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Australiens alte Raubbeutler

Vor 15 Millionen Jahren bevölkerten Riesen-Rattenkänguruhs, Riesen-Beutelmarder, Beutellöwen und Beutelwölfe Australien. Heute sind diese Fleischfresser alle ausgestorben.


Die Szene spielt vor 15 Millionen Jahren in Nordost-Australien. Eine Beuteldachsmutter wagt sich aus dem Schutz der dichten Vegetation und führt ihre Jungen behutsam zu einem flachen Tümpel. Noch verhüllt der Frühnebel den Regenwald. Unablässig bewegen sich die Ohren der kleinen Nasenbeutler, als sie ihre Schnauzen vorsichtig ins Wasser tauchen, denn jedes Knacken oder Rascheln im Unterholz kann Gefahr bedeuten.

Aus dem nebligen Dickicht schießt plötzlich ein großes, dunkles, zottiges Etwas. Mit einem Satz greift das Muskelpaket eines der Jungtiere, durchbohrt es mit seinen weit vorstehenden Zahndolchen und schleppt es ins Gebüsch.

Tagtäglich werden Tiere von ihren Räubern gefressen. Doch für Australien in der erdgeschichtlichen Epoche des Miozäns, also vor rund 25 bis 5 Millionen Jahren – im Jungtertiär –, hätten viele eine solche Szene nicht erwartet. Denn das Raubtier ist ein engerer Verwandter der Känguruhs: Es handelt sich um ein "Starkzähniges Riesen-Rattenkänguruh", wissenschaftlich Ekaltadeta ima (Bild auf Seite 72 rechts oben).

Heute leben in Australien nur wenige Arten größerer warmblütiger Fleischfresser, und die meisten davon kommen zudem selten vor. Die größten heimischen Arten sind der Tüpfelschwanzbeutelmarder (Dasyurus maculatus; manchmal auch Fleckenbeutelmarder oder Riesenbeutelmarder genannt) und der Beutelteufel (Sarcophilus harrisii, Bilder auf Seite 74), der allerdings nur noch auf Tasmanien überlebt hat; auf dem Festland verschwand er vor 600 Jahren. Der in Australien verbreitete Dingo ist ein verwilderter Hund, also kein Beuteltier; er kam mit dem Menschen auf den Kontinent, vielleicht erst vor 4000 bis 5000 Jahren. Der Tüpfelschwanzbeutelmarder kann rund sieben Kilogramm wiegen, der Beutelteufel mit neun Kilogramm etwas mehr. Europäischstämmige Australier nennen die Gruppe der Beutelmarder "native cats". Der gedrungene Beutelteufel – auch Tasmanischer Teufel genannt –, der aussieht wie ein Schoßhund mit einem Hyänenkopf, dürfte von allen Raubtieren der Welt der geringste Feinschmecker sein: Er verzehrt die Kadaver mit Haut und Haaren samt Zähnen.

Wissenschaftler stellen beide Arten in die zoologische Familie Dasyuridae. In diese Gruppe gehören neben verschiedenen Beutelmardern auch die Beutelmäuse, viele kleine, am ehesten an Spitzmäuse erinnernde insektenfressende Arten.

Noch vor kurzem bezweifelten manche Forscher, daß Australien jemals ei-ner umfangreichen Fauna warmblütiger Großraubtiere Lebensraum geboten hat. In diesem Sinne äußerte sich erst kürzlich Tim Flannery vom Australian Museum in Sydney. Seines Erachtens hätten nährstoffarme Böden und ein wechselhaftes Klima zumindest in den letzten ungefähr 20 Millionen Jahren keine sonderliche evolutive Entfaltung großer warmblütiger Raubtiere erlaubt – kein Kontinent hat heute so viel unfruchtbaren Boden wie Australien. Unter diesen Bedingungen hätten die Pflanzen einfach nicht genügend Biomasse für viele große Pflanzenfresser produzieren können. Damit aber hätte großen Raubsäugern die Nahrungsgrundlage gefehlt. Vielmehr hätten die Nische der großen Raubtiere im Ökosystem, so vermuten Flannery und einige seiner Kollegen, Reptilien innegehabt: etwa der sieben Meter lange, vor etwa 25000 Jahren ausgestorbene Waran Megalania prisca (Bild Seite 76; siehe auch Spektrum der Wissenschaft, Mai 1999, S. 48), und Riesenschlangen wie die bis fünf Meter langen, dicken Wonambi-Arten. Wechselwarme Räuber, so die Argumentation der Paläo-Zoologen, hätten Mangelzeiten besser überdauern können, weil sie mit viel weniger Futter auskamen.

