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Asbest: Aufstieg und Fall eines Wunderwerkstoffs

Seit mehr als 2000 Jahren nutzt die Menschheit die eintigartigen Eigenschaften des faserartigen Silicatminerals. Auf seine Glorifizierung Anfang des Jahrhunderts folgte vor 20 Jahren die ebenso überzogene Verdammung.

Die Zukunft von Asbest als Werk- stoff scheint ausgesprochen dü- ster. Nach zwei Jahrzehnten mit immer neuen Schreckensmeldungen gilt das faserige Mineral heute als einer der gefährlichsten Schadstoffe überhaupt. Mit Sicherheit aber ist es derjenige, dessen Erfassung und Entsorgung weltweit die meisten Kosten verursacht. Allein in diesem Jahr werden Maßnahmen zu seiner Beseitigung mehre-re Milliarden Dollar verschlingen – gewaltige Ausgaben selbst in einer Zeit, da man mit Geld für den Umweltschutz nicht geizt. Ironischerweise hätte das Problem niemals dieses Ausmaß erreicht, wäre das Material seiner einzigartigen Kombination nützlicher Eigenschaften wegen nicht einst ebenso glorifiziert worden, wie man es nun verdammt.

Asbest ist die Sammelbezeichnung für eine Gruppe von Silicatmineralen, also Verbindungen von Silicium und Sauerstoff, mit faserartiger Struktur (siehe Kasten auf Seite 89). Wegen seiner Weichheit und Flexibilität galt der feuerfeste Naturstoff einst als Seide des Mineralreiches. Jahrhundertelang sind Mäntel, Tischtücher, Theatervorhänge und Anzüge zum Schutz vor Brandgefahren daraus gewebt worden. Isoliermaterialien aus Asbest halfen nicht nur Energie sparen, sondern schirmten Arbeiter auch gegen die Hitze von Hochöfen oder anderen Wärmequellen ab. Daraus gefertigte Bremsbacken und Kupplungsbeläge erhöhten die Fahrtüchtigkeit von Kraftfahrzeugen; Luftfilter aus Asbest wurden in Ventilatoren von Krankenhäusern, Zigarrettenfiltern und Gasmasken für Soldaten verwendet. Paradoxerweise diente das mittlerweile als Schadstoff verrufene Material also einst der Sicherheit und Gesundheit des Menschen.


Erste Erwähnungen und Anwendungen

Berichte über Asbest finden sich schon bei antiken Philosophen und Naturforschern. Wohl als erster erwähnt ihn Theophrast (372/369 bis 288/285 vor Christus), ein Schüler des Aristoteles (384 bis 322 vor Christus), in seinem klassischen Werk "Über Steine", das er um 300 vor Christus verfaßte. Er beschrieb darin eine unbenannte Substanz, die faulem Holz ähnele und, mit Öl getränkt, ohne sichtbare Veränderungen brenne. Während der nächsten vier Jahrhunderte steuerten viele griechische und römische Gelehrte nach und nach weitere Erkenntnisse über dieses ungewöhnliche Gestein und die wachsende Vielfalt seiner Anwendungen bei. Im 1. Jahrhundert nach Christus stieß der Geograph Strabo (64/63 vor bis nach 23 nach Christus) auf der Insel Évvoia auf den ersten griechischen Asbeststeinbruch; wie er berichtete, wurden dort Mineralfasern abgebaut, gekämmt und wie Wolle zu Fäden versponnen, die als Ausgangsmaterial für ein Sortiment feuerfester Kleidungsstücke dienten.

Der griechische Arzt Pedanios Dioskorides (um 15 bis 85 nach Christus, im deutschen Sprachraum meist Pedanius Dioskurides genannt) erwähnte in seinem Werk "De Materia Medica" wiederverwendbare Taschentücher aus Asbest, die an Theaterbesucher verkauft und anschließend im Feuer gereinigt und gebleicht wurden. Außerdem beschrieb er eine Asbestmine auf dem Berg Olymp auf Zypern und gab dem Mineral erstmals einen Namen: amiantos, was unbefleckt oder vollkommen bedeutet. Mindestens drei andere Autoren, darunter der griechische Historiker Plutarch (46/47 bis 120 nach Christus), wiesen darauf hin, daß die Dochte der Lampen, in denen auf der Akropolis das ewige Feuer brannte, aus Asbest bestanden.

