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Wolfgang-Paul-Preis: 'Ausgezeichnet': Braingain statt Braindrain

Attraktive Preisgelder sollen Spitzenforschern aus dem Ausland gute Arbeitsbedingungen an deutschen Universitäten bieten.


Exklusiver als der Nobel-Preis ist der "Wolfgang-Paul-Preis", den die Alexander von Humboldt-Stiftung am 6. November 2001 vergeben hat. Er wird nur einmal verliehen, und mit Preisgeldern von bis zu 4,5 Millionen Mark ist er der höchst dotierte Preis in der deutschen Wissenschaftsgeschichte. Die Gelder sollen es den 14 ausgezeichneten internationalen Spitzenforschern ermöglichen, ihre Arbeiten drei Jahre zu finanzieren. Der Preis ist nach dem deutschen Teilchenphysiker und Nobelpreisträger Wolfgang Paul (1913-1993) benannt, der von 1979 bis 1989 Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung war.

Drei der vier deutschen Wissenschaftler, die prämiert wurden, arbeiteten bislang in den USA, einer in Großbritannien. Sie sollen nach Möglichkeit wieder dauerhaft in Deutschland forschen und lehren. Denn nicht zuletzt möchte Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn mit diesem Preis die Abwanderung deutscher Wissenschaftler umkehren – sie hat dazu das Motto "Braingain statt Braindrain" ausgegeben. Die insgesamt 50 Millionen Mark Preisgeld des Wolfgang-Paul-Preises stammen aus dem unerwarteten Geldregen, den die Versteigerung der UMTS-Lizenzen an Mobilfunkanbieter der Bundesregierung bescherte. Aus den Zinsen dieser Erlöse speist sich ein Zukunftsinvestitionsprogramm für die deutsche Forschungslandschaft.

Die beiden Molekularbiologen Hilmar Bading (42) und Joachim Herz (43) führt der Preis wieder zurück nach Heidelberg, wo sie studiert und promoviert haben. Der Forschungsschwerpunkt von Bading sind die molekularen Grundlagen von Lern- und Gedächtnisvorgängen. Im Netz der unvorstellbar vielen Nervenzellen werden die in Form von elektrischen Signalen eintreffenden Informationen schließlich auf molekularer Ebene weiterverarbeitet. Bading, bisher in Cambridge (Großbritannien) tätig, interessiert sich vor allem für die Kommunikationswege, die von der Zelloberfläche bis in den Zellkern führen und dort die Genaktivität verändern. Als zentralen Regulator hat er das Metallion Calcium ausgemacht, welches nicht nur bestimmte Signalwege aktiviert, sondern selbst in den Zellkern eindringen kann. Wird die Nervenzelle etwa bei einem epileptischen Anfall oder einem Herzinfarkt überaktiviert, kann ihr genetisches Zusammenspiel so aus dem Takt geraten, dass sie degeneriert oder sogar abstirbt. Badings Ziel ist es, herauszufinden, wie das Schicksal der Nervenzelle von der Form des Calcium-Signals abhängt.

Auch Joachim Herz, bislang an der Universität von Texas in Dallas, untersucht Vorgänge in Nervenzellen. Er erforscht eine Familie von Oberflächenmolekülen, die sowohl für die Gehirnentwicklung als auch beim Entstehen der Alzheimer-Erkrankung eine wichtige Rolle spielen. Darunter sind Rezeptoren, die das Apolipoprotein E (kurz Apo E) binden. Apo E ist maßgeblich an dem Cholesterin-Transport beteiligt und mit der Entstehung von Alzheimer assoziiert. Die bisherigen Arbeiten von Herz haben gezeigt, dass die Apo-E-Rezeptoren insbesondere die Wanderung von neuen Nervenzellen in der Hirnrinde steuern – eine mögliche Basis für Medikamente, die gezielt vor Alterungserscheinungen schützen oder Folgeschäden von Schlaganfällen vermindern könnten.

Zwischen all den Naturwissenschaftlern ist die einzige Frau unter den Preisträgern, die Linguistin Christiane Fellbaum (50), geradezu eine Exotin. Sie beschäftigt sich mit Wortverbindungen, so genannten Kollokationen, die von den üblichen Wörterbüchern – wie es ein passendes Beispiel benennen würde – meist unter den Teppich gekehrt werden. Das liegt vor allem daran, dass sich die Bedeutung solcher Wortverbindungen gewöhnlich nicht aus festen Regeln erschließen lässt. Fellbaum hat mit ihren Mitarbeitern an der Universität Princeton völlig neuartige Computerverfahren entwickelt, um aus dem englischen Sprachschatz ein weit verzweigtes Netz von Zusammenhängen zu extrahieren. Das "Wordnet" genannte Projekt bildet das Vorbild für das "Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts", an dem Christiane Fellbaum, finanziert mit den 3,1 Millionen Mark des Wolfgang-Paul-Preises, forschen soll. Aus einem gigantischen Textkorpus mit jeweils bestimmten Anteilen Belletristik, journalistischen Texten, Fachliteratur, Gebrauchstexten und gesprochener Sprache – insgesamt ungefähr 500 Millionen Wörter – soll im Internet unter anderem ein umfassendes Verzeichnis der Kollokationen entstehen. In ihm lässt sich auch deren Bedeutungswandel im Laufe der Zeit nachvollziehen – ein Aspekt der etwa für die Praxis des Übersetzens von großer Bedeutung ist.

Der vierte aus Deutschland stammende Preisträger, der Biophysiker Josef Käs (39), studierte und promovierte an der Technischen Universität München. Zuletzt leitete er seit 1996 eine eigene Forschungsgruppe an der Universität von Texas in Austin. Mit einem selbst entwickelten Lasergerät versucht Käs die komplexen elastischen Eigenschaften des Cytoskeletts von Zellen zu vermessen. Änderungen in diesem höchst wandelbaren Polymernetzwerk gehen meist auch mit Änderungen der Zellfunk-tionen einher. Daher könnten sich Krebszellen schon frühzeitig durch abweichende elastische Eigenschaften verraten. Dieses nachzuweisen scheitert jedoch bislang noch an zu mühseligen oder an unausgereiften Verfahren. Josef Käs möchte deshalb mit seinen Forschungen auch eine Grundlage für neue Methoden in der Krebsdiagnostik schaffen.

Ob die deutschen Wissenschaftler und die restlichen Preisträger in Deutschland langfristig heimisch werden, muss die Zeit zeigen. Christiane Fellbaum etwa behält ihre Stelle in Princeton, eine Rückkehr für immer plant sie nicht. Auch bleibt zu fragen, ob die positive Signalwirkung des Wolfgang-Paul-Preises nicht allzu schnell verpufft. Denn so schnell wird es nicht wieder wie im Falle der lukrativen UMTS-Lizenzen Milliarden vom Himmel regnen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2002, Seite 98
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2002

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