Kürzliche Funde, vor allem von Riversleigh in Queensland, lassen diese These aber fraglich erscheinen. Schon um 1900 hatte der britische Forscher W. E. Cameron bei dem abgelegenen Ort nahe dem Golf von Carpentaria die ersten Fossilien gefunden. Er hielt sie aber für "ziemlich jung", kaum zwei Millionen Jahre alt. Und weil die Gegend Grabungen höchstens im Winter erlaubt, da sie im Sommer wegen der Hitze und der Monsunregen praktisch unzugänglich ist, haben die Paläontologen sie gern außer acht gelassen. Erst wieder 1963 wagten sich Richard Tedford vom Amerikanischen Museum für Naturgeschichte in New York und Alan R. Lloyd vom Australischen Amt für Bodenmineralien dorthin, um nach Fossilien zu suchen. Die vorgefundenen Knochen waren interessanter und auch älter, als die Forscher erwartet hatten, jedoch bruchstückhaft und schwer zu bergen.



Unerwartete Konkurrenz



Trotzdem erregten ihre Berichte das Interesse anderer Experten. Für den Clou sorgte 1983 Michael Archer, der heutige Direktor des Australian Museum in Sydney und mein Doktorvater. In einer Arbeitspause bemerkte er plötzlich direkt vor seinen Füßen einen großen Felsblock voller Fossilien. Darin steckten die Überreste von ungefähr ebenso vielen neuen Säugetierarten des Tertiärs, wie die Paläontologen seit der europäischen Entdeckung insgesamt für Australien beschrieben hatten.

Seitdem ist eine Fülle weiterer Arten ans Tageslicht gekommen, darunter auch unerwartet viele Großraubtiere. Etliche dieser Fossilien sind außerordentlich gut erhalten – manche kann man auf den ersten Blick tatsächlich mit Knochen eben verwester Kadaver verwechseln.

Die meisten der Tiere dürften in Kalksteinhöhlen umgekommen sein. Das an Calciumcarbonat reiche Wasser hat die Knochen rasch durchsetzt und so perfekt konserviert. Besonders eindrucksvoll ist die Palette der größeren Raubtiere: In ihrer Gefährlichkeit als Beutegreifer standen sie heutigen Raubsäugern sicherlich nicht nach, auch wenn sie uns heute äußerst fremdartig anmuten. Seit 1985 haben die Forscher neun neue Arten von Großräubern aus Riversleigh beschrieben, von denen keine kleiner war als der Tüpfelschwanzbeutelmarder, einige hingegen deutlich größer. Die Zahl heute ausgestorbener australischer Großraubtierarten aus der Epoche vor mehr als fünf Millionen Jahren hat sich damit mehr als verdoppelt. Zur dieser Fauna zählten nach jetzigen Kenntnissen damals zwei Riesen-Rattenkänguruhs, neun Beutelwölfe, fünf Beutellöwen sowie ein Beutelmarder.