Plinius der Ältere (23 bis 79 nach Christus) lieferte in seiner "Naturgeschichte" eine der umfassendsten Beschreibungen des Gesteins, die aus dem Altertum bekannt sind. Der römische Schriftsteller benutzte auch erstmals die griechische Bezeichnung asbestos, was unauslöschlich oder unvergänglich bedeutet. Seinem Bericht zufolge wurde das Mineral für unterschiedliche Textilien verwendet – von leicht zu reinigenden Tischtüchern und Servietten bis zu wiederverwendbaren Leichentüchern für die Feuerbestattung verstorbener Mitglieder des Königshauses.

Auch in den nächsten 1000 Jahren erfreute sich Asbest von Westeuropa bis China der besonderen Gunst von Herrschern und Naturforschern. Karl der Große (747 bis 814) etwa soll einer populären Legende zufolge ein daraus gefertigtes ölgetränktes Tischtuch angezündet haben, um seine Tafelgäste zu verblüffen. Sogar der Vatikan schätzte offenbar Totenkleider aus dem unvergänglichen Stoff – in einem römischen Sarkophag aus dem Mittelalter wurde kürzlich eines entdeckt. Im Laufe der Zeit scheint allerdings in Vergessenheit geraten zu sein, daß es sich bei dem Material um ein Gestein handelt.

So wurden für die Herkunft der außergewöhnlichen Fasern im Mittelalter ausgesprochen phantasievolle Erklärungen gegeben. Die Alchemisten sahen darin das Haar von angeblich feuerfesten Salamandern, was dem Mineral zu einem weiteren Namen verhalf: Salamandra. In alchemistischen Werken wird oft der Mythos eines von Flammen umgebenen omnipotenten Salamanders beschworen. Im frühen 16. Jahrhundert übernahm König Franz I. von Frankreich dieses Symbol als Emblem für Flaggen, Münzen und Einfassungen von Kaminen.

Teils wurde auch behauptet, Asbest stamme vom Kamm des Basilisken, eines Fabelmischwesens aus Schlange, Drachen und Hahn mit lähmendem Blick, oder von Federn des mythischen Feuervogels Phönix, der sich in bestimmten Zeitabständen selbst verbrennt und unversehrt wieder aus der Asche ersteht. Versuche, das Mineral genauer zu charakterisieren, zeugten eine verwirrende Namensvielfalt: Mehrere Dutzend Bezeichnungen wurden den unterschiedlichen Asbestarten verliehen – unter anderen "Bergleder", "unbrennbares Leinen", "Steinwolle" und "Faser-Alaun".

Durch einen glücklichen Zufall brachte Marco Polo (1254 bis 1324) den Asbest in das Reich der Wissenschaft zurück. In seinem Tagebuch beschrieb der venezianische Forschungsreisende den Besuch einer chinesischen Asbestmine im späten 13. Jahrhundert. Damit widerlegte er die Salamandertheorie und machte endgültig klar, daß das Material ein Gestein ist. Georgius Agricola (1494 bis 1555), einer der Begründer der Mineralogie und Geologie, trug entscheidend zum wissenschaftlichen Verständnis des Asbest bei. In seinem Lehrbuch "De natura fossilium" (1546) referierte und wertete er in aller Breite, was an Informationen über das Material vorlag, und fügte neueste Erkenntnisse über unterschiedliche Formen, Quellen und Verwendungen an. Erstmals unterzog er die Substanz auch einer Geschmacksprüfung und warnte, daß sie "auf der Zunge ein wenig stechen" könne.


