wird: die wirtschaftliche Nutzung und die politischen Interessen der Unterzeichnerstaaten des Antarktisvertrages, der 1991 ausgelaufen ist.

Die Kapitel des Bandes weisen zahlreiche Querverbindungen auf. Die ganzheitliche Betrachtungsweise der Autoren verdeutlicht die zahlreichen biotischen und abiotischen Wechselbeziehungen der Organismen. Allerdings sucht man vergeblich nach Darstellungen moderner ökologischer Forschungsergebnisse in Form von Tabellen oder Diagrammen. Die kontrastarmen Bleistiftskizzen sind technisch enttäuschend, wenngleich sie zum Teil Einblicke in seltene Situationen ermöglichen (zum Beispiel, wie ein Seeleopard Pinguinen auflauert). Bei der Übersetzung wurde das amerikanische Original von 1988 aktualisiert; die jüngste zitierte Originalarbeit erschien 1991. Das umfangreiche, nach Kapiteln geordnete Literaturverzeichnis, ein umfangreicher Index und ein überschaubares Glossar sind nützliche Hilfsmittel.

Dieses gut lesbare, anschauliche und anregende Buch ist Nichtfachleuten verständlich und bietet angehenden Naturforschern Orientierungshilfe und Einstieg in das ökologische Verständnis der antarktischen Pflanzen- und Tierwelt. Wichtiger noch: Es handelt sich um einen der wenigen Versuche, einem breiteren Publikum biologische Zusammenhänge am Beispiel eines noch minimal durch Menschen beeinflußten, stabilen und dennoch störbaren Naturraumes der Erde vorzustellen.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1994, Seite 122
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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