Die Riesen-Rattenkänguruhs stellen die Wissenschaftler zur Unterfamilie Propleopinae. Sie haben einen lebenden Verwandten, das Moschus-Rattenkänguruh (Hypsiprymnodon moschatus; siehe Stammbaum auf Seite 75). Diese Art aus den Regenwäldern Queenslands, ein "lebendes Fossil", ähnelt mit ihren 350 bis 700 Gramm in manchem wirklich einer Ratte (Bild auf Seite 74). Die Tiere ernähren sich von Kleingetier und allen möglichen Pflanzen. Als einziges Bodenkänguruh können sie nicht nach Känguruh-Art auf den Hinterbeinen hüpfen. Das Moschus-Rattenkänguruh ist der letzte und kleinste Vertreter einer Familie mit einst sehr wehrhaften, muskulösen Arten: Die Riesen-Rattenkänguruhs wogen zwischen schätzungsweise 15 und 60 Kilogramm und konnten wohl auch nur auf allen Vieren hoppeln.

Die Beutelwölfe (Familie Thylacinidae) und die Beutellöwen (Thylacoleonidae) haben ihre Namen von oberflächlichen Ähnlichkeiten mit hunde- beziehungsweise katzenartigen Vertretern der "placentalen Säuger" oder "Placentalia". (So heißen alle "höheren" Säugetiere, die den Fetus über eine hochentwickelte Plazenta ernähren; im Gegensatz dazu gebären die meisten Beuteltiere ihre Jungen in einem sehr unreifen Stadium und versorgen sie dann in einem Brutbeutel.) Die letzten Exemplare der einzigen Beutelwolf-Art, die noch bis in dieses Jahrhundert vorkam, wenn auch zuletzt nur noch auf Tasmanien (Bild rechts unten), hat der Mensch um 1930 erlegt. Wegen ihres großenteils ungerechtfertigten Rufes als Schafjäger hat er die Art ausgerottet. (Auf dem australischen Kontinent hatte der Beutelwolf schon vorher dem Dingo weichen müssen, mit dem er offenbar nicht konkurrieren konnte.) Die Beutellöwen sind bereits eher ausgestorben, die letzte Art vermutlich erst, als der Mensch schon nach Australien vorgedrungen war. Den Katzenartigen vergleichbar hatten sie kurze, breite, kräftige Schädel, und sie dürften auch ähnliche ökologische Funktionen innegehabt haben. Die kleinste Art war etwa so groß wie eine Hauskatze, die größte erreichte das Gewicht eines Löwen (Bild oben).

Trotz der oberflächlichen Ähnlichkeiten mit placentalen Säugern waren all dies eindeutig Beuteltiere oder wissenschaftlich Marsupialier (nach dem griechischen und lateinischen Wort für Beutel). Natürlich fossiliert ein Bauchbeutel als reine Hautstruktur nicht. Ob die einzelnen Arten einen besaßen, und wie der aussah, kann man deswegen nicht eindeutig sagen. Aber in der zoologischen Systematik werden die Marsupialier ohnehin nicht nach dem Brutbeutel klassifiziert (auch einige heutige Beutelratten haben keinen), sondern nach bestimmten Knochen- und Gebißmerkmalen – und danach gehören die Riversleigh-Raubtiere eindeutig zu den Beuteltieren.

Während weiter Zeiten des Miozäns, das etwa von vor 25 bis vor 5 Millionen Jahren dauerte, war Australien von Küste zu Küste grün: Auf vielen der heutigen Savannen- und Wüstengebiete stand damals Regenwald. Diese Wälder müssen ein Eldorado der Evolution gewesen sein – jedenfalls unterhielten sie mehr Lebensformen als jede heutige australische Region.

Das Starkzähnige Riesen-Rattenkänguruh, das in jener Epoche lebte, zählt zu den ältesten Rattenkänguruhs. (Fünf weitere Arten von Riesen-Rattenkänguruhs sind aus jüngeren Ablagerungen bekannt.) Mit 10 bis 20 Kilogramm war es von allen Riesen-Rattenkänguruhs das kleinste. Die beiden fast vollständig erhaltenen Schädel von ihm liefern uns das bislang beste Bild von den Nahrungsgewohnheiten dieser Raubbeutlergruppe.

