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Auf dem Weg zu wissenintensiven Volkswirtschaften


Die Wissenschaftssysteme in den Ländern der OECD befinden sich im Umbruch. Ihre Zielrichtungen wurden erheblich verändert, und finanziell sind sie unter immer größeren Druck geraten. Nachdem in den achtziger Jahren die real aufgewendeten staatlichen Mittel für Forschung und Entwicklung (FuE) stetig zunahmen, stagnieren sie seit Anfang dieses Jahrzehnts in fast allen Mitgliedsstaaten oder sind gar gekürzt worden. Allein von 1990 bis 1993 sank der Anteil am Bruttoinlandsprodukt, der für FuE aufgewendet wurde, von 2,4 auf 2,2 Prozent. Anders als in vielen anderen Industrieländern setzt sich in der Bundesrepublik diese Entwicklung bis heute fort.

Des weiteren ist auch die Rolle der Wissenschaft gegenüber der Wirtschaft im Wandel begriffen. So hat etwa der Anteil der Privatwirtschaft an den FuE-Mitteln zugenommen – doch ist diese weniger an Grundlagenforschung als vielmehr an rasch in den Markt umzusetzenden Ergebnissen interessiert.

Demgemäß macht die OECD in ihrem "Wissenschafts-, Technologie- und Industrieausblick 1996" mehrere neue Trends aus: die Weiterentwicklung der spitzentechnologischen, wissensintensiven Produktionsbranchen, das Wachstum und die Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien sowie die von diesen Faktoren bewirkte Transformation des Dienstleistungssektors. Die OECD revidiert darin auch ihren finanziellen Optimismus, den sie in ihrem letzten Ausblick für 1994 geäußert hatte (Spektrum der Wissenschaft, Januar 1996, Seite 122), und präzisiert die damals ausgemachten Tendenzen.

Der neue Bericht analysiert die Wirtschafts-, Forschungs- und Technologiepolitik im OECD-Raum insgesamt sowie in Profilen der meisten der 29 OECD-Länder und einiger ausgewählter Nichtmitgliedstaaten. In einem Sonderkapitel werden die Tendenzen und Auswirkungen der wissensbasierten Volkswirtschaft, die Rolle, die darin das Wissenschaftssystem spielt, sowie die Indikatoren, mit denen diese Art von Ökonomie dargestellt werden kann, erörtert.

Die OECD-Länder sollen demnach ihre Produktivitätsfortschritte unmittelbar auf Erzeugung, Verbreitung und Nutzung von Wissen und Informationen stützen. Das heißt: Investitionen und Industrieentwicklung setzen auf High-Tech, und die Ausbildung der Arbeitskräfte zielt auf höhere Qualifikationen.

Das schafft zunächst ein wirtschaftswissenschaftliches Problem: Eine neue Wachstumstheorie muß dann außer Arbeit, Kapital, Material und Energie auch Wissen und Technologie als integrierte Bestandteile der Produktionsfunktion betrachten und nicht nur als externe Faktoren. Wie ihr Einfluß allerdings berechnet werden könnte bleibt weitgehend offen. Wissen als solches sei schwer zu quantifizieren, stellt der Bericht fest, "die Kartierung von Wissensbeständen und -strömen, von Wissensverbreitung und von den Beziehungen zwischen Wissensgenerierung und Wirtschaftsleistung ist praktisch noch unerforschtes Gebiet". Deshalb sollten entsprechende Indikatoren entwickelt werden. (In den USA wird derzeit in der Halbleiterindustrie ein Versuch mit Technologie-Landkarten unternommen.)

Innovation verläuft in dieser neuen Wirtschaftstheorie nicht mehr nach einem linearen Modell, sondern ist das Ergebnis von Wechselwirkungen innerhalb von Wissensnetzen. Lernen, also die "Verbesserung des Humankapitals", spielt dabei eine zentrale Rolle. Hier mahnt die OECD staatliche Hilfen an, ebenso bei der Innovationsförderung mit Programmen der Wissensverbreitung. Organisatorische Veränderungen bedürften ebenfalls öffentlicher Unterstützung, soweit sie bei Arbeitsgestaltung, Vernetzung, Mehrfachqualifikation der Arbeitskräfte und Dezentralisierung die Flexibilität der Unternehmen erhöhen.


Die neue Rolle der Wissenschaft

Wie sind die traditionellen Aufgaben der Wissenschaft mit den Anforderungen eines übergeordneten Netzwerks in einer wissensbasierten Volkswirtschaft zu vereinbaren? Der OECD-Bericht erörtert unterschiedliche Auffassungen und Antworten dazu für drei Schlüsselfunktionen: Wissensproduktion, Wissensübertragung (Bildung von human capital) sowie Wissenstransfer in die Wirtschaft.