Von der Kuriosität zum kommerziellen Produkt

Den Mitgliedern der 1660 gegründeten Royal Society in London hatte es der Asbest gleichfalls angetan. In den Berichten der Gesellschaft aus den ersten 40 Jahren finden sich acht Übersichtsartikel und Kurzmitteilungen darüber. Der deutsche Arzt und Naturforscher Franz Ernst Brückmann (1697 bis nach 1749) widmete ihm 1727 die erste Monographie; Bücher über Asbest schrieben wenig später auch Martin Frobenius Ledermüller (1719 bis 1769), einer der Pioniere der Naturbetrachtung mit dem Mikroskop, und der schwedische Chemiker und Mineraloge Torbern Olof Bergman (1735 bis 1784). Ledermüller stellte in seiner bahnbrechenden Abhandlung alle bekannten Arten mineralischer Fasern detailliert mit farbigen Gravuren dar.

Mit jeder neuen Veröffentlichung erweiterte sich das Spektrum kommerzieller Anwendungen. Zur Palette der Kleidungsstücke kamen feuerfeste Mäntel und Hemden sowie Fransen für Ärmel und Kragen; auch erwog man ein unzerstörbares "Buch für die Ewigkeit" aus güldenen Lettern auf Asbestpapier. Der amerikanische Politiker und Erfinder Benjamin Franklin (1706 bis 1790) verwahrte als Jugendlicher seine Barschaft in einer Börse aus gewebtem Asbest – angeblich in der Hoffnung, daß ihm der Inhalt nicht das sprichwörtliche Loch in die Hosentasche brennen würde. Auf seiner ersten Reise nach England verkaufte er den ungewöhnlichen Geldbeutel 1724 an Sir Hans Sloane (1660 bis 1753), dessen ausgedehnte Sammlung nach seinem Tode den Grundstock des Britischen Museums bildete (heute befindet sich die Kuriosität im Naturhistorischen Museum in London).

Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert diente Asbest Beutelschneidern und Gauklern als lukrative Einnahmequelle. Die erfolgreichsten und skrupellosesten Betrüger drehten leichtgläubigen religiösen Kunden Gegenstände aus der Mineralfaser als wundersame, feuerfeste Relikte von Christi Gewand und Kreuz oder andere Reliquien an. Bei einer harmloseren Variante verwendeten fahrende Artisten isolierende, unbrennbare Handschuhe und Umhänge aus Asbest, um das Publikum mit allerlei Feuerzauber zu verblüffen; so waren die "Menschlichen Salamander", wie sich die Mitglieder einer Truppe nannten, dafür berühmt, inmitten eines Scheiterhaufens ein Stück Fleisch in der Hand zu braten.

In den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts machte der italienische Experimentalphysiker Giovanni Aldini (1834 gestorben) aus diesem Trick das erste wirklich erfolgreiche seriöse Geschäft mit Asbest. Seine konfektionierte Brandschutzkleidung speziell für Feuerwehrleute wurde begeistert aufgenommen und fand schnell Abnehmer bis nach Genf und Paris. Kurz danach kamen die ersten Bühnenvorhänge aus der Mineralfaser auf, die bei Theaterbränden viele Menschenleben gerettet haben sollen.

Doch erst die Dampfmaschine brachte Asbest in den Ruf eines Supermaterials. Um sie in puncto Sicherheit und Wirkungsgrad weiter zu verbessern, brauchte man auch andere Werkstoffe als Metall, die besser wärmedämmend, aber ebenso hitzebeständig waren. Asbest erwies sich als ideal für Kesselisolierungen; für stetig beanspruchte, insbesondere bewegliche Teile war er zwar zu grob und zu wenig abriebfest; aber durch Mischen mit Gummi erhielt man ein dauerhaftes, elastisches Material etwa für Dichtungen und Manschetten.

Um 1860 erreichte Asbest auch den häuslichen Bereich. Nachdem der junge New Yorker Bauunternehmer Henry Ward Johns halb spielerisch mit feuerfesten Farbmischungen experimentiert hatte, entwickelte er eine schwer entflammbare Dachpappe – ein Segen in einer Zeit häufiger Gebäudebrände. Die sandwichartig aufgebaute Folie aus Sackleinwand, Manilapapier (aus Blattscheiden der Faserbanane gefertigt) und einer Teerschicht mit eingebetteten Asbestfasern begründete den bedeutenden Industriezweig der auf dem Mineral basierenden Verbundbaustoffe.