Weil diese Tiere von pflanzen- bis allesfressenden Vorfahren abstammten, ist ihre Lebensweise noch strittig. Einig sind sich die Wissenschaftler heute aber, daß zur Nahrung der Riesen-Rattenkänguruhs Fleisch gehörte: Das bezeugen Zahn- und Schädelmerkmale, und man hat sogar Spuren an den Zähnen gefunden, die aussehen, als stammten sie vom Beißen auf Knochen.

Viele meinen, räuberische Säugetiere würde man an den mächtigen Eckzähnen erkennen. Oft trifft das auch zu – aber nicht immer. Nicht wenige Menschen verzehren mehr Fleisch als manches sogenannte Raubtier. Trotzdem sind unsere Eckzähne klein, die von Gorillas dagegen, die sich praktisch rein vegetarisch ernähren, sehr ausgeprägt. (Ihre Eckzähne erfüllen einen sozialen Zweck.) Das wirklich verläßliche anatomische Merkmal eines landlebenden Raubsäugers sind Backenzähne mit Schneidekanten. (Vielen Placentaliern dienen die Eckzähne als "Fangzähne", die scharfkantigen Backenzähne hingegen als "Reißzähne" und auch als Brechschere aus dem oberen und dem unteren Zahn.)

Bei den weniger rein auf Fleischfressen spezialisierten Arten der placentalen Raubtiere tragen die letzten zwei bis vier Backenzähne im Unter- wie Oberkiefer charakteristischerweise breite Kronen, mit denen das Tier hauptsächlich Pflanzenteile zermahlt oder besser zerquetscht. Die Reißzähne zum Zertrennen von Muskeln, Haut und Sehnen sitzen direkt davor. Solch ein Gebiß haben auch einige Riesen-Rattenkänguruhs und einige Beutellöwen. Anders diejenigen Arten dieser Gruppen von Placentaliern wie Beuteltieren, die besonders stark auf fleischliche Ernährung spezialisiert sind: Sie besitzen extrem vergrößerte Reißzähne. Die dahinter liegenden Quetschzähne dagegen sind kleiner geworden oder ganz verschwunden. Die Hauskatze etwa besitzt ein extrem angepaßtes Raubtiergebiß. Somit läßt sich an der Ausprägung dieser beiden Zahntypen ablesen, wie hoch der Fleischanteil der Nahrung einer Art ist.

In dieser Hinsicht ähnelten die Riesen-Rattenkänguruhs etwa Füchsen, die als ausgeprägte Nahrungsopportunisten auch gut Pflanzen zerkleinern können (Bild auf Seite 74 oben). Daneben weist der Schädel der Art Ekaltadeta ima durchaus typische Merkmale eines Fleischfressers auf: Er wirkt so robust, daß die Tiere eine kräftige Nacken- und Kiefermuskulatur besessen haben müssen, also vermutlich zappelnde Beute gut festhalten konnten. Lange Eckzähne im Unterkiefer hat E. ima allerdings nicht ausgebildet. Stattdessen wurden die unteren Schneidezähne zu weit vorstehenden Dolchen.

Aus all dem schließen einige Kollegen und ich, daß die Riesen-Rattenkänguruhs wohl Generalisten waren, die Fleisch fraßen, sofern sich die Gelegenheit bot, zusätzlich aber vielerlei pflanzliche Nahrung. Mindestens 25 Millionen Jahre lang haben diese ungewöhnlichen, fleischfressenden "Känguruhs" den australischen Kontinent verunsichert. Erst irgendwann in den letzten 40000 Jahren starben sie aus.

Sie teilten sich die Raubtiernischen mit Beuteltierarten aus anderen Verwandtschaftsgruppen. In den Bäumen etwa lebten die Beutellöwen, im Miozän vier Arten. Wie die Riesen-Rattenkänguruhs hatten auch die Beutellöwen Pflanzenfresser-Vorfahren. Die ursprünglichsten Arten hatten das für Allesfresser charakteristische Gebiß mit Quetsch- und Reißzähnen. Bei anderen haben sich die hinteren Backenzähne zum Zermahlen mehr oder weniger zurückgebildet, und die scharfen Reißzähne davor wurden übermächtig (Bild Seite 75 oben).

