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Auf den fremden Meeren des Denkens. Das Leben des genialen Mathematikers John Nash.

Aus dem Amerikanischen von Cäcilie Plieninger und Anja Hansen-Schmidt. Piper, München 1999. 576 Seiten, DM 68,-.

Das ganze Gebäude der Spieltheorie fußt auf zwei Theoremen: von Neumanns Minimaxsatz von 1928 und Nashs Gleichgewichtssatz von 1950.“

John Forbes Nash jr., geboren 1928 in Bluefield (West Virginia), legt diesen bahnbrechenden Beitrag bereits mit 21 Jahren in seiner Dissertation vor. Damit nicht genug: In rascher Folge arbeitet er sich in die verschiedensten Teilgebiete der Mathematik ein und liefert Ergebnisse, die den höchsten Respekt der Kollegen erregen, auf sehr weit entfernten Feldern: von der Riemannschen Vermutung aus der Zahlentheorie bis zur Existenz von Lösungen partieller Differentialgleichungen aus der Strömungsmechanik.

Anfang 1959 erkrankt er an einer schweren Schizophrenie: Er entwickelt ein paranoides Misstrauen gegen seine gesamte Umgebung, liest geheime Botschaften aus völlig belanglosen Dingen, wird unfähig, mathematisch zu arbeiten, Vorlesungen zu halten oder auch nur ein zusammenhängendes Gespräch zu führen. Da ihm jede Einsicht in seine Krankheit fehlt, lassen ihn seine Angehörigen unter großen Skrupeln in eine Klinik zwangseinweisen. In den Folgejahren wechseln wenige Episoden relativer Geistesklarheit ab mit neuen Ausbrüchen und Behandlungen, zumeist gegen sei-nen Willen. Seine Frau, der er mit heftigen Aggressionen zusetzt, lässt sich von ihm scheiden – kümmert sich aber weiterhin um ihn und lässt ihn nach einiger Zeit sogar wieder bei sich wohnen. Volle zwanzig Jahre, von 1970 bis 1990, verbringt er in den Räumen seiner ehemaligen Arbeitsstätte, der Universität Princeton, als eine Art Dorftrottel, belächelt, ein wenig unheimlich in seinen unverständlichen Äußerungen, aber von den ehemaligen Kollegen ob seiner frühen Leistungen immer noch respektiert und geduldet.

Dann geschieht das Wunder: Zunächst unbemerkt, erwacht er aus seinem Wahnsinn. Für alle überraschend führt er wieder mathematische Diskussionen, aus denen die Genialität seiner Jugend spricht, seine Wahnideen verschwinden, und heute kann er, mit aller gebotenen Vorsicht, als gesund angesehen werden. 1994 erhält er, gemeinsam mit John Harsanyi und Reinhard Selten, den Wirtschafts-Nobelpreis – für seine Leistung von 1950! Und seine ehemalige Ehefrau Alicia begleitet ihn wie selbstverständlich zur Zeremonie.

Das ist eine spannende und sehr bewegende Geschichte, und die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Sylvia Nasar weiß sie auch spannend zu erzählen – ich habe das Buch an einem Stück durchgelesen. Nasar hat Nash selbst und sein Umfeld intensiv befragt, eine riesige Menge an Material gesammelt und breitet diese Menge vor dem Leser aus.

Das ist zugleich die Schwäche dieses Buches: Nasar bietet zu viel des Guten. Es mag der Mühe wert sein, intensiv nach den Ursachen von Nashs Erkrankung und vor allem seiner äußerst ungewöhnlichen Genesung zu suchen. Aber so richtig gibt es da nichts zu finden; es spricht für die Redlichkeit der Autorin, dass sie uns mit wilden Theorien über frühkindliche Traumata oder Ähnliches verschont. Statt dessen zitiert sie in langen Passagen ihre Gesprächspartner, darunter auffallend viele bedeutende Mathematiker, und erzählt viele, auch belanglose Einzelheiten.

Dass er in seiner frühen Zeit arrogant und kontaktscheu war – na gut, das passt dazu, dass er sich in den schlimmen Phasen gänzlich vor seiner Umwelt verschloss. Aber dieser Wesenszug ist nicht so ungewöhnlich. Das gängige Vorurteil, die Mathematiker seien sowieso alle ein bisschen verrückt und Nash nur ein bisschen verrückter, wird zwar angesprochen, trägt aber zur Erklärung nichts bei. In den ungewöhnlich heftigen Auseinandersetzungen über die Vergabe des genannten Nobelpreises, die Nasar sehr ausführlich ausbreitet, spielt die Person Nash nur eine Nebenrolle.

Seine mathematischen Leistungen werden zitiert; aber das bringt zumindest in der deutschen Ausgabe nicht viel. So wie es aussieht, ist es der Autorin gelungen, die wesentlichen Aussagen korrekt wiederzugeben, wenn auch nicht groß zu erläutern; aber in der Übersetzung sind die meisten Fachbegriffe hoffnungslos verhunzt.

Der Inhalt hätte nur etwas eingedampft (und dann fachlich korrekt übersetzt) werden müssen: Dann wäre es sogar ein ausnehmend gutes Buch geworden.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 2000, Seite 106
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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