Im Jahre 1893 begann der österreichische Ingenieur Ludwig Hatschek, in einer stillgelegten Papierfabrik in Schöndorf Mischungen aus Asbest und Zement herzustellen und sie unter dem Namen Eternit (nach lateinisch aeternus, ewig, unvergänglich) als leichte, mechanisch sehr stabile Bauverkleidung zu vermarkten. Wegen des großen allgemeinen Interesses am Brandschutz wurde die Erfindung zu einem Sensationserfolg. Nachahmer entwickelten sehr bald ähnlich zusammengesetzte Produkte – unter anderem synthetischen Schiefer für Dachschindeln, gerippte Wand- und Dachverkleidungen und dekorative Wand- und Deckenformstücke.

Dutzende von Erzeugnissen, die in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts auf den Markt kamen, enthielten Asbest. Feuerfeste Schiffe hatten Rümpfe aus Eternit-Planken. Mischungen aus Bakelit und Asbest wurden für Knöpfe, Telephonapparate und Elektroschaltkästen verwendet. Überhaupt setzte die Kunststoffindustrie anfangs stark auf Kombinationen mit der Mineralfaser, weil diese das Syntheseprodukt verstärkte, seine Hitzebeständigkeit erhöhte und sein Gewicht verringerte. Auch nach der Entwicklung besserer Polymere blieb Asbest ein bedeutendes Bindemittel und Verstärkungsmaterial. So gehörten Fliesen aus Vinylasbest zu den meistverkauften Fußbodenbelägen. Bis heute kann man in Werkstätten überall in den USA asbesthaltige Bremsbeläge für Autos kaufen, weil viele Mechaniker glauben, daß es keinen gleichwertigen Ersatz gibt.


Auf dem Gipfel der Beliebtheit

Um 1939 hätte die öffentliche Meinung über Asbest kaum besser sein können. In diesem Jahr feierte die Firma Johns-Manville auf der Weltausstellung in New York stolz den "Dienst des Minerals an der Menschheit". Unter anderem ließ sie den Besuchern durch einen überlebensgroßen sprechenden "Asbestmann" den Weg zu ihrem Stand weisen und ihnen eine gründliche Belehrung über die außerordentlichen Fähigkeiten des Werkstoffs erteilen. Das Messegelände war von den Dachziegeln bis zu den unterirdischen Rohren buchstäblich mit Asbest durchsetzt.

Damals erreichte die Popularität der Mineralfaser solche Höhen, daß die Nachfrage die weltweite Abbaukapazität zu übersteigen drohte. Weil die militärischen Großmächte nicht über genügend heimische Ressourcen verfügten, befürchteten sie vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs eine kritische Abhängigkeit von Importen. Deutschland beschaffte heimlich ganze Schiffsladungen mit Asbest aus Südafrika, um einen ausreichenden Vorrat anzulegen. Einige Zeit argwöhnten die Alliierten, unter dem aufrüstenden nationalsozialistischen Regime sei ein chemischer Ersatzstoff entwickelt worden – eine Befürchtung, die der US-Geheimdienst CIA jedoch entkräften konnte.

Zwar existierte zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion ein Übereinkommen zur gegenseitigen Lieferung von Asbest im Bedarfsfall, das der amerikanische Geschäftsmann Armand Hammer (1898 bis 1990) bereits mit dem bolschewistischen Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin (1870 bis 1924) ausgehandelt hatte. Doch die US-Regierung hielt Einfuhren – noch dazu aus Übersee – für zu unsicher. Obwohl kanadische Bergbauunternehmen sich nach Kräften bemühten, die Nachfrage in den USA zu decken, wurde das Material dort nach Kriegsbeginn für nicht unbedingt notwendige zivile Anwendungen streng rationiert. Etliche hundert Tonnen verbrauchte die Armee jeden Tag für die verschiedensten Zwecke – von Schiffsmotoren über Bauteile von Jeeps, an Fallschirmen herabschwebende Leuchtbomben und Panzerfäuste bis hin zu Torpedos; selbst die Ärzte in den Feldlazaretten trugen leicht sterilisierbare Operationskleidung aus Asbest.

