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Landesforschungspreis Baden-Württemberg: Antike Graffiti als Quellen der Altertumsforschung



Wer sich heute gedanklich auf eine Reise in die griechische Vergangenheit begibt, kann auf einen reichhaltigen wissenschaftlichen Fundus zurückgreifen. Die Analyse literarischer Quellen ist weit fortgeschritten, weil diese Texte seit langem bekannt sind. Jedes Jahr werden mehrere hundert Inschriften bei Ausgrabungen entdeckt – eine willkommene neue Quelle für die Wissenschaft. Meist handelt es sich um kurze Textstücke wie Grabinschriften, Verträge oder Beschlüsse.

Solche Funde sind ein Spezialgebiet des Altertumsforschers Angelos Chaniotis von der Universität Heidelberg. Fragestellungen und Forschungsmethoden sucht er nicht nur innerhalb der Altertumswissenschaften, sondern mit einem Disziplin übergreifenden Ansatz auch in den modernen Kultur- und Sozialwissenschaften. Textstücke, die für manche seiner Kollegen uninteressant erscheinen, vermag er dadurch in einem neuen Zusammenhang zu sehen. Regelmäßig begleitet er dazu Ausgrabungen in Aphrodisias in der heutigen Türkei.

Ein Beispiel für den Erfolg der Interpretationen von Chaniotis, der sich vor allem für die Randgebiete der griechischen Welt interessiert, ist die Entdeckung der Stadt Syneta. Mit Hilfe einer Zeile einer Inschrift war es ihm gelungen, die Verbindung zwischen dem Namen eines Gottes und dem bislang unbekannten Ort herzustellen. Weitere Entdeckungen in Aphrodisias waren zahlreiche Graffiti, die von den alten Griechen und Römern an die Wände gezeichnet wurden. Auch sie geben interessante Hinweise auf die Denkweise der Menschen in der damaligen Zeit. Unter anderem fanden die Forscher in der Türkei jüdische Darstellungen, zum Teil überdeckt von christlichen. Anlass für Chaniotis, die religiösen Auseinandersetzungen, aber auch den Dialog zwischen Christen, Juden und Heiden im 4. Jahrhundert n. Chr. zu rekonstruieren. Durch das Studium von Inschriften stieß Chaniotis auch auf ein bis dahin unbekanntes Phänomen der griechischen Antike: auf das der "wandernden Historiker". Das waren beruflich spezialisierte Gelehrte, die von Stadt zu Stadt zogen und dort Vorträge hielten. Doch die Ehrungen, die in den Inschriften überliefert sind, erhielten sie nicht dafür, dass sie die wahre Geschichte erzählt hätten, sondern für ihre freundschaftliche Gesinnung gegenüber der Stadt. Sie waren also so genannte "Lobhistoriker". Ihre Tätigkeit scheint die bevorzugte Form der Geschichtsschreibung in jener Zeit zu repräsentieren.

Professor Chaniotis zählt zu den diesjährigen Preisträgern des Landesforschungspreises Baden-Württemberg. Die damit verbundene Dotierung ermöglicht es den Ausgezeichneten, ein Forschungsvorhaben ihrer Wahl umzusetzen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 2001, Seite 96
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 2001

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