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Artenrückgang bei Ackerunkräutern

Die Intensivierung des landwirtschaftlichen Pflanzenbaus in den letzten hundert Jahren hat auch die Ackerunkraut-Vegetation strukturell und floristisch stark verändert. In den alten Ländern der Bundesrepublik sind bereits neun Arten ausgestorben oder verschollen; weitere 64 stehen auf der Roten Liste.

Die größte Vielfalt und ökologische Differenzierung von Pflanzen zeigt in Mitteleuropa nicht etwa der Restbestand der von menschlicher Nutzung unbeeinflußten Natur-, sondern die Kulturlandschaft. Die Flora der Bundesrepublik umfaßt knapp 3000 Arten.

In den letzten Jahrzehnten zeichnete sich allerdings ein vermehrter Rückgang ab. Bestimmte Pflanzenformationen wie nährstoffarme Moore, Moorwälder und Gewässer sowie Trocken- und Halbtrockenrasen sind am stärksten betroffen. Ursache ist meist der Verlust oder die Zerstörung der Biotope.

Mehr als die Hälfte der 822 Arten in der Roten Liste gefährdeter Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands (noch ohne die neuen Bundesländer) ist durch die intensivierte Landwirtschaft, vorrangig durch Entwässerungs- und Flurbereinigungsmaßnahmen, bedroht. Die neueste Liste spiegelt zwar einige Änderungen in der Artengefährdung wider, verschiebt jedoch das Bild nicht grundsätzlich. Die chemische Unkrautbekämpfung spielt allerdings beim Rückgang der Arten keine so erhebliche Rolle wie oft angenommen: Durch Herbizide sind nur 32 Arten – 8 Prozent der insgesamt durch landwirtschaftliche Maßnahmen gefährdeten – schon besonders dezimiert worden.

Von den etwa 250 bis 300 Ackerunkräutern stehen 73 Arten (ungefähr 25 Prozent) auf der Roten Liste, neun davon sind bereits ausgestorben oder verschollen: Ruten-Doppelsame (Diplotaxis viminea), Lauch-Hellerkraut (Thlaspi alliaceum), Roggen-Trespe (Bromus grossus), Pariser Labkraut (Galium parisiense), Riesen-Mannsschild (Androsace maxima), Acker-Meier (Asperula arvensis; Bild2), Gezähnter Leindotter (Camelina alyssum), Lein-Seide (Cuscuta epilinum) und Kölme-Ehrenpreis (Veronica acinifolia). Die anderen 64 dieser Arten sind unterschiedlich stark bedroht.

Von den aufgeführten Arten stammen 50 aus den Getreideunkraut-Gesellschaften, darunter bemerkenswerterweise 28 Kalkacker-Unkrautarten (also mehr als die Hälfte), vier Lein- und drei Sandacker-Unkräuter; 17 stammen aus den Hackfrucht-Unkrautfluren, und sechs gehören pflanzensoziologisch zu den Zwergbinsen-Gesellschaften, treten aber auch auf Äckern mit zeitweilig vernäßter Oberfläche auf.

Schon in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war bei 18 Ackerunkräutern – wenn auch oft nur gebietsweise – ein Rückgang bemerkt worden. Mit der unvergleichlich umfassenderen Intensivierung der Landwirtschaft Mitte dieses Jahrhunderts verstärkte sich diese Entwicklung. Von diesem Zeitpunkt an wurden auch die übrigen 55 Arten zurückgedrängt. Die gleiche Tendenz zeigt sich aber auch bei vielen Arten, die noch nicht auf der allgemeinen Roten Liste stehen; sieben davon sind bereits in den Roten Listen von mindestens vier Bundesländern aufgeführt: Acker-Ringelblume (Calendula arvensis), Saat-Wucherblume (Chrysanthemum segetum), Feld-Rittersporn (Consolida regalis; Bild 1), Wiesen- und Acker-Goldstern (Gagea pratensis, Gagea villosa) sowie Finkensame (Neslia paniculata; Bild 2), Acker-Ziest (Stachys arvensis) und Saat-Kuhnelke (Vaccaria hispanica).

Bei den meisten Unkräutern läßt sich keine einzelne Ursache für den Rückgang ihrer Verbreitung angeben; es wirkt der Gesamtkomplex agrotechnischer Maßnahmen, insbesondere durch Standortnivellierung infolge von Düngung und Drainage. Zählt man die Kalkacker-Unkräuter mit hinzu, so sind dadurch 37 der 73 in der Roten Liste Deutschlands aufgeführten Arten mehr oder weniger gefährdet, darunter eine große Zahl pflanzensoziologisch charakteristische – zum Beispiel die Acker-Haftdolde (Caucalis platycarpos) und der Lämmersalat (Arnoseris minima).

Der Einfluß der Saatgutreinigung ist bei drei Arten ausgeprägt, nämlich bei der Korn-Rade (Agrostemma githago), der Roggen-Trespe und dem Taumel-Lolch (Lolium temulentum). Bei zehn weiteren spielt er eine lediglich untergeordnete Rolle. Mit der Aufgabe der Lein-Kultur verschwanden vier Unkräuter; sechs Zwiebelgewächse (Geophyten) sind durch intensivere Bodenbearbeitung gefährdet.

Wenngleich der Einsatz von Herbiziden noch nicht sonderlich zum Rückgang der gefährdeten Arten insgesamt beigetragen hat, ist er doch – wegen der Breite der Anwendung – der ausschlaggebende Faktor für die Abnahme der Vielfalt von Ackerunkräutern in den letzten Jahrzehnten. Der hohe Wirkungsgrad dieser Mittel verhindert, daß der Samenvorrat im Boden regelmäßig aufgefüllt wird (das ist schließlich einer der angestrebten Effekte). Gleichwohl bleiben bei kontinuierlichem Herbizid-Einsatz auf denselben Flächen, wie Untersuchungen über mehrere Jahre gezeigt haben, im Grunde dieselben Unkrautgemeinschaften erhalten; die Artenzahl wird also kaum verändert. Indes erweisen genauere Analysen, daß allmählich wenige, unterschiedlich stark dominierende Arten strukturbestimmend werden können.

Von den 73 in Deutschland bedrohten Ackerunkräutern befinden sich 45 an ihrer Verbreitungsgrenze. Sie sind deshalb sowohl gegenüber der Konkurrenz durch die Kulturpflanzen als auch gegenüber Bewirtschaftungsmaßnahmen besonders empfindlich. Und weil alle Unkräuter durch Veränderungen der Biotope gefährdet werden, kann Artenschutz nur durch Erhalt geeigneter Standorte mit angepaßter Bewirtschaftung Erfolge zeitigen.

Ein Beispiel dafür sind die Ackerrandstreifen-Projekte, wie sie seit Jahren in verschiedenen Bundesländern im Rahmen besonderer Naturschutzprogramme betrieben werden. Die damit insgesamt geschützte Fläche liegt allerdings weit unter 0,1 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche.

In der Ökologie der meisten Ackerunkräuter bestehen noch große Kenntnislücken – die Forschung befaßt sich aus naheliegenden Gründen vorrangig mit den etwa 10 Prozent wirtschaftlich bedeutenden Pflanzenarten. Die Ackerunkraut-Vegetationskunde wird auch künftig nur in diesem Zusammenhang zu betreiben sein; und wie der Ackerbau sich weiterhin wandelt, wird sie immer nur für eine bestimmte Zeit den Stand der Entwicklung wiedergeben können.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1993, Seite 107
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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