Die weltweite Hochkonjunktur in der Bauwirtschaft nach Kriegsende löste die nächste und wahrscheinlich letzte Nachfragewelle aus. Bauingenieure schätzten die mechanische Festigkeit, Haltbarkeit und Feuerbeständigkeit von Asbestzement-Produkten und setzten die Mischung großzügig ein. Wolkenkratzer konnten unter anderem nur deswegen in den Himmel wachsen, weil eine neuartige sprühbare Asbestversiegelung gewährleistete, daß sich die Stahlkonstruktionen bei eventuellen Bränden nicht verziehen.

Aufgrund der ungewöhnlichen Eigenschaften von Asbest entwickelte sich eine unvorstellbare Vielfalt von Anwendungen. Die Post der Vereinigten Staaten nutzte feuerfeste asbesthaltige Postsäcke. Fruchsäfte, Weine und Rohzuckerlösungen wurden mit Asbestfiltern geklärt. Herzchirurgen verwendeten Asbestfäden, und in einer Zahnpasta diente Asbest als Poliermittel. Modelliertone enthielten das Material ebenso wie künstlicher Schnee. Selbst Hollywood verschaffte der Faser kurze Leinwandauftritte: In dem klassischen amerikanischen Märchenfilm "The Wizard of Oz" (1939) ist der brennende Stiel des Besens, auf dem die böse Hexe des Westens reitet, aus Asbest; dasselbe gilt für die künstlichen Spinnennetze in der Grabkammer des ägyptischen Prinzen, der in dem Horrorstreifen "Die Mumie" (1932) nach Jahrtausenden wieder zum Leben erwacht.


Wachsende Gesundheitsbedenken

Als die Umweltschutzbehörde der Vereinigten Staaten 1970 ihre Arbeit aufnahm, ging die Zahl kommerziell erhältlicher Asbestprodukte in die Tausende. Bei weiterhin stetig steigender Nachfrage erreichte der Verbrauch 1973 in den USA schließlich die Rekordmarke von nahezu einer Million Tonnen. Doch dann kam der Umschwung.

Schon seit der Jahrhundertwende wußte man von Gesundheitsschäden bei Personen, die in Asbestmühlen und -verarbeitungsbetrieben sehr hohe Fasermengen einatmeten. Aufgrund von Berichten über eine als Asbestose bezeichnete Zerstörung des Lungengewebes, die bei britischen Arbeitern in staubigen Textilfabriken auftrat, wurden 1931 in Großbritannien Vorschriften für den industriellen Umgang mit Asbest erlassen. Dennoch interessierte sich die noch junge Arbeitsmedizin in den folgenden Jahrzehnten kaum für das Thema, obwohl bald auch ein bedenklicher Zusammenhang zwischen Asbest und Lungenkrebs, speziell bei Rauchern, aufgedeckt wurde.

Die Stimmung begann erst umzuschlagen, als sich Mitte der sechziger Jahre herausstellte, daß auch geringe Asbestmengen schon nachweisbare Gesundheitsrisiken bergen; demnach waren viel mehr Menschen als zuvor angenommen von asbestbedingtem Krebs bedroht – darunter zum Beispiel die Schiffsbauer aus dem Zweiten Weltkrieg. Wie etliche Untersuchungen weltweit ergaben, verursachten hauptsächlich die Amphibole – eine Untergruppe der Asbestminerale – die beobachteten Mesotheliome (Tumoren der Deckzellen, die Brust- und Bauchraum auskleiden). Angesichts dieser Erkenntnisse erließen die Regierungen der meisten Industrieländer Verordnungen zum Schutz vor Amphibolen. Unter zunehmendem Druck der Gewerkschaften und beeinflußt von ominösen Hochrechnungen, die mehr als eine Million Opfer prognostizierten, schloß die amerikanische Regierung dagegen sämtliche Asbestarten in die Schutzbestimmungen ein.