Sind Wissenschaft und ihre Erkenntnisse weiterhin als öffentliches Gut anzusehen? Für diesen Fall befürchtet die OECD, daß – wie etwa in Umweltfragen – die Privatunternehmen zu wenig investieren würden, weil sie nicht exklusiv Zugriff auf die Wissensproduktion erhielten, um damit Gewinn zu erzeugen.

Nun sind aber die Grenzen zwischen der angewandten und der Grundlagenforschung, zwischen Technologie und Wissenschaft in einer wissensbasierten Wirtschaft gleichsam etwas verwischt; manche meinen sogar, sie seien gar nicht mehr sinnvoll. Darum könnten Privatunternehmen "trotz möglicher Nutzeffekte für die Konkurrenz in die Grundlagenforschung investieren", wenn sie aus diesem Wissen oder seiner Anwendung selber genügend Nutzen zu ziehen vermöchten. Dann müßte man aber die Berechtigung staatlicher Hilfen für die wissenschaftliche Forschung in Frage stellen, denn Wissenschaft wäre unter solchen Prämissen kein öffentliches Gut mehr, weil sich die Geldgeber wissenschaftliche Kenntnisse direkt oder indirekt zu eigen machen könnten.

Freilich ist Skepsis angebracht: Ist der private Sektor wirklich in der Lage, ausreichend Grundlagenforschung zu finanzieren und zu betreiben? Der OECD-Bericht warnt: Nach Meinung der Industrie suche solche Forschung dann tendenziell nach für das betreffende Unternehmen nutzbaren Erkenntnissen, "nicht einfach aus wissenschaftlicher Neugier oder im Hinblick auf allgemeine Erfordernisse". Man könne "sich ernsthaft fragen, ob ohne staatliche Hilfen und Zuschüsse wissenschaftliche Erkenntnisse in hinreichendem Maße entstehen würden".

Ein Ausweg aus der finanziellen Klemme, in welche die Grundlagenforschung geraten ist, wäre stärkere internationale Zusammenarbeit. Eindringlich fordert die Studie die Staaten auf, in die Wissensproduktion zu investieren, sonst könnten sie langfristig nicht mit dem Tempo des Fortschritts in anderen wissensbasierten Wirtschaften mithalten.

Dabei "kommt dem Lernen ein extrem hoher Stellenwert zu". Freilich scheine in den OECD-Ländern die Ausbildung neuer Forscher an den Hochschulen sich parallel zu den rückläufigen Zuwachsraten für FuE-Investitionen zu verlangsamen. Hinzu kämen Schwierigkeiten, die Verbindungen zwischen Forschung und Lehre an den Hochschulen aufrechtzuerhalten. Finanziell entstehe das Problem, die Grundausbildung von immer mehr Studierenden mit der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses auf der Graduierten- und Postgraduiertenebene zu vereinen. Ein weiteres Problem sei die Schwierigkeit, junge Leute für eine Karriere im wissenschaftlichen Bereich zu motivieren.

Außerdem befürchtet die OECD, das Mißverhältnis zwischen dem Bedarf des Marktes an neuen Forschern und den Qualifikationen sowie der fachlichen Ausrichtung der Jungdoktoranden werde größer. Die Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Industrie könne hier im Wege des Wissenstransfers eine gewisse Abhilfe schaffen. Andererseits könnten die Hochschulen in vielen Bereichen der Grundlagenforschung unter dem Druck, wirtschaftliche Interessen stärker zu berücksichtigen, ihren Beitrag zur Produktion wissenschaftlicher Erkenntnisse verringern. Sie würden immer häufiger aufgefordert, bei technologischen Untersuchungen direkt zur Lösung von Problemen beizutragen.


Trotz Transfer-Orientierung weiterhin Grundlagenforschung

Die Situationsanalyse und die Folgerungen erzeugen ein Dilemma. Das zeigt der Konflikt zwischen der Aufgabe der Wissenschaftler an Forschungseinrichtungen und Hochschulen, neue Technologien für das 21. Jahrhundert zu entwickeln, und der Neigung, sich auf Forschungen zu konzentrieren, die sich rascher auszahlen. Wenn sich das Wissenschaftssystem und die Regierungen auf ihre neuen Rollen in der wissensbasierten Wirtschaft einstellen, dann – so verlangt die OECD – müßten sie die "Notwendigkeit eines hinreichenden Volumens an reiner, universeller, von allen kommerziellen Erwägungen freier Forschung unbedingt im Auge behalten".

Wie ein solches neues Gleichgewicht zwischen der auf Erkenntnisgewinn gerichteten Grundlagenforschung und der Nutzung ihrer Ergebnisse in Wirtschaft und Gesellschaft erreicht werden kann wird unter dem Stichwort "Wissens-" oder "Technologietransfer" gegenwärtig intensiv diskutiert. Vor allem die traditionelle deutsche Universitätsforschung fühlt sich herausgefordert. Ihr droht, den Konkurrenzkampf mit den flexibleren außeruniversitären Instituten – wie etwa jenen der Fraunhofer-Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren oder der Wissenschaftsgemeinschaft Blaue Liste – zu verlieren, wenn sie nicht konsequent außer der Wissensproduktion auch den Transfer der Wissensergebnisse betreibt.

