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Geologie: Atelier Erde. Farbstudien.

BLV, München 2000. 155 Seiten, DM 148,–.


Dies ist ein prachtvoller, ausladender und schwerer Bildband über die alten und jungen Gesichter unseres Planeten. Man mag kaum glauben, dass die großformatigen Fotos die Realität zeigen, so unwirklich sehen sie aus. Aber der freiberufliche Fotograf Bernhard Edmaier hat auf jedwede Manipulation seiner Bilder verzichtet: keine Filter, keine Nachbearbeitung am Computer.

Edmaier spielt nicht mit der Technik, sondern mit ungewohnter Perspektive: Zu sehen sind entweder Luft- oder Nahaufnahmen. Und siehe da: Die farbenprächtige Hügellandschaft am Rand der australischen Simpson-Wüste sieht aus wie die Nahaufnahme eines Kalksteins mit seinen feinen dendritischen Strukturen. Der Serpentinit des Pfitscher Jochs in den italienischen Zentralalpen gleicht der Almen- und Mattenlandschaft, aus der er stammt. Die gestochen scharfen Bilder lassen winzige Details erkennen; ob es sich dabei aber um Quarzäderchen handelt oder um ein ausgedehntes Flusssystem, das ergibt sich häufig erst aus der Bildunterschrift.

Es scheint, als habe der Geologe Edmaier, der schon mehrere einschlägige Bilderbücher veröffentlicht hat, den Rat beherzigt, den die Altvorderen den Erstsemestern zu erteilen pflegen: das "geologische Auge" zu schulen. Und so ordnet er seine Landschaften, tektonischen Strukturen und mineralischen Gemenge nicht nach wissenschaftlichen, sondern nach optischen Gesichtspunkten. Die Kapitel heißen schlicht Gelb, Rot, Blau, Grün, Braun und Schwarz/Weiß.

Die originelle Idee ist nicht so unwissenschaftlich, wie es zunächst scheint, denn die Farben der unbelebten Natur sind nichts anderes als die Ausdrucksformen vielfältiger natürlicher Prozesse: Das bunte Spektrum des allgegenwärtigen Eisens, das je nach Sauerstoff- und Wasserangebot die Wüsten gelb, braun und rot färbt; dazwischen kräftige Grün- und Blautöne von Meer und Fluss, Folge der vielfältigen im Wasser gelösten Stoffe. Schwarz und Weiß sind Ausdruck von Heiß und Kalt: Gletscher und ihr schlammiger Schutt, Salzkrusten und vulkanische Aschen. Alle Farben sind Ausdruck des Klimas, zeigen an, ob es Wasser gibt oder nicht, ob ein Basalt oder ein Kalkstein verwittert ist, und vieles mehr.

Zu viel Text würde vielleicht die Wirkung der Bilder schmälern, jedenfalls sind die Erläuterungen kurz und knapp gehalten. Schade, denn Angelika Jung-Hüttls Kommentare sind zwar fachlich kompetent, bleiben aber doch allzu sehr an der Oberfläche. Weder die Gewalt der Bilder noch die Allgemeinverständlichkeit hätten darunter gelitten, wenn die Geologin und Wissenschaftsjournalistin mehr auf die Prozesse eingegangen wäre, denen die Landschaften Form und Farbe verdanken, oder die geologischen Altersbezeichnungen der abgebildeten Formationen verwendet hätte. Im Gegenteil, etwas mehr fachliche Substanz hätte den hier und da aufkommenden Eindruck des Esoterischen verhindert.

Wie dem auch sei: Das Buch über das "Kunstwerk Erde" bietet dem Betrachter etwas, was er sonst kaum wahrnimmt oder überhaupt zu sehen bekommt: einen konzentrierten Blick auf einen Ausschnitt Natur. Edmaiers Bilder sind viel mehr als eine statische Dokumentation. In ihnen finden sich, wie in dem zerfurchten Gesicht eines alten Menschen, Jahrmillionen Jahre alte Biografien der Erdoberfläche. Mit einem Mal sieht man in den schroffen Vulkanlandschaften Islands einen jugendlichen Teil der Erdkruste und in den abgewetzten und erodierten Gebirgszügen Australiens deren ehrwürdiges Alter. Und so sind die großartigen Bilder gar nicht unwirklich. In ihnen steckt nur sehr viel mehr, als sich auf den ersten Blick erschließt.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 2000, Seite 100
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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