(In der Bundesrepublik Deutschland wurde 1979 zunächst die Verwendung von Spritzasbest untersagt; 1981 kam eine Vielzahl weiterer asbesthaltiger Produkte auf die Verbotsliste, die mit Inkrafttreten der Gefahrstoffverordnung 1986 noch einmal erweitert wurde. Gemäß einer Selbstverpflichtung der Asbestindustrie wird die Mineralfaser seit Ende 1990 nicht mehr im Hochbau eingesetzt. Im gleichen Jahr wurde Asbest – und zwar in all seinen Formen – im Rahmen einer Änderung der Gefahrstoffverordnung der Gruppe I der "sehr stark gefährdenden" krebserzeugenden Substanzen zugeordnet. Arbeiten an asbesthaltigen Materialien dürfen jetzt nur noch gemäß den Technischen Regeln für Gefahrstoffe 519 durchgeführt werden. Seit dem 1. November 1993 existiert ein allgemeines Verbot für die Herstellung und den Neueinsatz von Asbest, das nur wenige Ausnahmen zuläßt. Die Redaktion)

Obwohl die amerikanische Umweltschutzbehörde 1991 die generelle Ächtung aller Asbestsorten wieder aufgehoben hat, ist das politische und öffentliche Klima gegenüber dem Werkstoff in den USA nach wie vor von vehementer Ablehnung geprägt. Nur wenige Menschen können sich an die Glanzzeiten des Minerals erinnern, und noch weniger trauern ihm nach. Mögen frühere Generationen Asbest als wertvollen Rohstoff geschätzt haben – heute verdunkeln Besorgnisse über die Gesundheitsrisiken das einst strahlende Image.


Anhaltende Bedeutung

Es scheint tollkühn, Asbest Qualitäten zuzubilligen, die es teilweise rehabilitieren könnten. Und es als essentiellen Rohstoff von strategischer globaler Bedeutung einzustufen, wirkt vollends lächerlich. Genau so verhält es sich aber. Chrysotil beispielsweise – ein weicheres und weniger gefährliches Asbestmineral als Amphibol – ist für viele Schlüsseltechnologien immer noch unentbehrlich, und die US-Regierung hortet bis heute große Mengen davon.

Seine anhaltende Bedeutung zeigt sich besonders deutlich am Space-Shuttle: Dessen zwei Feststoffraketen enthalten asbestimprägniertes Gummifutter zum Schutz der Stahlummantelung vor den hohen Temperaturen beim Abbrennen des Treibstoffs in der Startphase. Tatsächlich hat die Verwendung von Asbest in der Luft- und Raumfahrt eine lange Tradition. Sie reicht bis ins späte 19. Jahrhundert zurück, als man einen feuerfesten Heißluftballon zu entwickeln versuchte. Die Nachbildung einer frühen Rakete, die gegen katastrophales Versagen der mechanischen Konstruktion mit Asbest beschichtet war, ist im Erdgeschoß des Luft- und Raumfahrtmuseums der Smithsonian-Institution in Washington zu besichtigen – ungeachtet des herrschenden Drucks, Asbest aus allen öffentlichen Gebäuden zu entfernen.

Auch die amerikanische U-Boot-Flotte benötigt Asbest: Um einsatzfähig zu sein, müssen die Boote über eigene Anlagen zur Produktion des lebenswichtigen Sauerstoffs verfügen; aus Asbest gewebte Matten sind eine Schlüsselkomponente der Elektrolysezellen an Bord, die Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff zerlegen.

Selbst industrielle Anwendungen gibt es immer noch – mit Auswirkungen bis in allgemeine Lebensbereiche. So werden in den USA drei Viertel des zum Bleichen, Reinigen und Desinfizieren verwendeten Chlors industriell nach dem Diaphragma-Verfahren hergestellt, für dessen namensgebende flüssigkeitsdurchlässige Scheidewand sich bislang nur Asbest als Werkstoff eignet (in Europa beträgt der Anteil dieses Verfahrens an der Chlorproduktion allerdings lediglich 24 und im weltweiten Durchschnitt 43 Prozent). Mithin besteht eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit, daß das elementarste Lebensmittel – Trinkwasser – mit Chlor aus dem Diaphragma-Verfahren entkeimt und auf dem Weg zu den Haushalten durch Asbestzementrohre gepumpt worden ist. Solche Rohre wurden in allen 50 US-Bundesstaaten seit 1930 verlegt; ihre Gesamtlänge würde für eine Pipeline reichen, die einmal zum Mond und zurück führt und dann noch achtmal die Erde umrundet.