Insgesamt mindestens acht Beutellöwen-Arten haben Wissenschaftler schon formell beschrieben; zwei weitere untersucht zur Zeit Anna Gillespie von der Universität von New South Wales in Sydney. Früher war die Lebensweise der Thylacoleoniden unter den Experten durchaus umstritten, denn sie gehören nach derzeitiger Auffassung in dieselbe Verwandtschaftsgruppe wie die Wombats und der Koala, und das sind Pflanzenfresser. Die Verfechter einer vegetarischen Ernährungsweise mußten allerdings einige Phantasie aufbringen: Die extremste These besagte, Beutellöwen hätten Melonen gefressen – harte Pflanzen konnten sie mit ihren Backenzähnen schließlich nicht zerkauen.

Heute besteht aber Konsens, daß sich die Beutellöwen räuberisch ernährten. Viele Forscher stufen die jüngste Art, Thylacoleo carnifex, als das am meisten auf diese Lebensweise spezialisierte Säugetier ein, das unseres Wissens jemals lebte. Die Mahl-Backenzähne haben die Tiere praktisch aufgegeben, dafür legten sie sich außerordentlich vergrößerte Reißzähne zu (Bild rechts). Auch sie besaßen keine großen Eckzähne und mögen an ihrer Stelle die langen, vorstehenden Schneidezähne zum Töten benutzt haben.

Nur von T. carnifex haben Paläontologen ein vollständiges Skelett gefunden. Viele der Experten schätzen, die Tiere hätten Ausmaße von großen Wölfen oder vielleicht sogar Leoparden erreicht. Allerdings meinen andere Forscher, auch ich, daß man damit dem extrem robusten Skelett noch nicht gerecht wird: Unseres Erachtens könnte das Raubtier im Gewicht durchaus einem heutigen Löwen entsprochen haben. Der letzte Beutellöwe hatte unglaublich muskulöse Vorderbeine (Bild auf Seite 72). Sein kräftiger Körper war zwar sicherlich nicht für Ausdauerleistungen konstruiert. Dafür besaß das Tier aber Zähne wie Bolzenschneider und an den Vorderfüßen abspreizbare Daumen mit einziehbaren dolchartigen Krallen. Mit diesen Waffen hätte es wohl auch außerhalb Australiens Eindruck gemacht. Zweifellos konnte T. carnifex ziemlich große Beute erlegen, wahrscheinlich auch Tiere, die viel größer waren als er selbst. Nicht ganz klar ist, wie er seine großen Daumenkrallen einsetzte. Man kann sich aber vorstellen, daß kaum ein Opfer ihm wieder entkam, wenn er es einmal umklammert hielt.

Beutellöwen der Gattung Wakaleo waren kleiner, vielleicht leopardengroß. Auch sie stellten weniger Sprinter dar als vielmehr ausgesprochene Kraftpakete. Möglicherweise griffen diese Arten, wie vielleicht auch Thylacoleo, vorzugsweise von oben, von Bäumen herab, an – ähnlich wie Leoparden. Der kleinste Beutellöwe, Priscileo roskellyae, war nur etwa so groß wie eine Hauskatze. Vielleicht suchte diese Art ihre Beute direkt im Geäst. Meines Erachtens dürften die großen Beutellöwen zur Spitze der australischen Nahrungspyramide gehört haben.