Im allgemeinen interessiere die Universitätsforscher die Anerkennung ihrer Arbeit durch die Industrie nicht, meint zum Beispiel Franz Durst, Professor für Strömungsmechanik an der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie kümmerten sich nicht merkbar um die wirtschaftliche Nutzung des bestehenden Wissens. In einem Plädoyer für eine tiefgreifende Kursänderung stellte er fest, die in Deutschland produzierbaren Produkte könnten nicht allein aus der industriellen Forschung hervorgehen. Hochschulen und Industrie müßten enger zusammenarbeiten, "um verstärkt Ergebnisse der Hochschulforschung in solche industrielle Produkte überzuführen, die unsere Wirtschaft tragen können", schreibt er in der Zeitschrift des Deutschen Hochschulverbandes ("Forschung & Lehre" 8/1997, Seiten 403 folgende).

Einen hoffnungsvollen Anfang hat 1996 die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit der Einrichtung von Transferbereichen gemacht. Sie fördert die Weiterentwicklung von Forschungsergebnissen der Hochschulen in Zusammenarbeit mit Industriepartnern zu Prototypen (Spektrum der Wissenschaft, September 1996, Seite 116).

Bei diesem Technologietransfer könnten die Hochschulen viel von amerikanischen Vorbildern lernen. Das ist ein Ergebnis einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung in Karlsruhe und der National Academy of Engineering in der amerikanischen Bundeshauptstadt Washington für die Stiftung Deutsch-Amerikanisches Akademisches Konzil. Der Stiftungsvorsitzende Heinz Riesenhuber stellt dazu heraus, "daß Technologietransfer nicht ... als einfache Übergabe von erarbeitetem Wissen und fertigen Konzepten gesehen werden darf, sondern als beidseitiger Austausch zwischen Wissenschaft und Industrie mit vielfältigen Formen und Mechanismen verstanden werden muß". Der mit leitenden Persönlichkeiten in Wissenschaft und Wirtschaft beider Staaten besetzte Lenkungsausschuß zieht aus der vergleichenden Bewertung der wichtigsten Bereiche beider Systeme eine Reihe von Schlußfolgerungen und Forderungen. ("Technologietransfer-Systeme in den USA und Deutschland. Überblick und Vergleich", herausgegeben von H. Norman Abramson, José Encarnaçao, Proctor P. Reid und Ulrich Schmoch. Fraunhofer IRB Verlag, 1997.)

In den wichtigen "Schlußfolgerungen und Empfehlungen" stellt die am 22. Juli vor der Wissenschafts-Pressekonferenz in Bonn vorgestellte Studie fest, daß Technologietransfer trotz der kommunikationstechnischen Revolution "in erster Linie ein contact sport mit einer engen, dauerhaften Interaktion von einzelnen Wissenschaftlern und Ingenieuren unterschiedlicher Einrichtungen" bleibe. Vor allem müßten die kulturellen und rechtlichen Bedingungen verändert werden, die Innovationen, deren Markteinführung, Risikobereitschaft, unternehmerisches Handeln und Mobilität in Deutschland allgemein behindern. Dies betrifft das soziale Sicherungssystem ebenso wie das Unternehmensrecht und die Steuergesetzgebung. Öffentliche Kampagnen sollen die allgemeine Akzeptanz neuer Technologien verbessern. Die Zusammenarbeit zwischen deutschen und amerikanischen Forschungseinrichtungen in der angewandten, transfer-orientierten Forschung soll gefördert werden. Für beide Länder gibt die Studie eine Reihe detaillierter Empfehlungen zur Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Wirtschaft.

Daß den Hochschulen jetzt die Zusammenarbeit in der Forschung mit der Industrie aufgetragen wird, könnte freilich auch nicht gewollte Entwicklungen einleiten. Vertreter der lokalen Wirtschaft könnten Einlaß in die Aufsichtsgremien (Hochschulräte) verlangen – eine Aussicht, vor der etwa der sächsische Wissenschaftsminister Joachim Meyer kürzlich in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" (21. Juli 1997) warnte: Die universitäre Autonomie würde nichtwissenschaftlichen Interessen untergeordnet. Diese Gefahr entstehe insbesondere dann, wenn die Industrie ihre eigene Forschung einstellt und dafür – nach Dursts Empfehlung – Forschungsstellen in den Hochschulen einrichtet. Von da ist es nicht mehr weit zu der vielzitierten "verlängerten Werkbank" und zum Verzicht auf Grundlagenforschung. Unter diesen Aspekten ist es wichtig, daß gerade die wirtschaftsorientierte OECD den Wert der freien erkenntnisorientierten Grundlagenforschung auch für die Zukunft betont.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 1997, Seite 115
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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