Eine rationale Perpektive

Zugegebenermaßen benötigen all die noch existierenden Anwendungen (die zudem hauptsächlich auf dem weniger gefährlichen Chrysotil beruhen) keine großen Asbestmengen. Entsprechend ist der Verbrauch der Mineralfasern in den USA seit 1973 um 95 Prozent zurückgegangen. In vielen anderen Ländern aber gilt Chrysotilasbest nach wie vor als wichtiger Rohstoff. Weltweit dürften in diesem Jahr mehr als zwei Millionen Tonnen verarbeitet werden – hauptsächlich zu Baustoffen aus Asbestzement, die im asiatischen und osteuropäischen Raum sowie in Entwicklungsländern zum Einsatz kommen.

Angesichts des Gesundheitsrisikos wird Asbest wohl kaum seine einstige Bedeutung wiedererlangen; andererseits aber könnten sich so manche Ausmerzungskampagnen im nachhinein als überzogen und sachlich unbegründet erweisen. Die projizierten Todesraten durch Kontakt mit Asbestfasern innerhalb von Gebäuden und im Freien sind minimal im Vergleich zu denen durch Rauchen, Drogenmißbrauch und übermäßigen Alkoholgenuß. Weithin propagierte, emotional aufgeladene Slogans wie "Schon eine Faser kann töten" überschreiten die Grenzen gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnis, und dadurch ausgelöste Sanierungsmaßnahmen in Schulen und anderen Gebäuden waren nur allzuoft von zweifelhaftem Nutzen.

Im Bemühen, die Asbest-Debatte in rationale Bahnen zu lenken, beauftragten 1988 die amerikanische Umweltschutzbehörde, der Kongreß und einige betroffene private Institutionen gemeinsam das angesehene, gemeinnützige Health Effects Institute in Cambridge (Massachusetts) mit einer unabhängigen Bewertung des Problems. Der Bericht räumte mit einigen weitverbreiteten Mißverständnissen auf und stellte die wirtschaftlichen Konsequenzen einer radikalen Beseitigung aller asbesthaltigen Materialien dem fragwürdigen vorbeugenden Effekt dieser Maßnahme gegenüber. Zu einer ähnlichen Bewertung kam ein zweiter Report, den die amerikanische Ärztevereinigung (American Medical Association) 1991 publizierte. Beide Dokumente betonen, daß die heutige Kontamination gegenüber den einstigen Arbeitsplatzkonzentrationen, die Lungenschäden verursachten, extrem niedrig ist.

Über die künftige Verwendung des Materials könnte außer Sicherheitsaspekten aber auch die Versorgung entscheiden. Die griechischen Asbestminen waren schon im Altertum erschöpft, und die gegenwärtig bekannten Vorkommen gehen gleichfalls zur Neige. So wird sich das Asbestproblem möglicherweise von selbst erledigen. Dieses Ende des "unvergänglichen" Werkstoffs wäre um so bedauerlicher, als für das Mineral mit seiner ungewöhnlichen Kombination von Eigenschaften bisher kein perfekter Ersatz gefunden wurde, obwohl Chemiker schon lange intensiv danach suchen.

Literaturhinweise

- Asbestos: Scientific Developments and Implications for Public Policy. Von B. T. Mossman, J. Bignon, M. Corn, A. Seaton und J. B. L. Gee in: Science, Band 247, Seiten 294 bis 300; 19. Januar 1990.

– Asbestos: A Chronology of Its Origins and Health Effects. Von R. Murray in: British Journal of Industrial Medicine, Band 47, Heft 6, Seiten 361 bis 365; Juni 1990.

– The Schoolroom Asbestos Abatement Program: A Public Policy Debacle. Von M. Ross in: Environmental Geology, Band 26, Heft 3, Seiten 182 bis 188; Oktober 1995

Kasten: Was ist Asbest?

Asbest ist die Sammelbezeichnung für verschiedene faserartig kristallisierende Silicate. Man unterscheidet zwei Hauptgruppen: den Amphibol- oder Hornblende- und den Chrysotil- oder Serpentin-Asbest. Zur ersten Gruppe gehören die fünf Minerale Aktinolith (Strahlstein), Amosit, Anthophyllith, Krokydolith und Tremolit. Alle Asbestminerale enthalten lange Ketten aus Silicium- (das teilweise durch Aluminium ersetzt ist) und Sauerstoffatomen, die jeweils paarweise über Sauerstoffbrücken zu Bändern verbunden sind. Diesem linearen Aufbau verdanken sie ihre faserartige Struktur. Die einzelnen Formen differieren im relativen Gehalt an Metallen wie Calcium, Magnesium oder Eisen, die als positiv geladene Kationen die negative Ladung des Silicatgerüstes kompensieren und gewisse Unterschiede in den physikalischen und chemischen Eigenschaften bedingen.



Gemeinsam ist allen Asbestmineralen, daß die Fasern nicht nur unbrennbar, hitzebeständig, wärmedämmend und weitgehend säureresistent, sondern auch fester als Stahldrähte gleichen Querschnitts und zugleich relativ elastisch sind. Diese einmalige Eigenschaftskombination macht das Material zum idealen Werkstoff für viele industrielle Anwendungen. Die faserige Beschaffenheit von Asbest ist aber auch für die gesundheitsschädlichen Wirkungen verantwortlich. Die feinen Fasern können als Schwebstoffe in die Luft gelangen und eingeatmet werden; sie setzen sich dann in der Lunge fest und verursachen eine fortwährende Reizung des Gewebes, durch die sich schließlich – meist erst nach vielen Jahren – Tumore bilden können.



Die Fasern der Amphibol-Minerale sind wesentlich fester und steifer als die des Chrysotils – und deswegen viel gefährlicher. Die beiden häufigsten Amphibole Amosit und Krokydolith (oft als brauner und blauer Asbest bezeichnet) kommen in abbauwürdigen Lagerstätten vor allem in Südafrika vor und wurden früher mit Zement zu dem bekannten Baustoff Eternit gemischt; inzwischen ist die Verwendung von Amphibol-Asbest jedoch in den meisten Ländern verboten. Die übrigen Amphibole – Anthophyllith, Tremolit und Aktinolith – hatten dagegen nie kommerzielle Bedeutung.



Wirtschaftlich am wichtigsten war stets der magnesiumreiche Chrysotil (auch grüner Asbest genannt); sein Anteil am weltweiten Asbestverbrauch betrug zeitweise mehr als 95 Prozent. In Struktur, Zusammensetzung und Eigenschaften unterscheidet er sich deutlich von den Amphibol-Mineralen. Es handelt sich um die faserige Form des Serpentins, von dem auch blättrige und schuppige Varianten vorkommen. Der schwedische Chemiker, Pharmazeut, Arzt und Mineraloge Johann Gottschalk Wallerius (1709 bis 1785) gab ihm in dem Buch "Mineralogia" (1750) seinen Namen, weil das vielfarbig geäderte oder geflammte Mineral, das in grünlichen, aber auch gelb- und rotbraunen bis schwärzlichen Tönen schillert, an Schlangenhaut erinnert (lateinisch serpens = Schlange). Chrysotil ist merklich weicher und flexibler als die anderen Asbestarten. Weil seine Fasern deshalb im Körper leichter brechen als die von Amphibol-Asbest, schädigen sie Bindegewebe nicht so stark.



Schätzungen zufolge sind noch ungefähr 20 Prozent der Gebäude in den Vereinigten Staaten mit Chrysotil-Asbest in Schindeln, Zementröhren, Isolierungen und anderen Bauteilen belastet. Asbest in gut erhaltenen Bauwerken gibt allerdings keineswegs spontan Fasern in die Luft ab; das geschieht nur bei Zerfall, Renovierung oder Abbruch. Des weiteren erwies sich bei den meisten Untersuchungen, daß der Asbestgehalt der Innenluft von Gebäuden deutlich unter den von den amerikanischen Gesundheitsbehörden an Arbeitsplätzen vorgeschriebenen Obergrenzen liegt; das gilt selbst dann, wenn an den asbesthaltigen Teilen Änderungen vorgenommen wurden.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1997, Seite 86
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
11 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 11 / 1997

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