Wenn man bedenkt, daß T. carnifex noch mindestens bis vor 50000 Jahren lebte, dann mußten die ersten menschlichen Besiedler Australiens sich vor ihm vielleicht noch vorsehen. Auf dem Waldboden hingegen dominierten einst die Beutelwölfe, denen sogar die Europäer noch begegneten, als sie vor über 200 Jahren nach Australien kamen. Sie fanden damals nur noch zwei Beuteltierfamilien mit größeren Raubtieren vor: die Tylaciniden mit einer einzigen übriggebliebenen Art, dem damals schon nach Tasmanien zurückgedrängten Beutelwolf, und die Dasyuriden mit über 60 beschriebenen Arten: dem Beutelteufel, mehreren Beutelmardern und zahlreichen Beutelmäusen, von denen manche ausgesprochen winzig sind und Insekten und anderes Kleingetier fressen.

Weil die Beutelmarder in jüngster Zeit alle anderen Raubbeutler an Artenvielfalt deutlich übertrafen, hatten die Paläontologen ein vergleichbares Zahlenverhältnis auch für frühere Epochen erwartet. Doch die Beutelwölfe hatten sie unterschätzt. Seit 1990 sind die Forscher in miozänen Schichten auf sieben neue Arten von ihnen gestoßen: Mitsamt dem Tasmanischen Wolf sind nun neun Spezies beschrieben und vier weitere in Bearbeitung. Hingegen kennen wir aus dem Miozän bisher nur eine Art, die eindeutig ein Beutelmarder ist. Es könnten zwar noch ein paar mehr werden, wenn vorliegendes bruchstückhaftes Fossilmaterial sich als zu Arten dieser Gruppe gehörig erweist. Aber selbst dann bliebe das Artenverhältnis beider Raubtierfamilien im Miozän ein völlig anderes als das heutige.

Die letzten Beutelwölfe in Tasmanien sollen um 1930 erlegt worden sein. Angeblich wurden auch später noch hin und wieder Tiere oder ihre Spuren gesichtet, doch in keinem Fall ist dies sicher belegt. Im Londoner Zoo lebte ein Beutelwolf bis 1934. Trotzdem ist gegenüber den Angaben über Biologie und Verhalten dieser Tierart gehörige Vorsicht angebracht. Zumindest soviel aber dürfte ziemlich sicher sein: Der Tasmanische Beutelwolf ähnelte der Mehrzahl der Caniden (der placentalen Hundeartigen) darin, daß er ein rein bodenlebender, langschnäuziger Jäger war, der wohl überwiegend Beute faßte, die kleiner war als er; er unterschied sich aber von den Caniden insofern, als er wenig daran angepaßt gewesen sein dürfte zu rennen – auch war er wohl kein Rudeljäger wie der Wolf. Und anders als die meisten Hundeartigen besaß er Backenzähne, die ihn als reinen Fleischfresser auswiesen.

Das Gebiß der Thylaciniden und Dasyuriden ist übrigens in besonderer Weise an das Fleischfressen angepaßt. Anders als bei Beutellöwen und Riesen-Rattenkänguruhs weist nämlich jeder einzelne Backenzahn sowohl eine vertikal schneidende Kante als auch eine Quetschfläche auf. Die extremen Fleischfresser dieser beiden Gruppen haben dann Backenzähne mit sämtlich reduzierter Quetschfläche und vergrößerter Schneidefläche.

In der Tat haben sich alle Beutelwölfe weitgehend räuberisch von Wirbeltieren ernährt, wenn auch die kleineren, weniger spezialisierten Arten vielleicht zusätzlich Insekten fraßen. Ein großer Teil von ihnen ähnelt dem typischen placentalen Hundeartigen noch weniger als der letzte Beutelwolf: Manche der Miozän-Arten waren im Vergleich zu dem tasmanischen Vetter klein, und eine, Wabulacinus ridei, hatte einen kurzen, mehr katzenartigen Schädel. Es ist noch nicht einmal sicher, ob alle miozänen Thylaciniden bodenlebend waren, da von den meisten von ihnen nur Zahn- und Kieferbruchstücke überliefert sind. Eine wunderschöne Ausnahme bildet ein 15 Millionen Jahre altes Fossil von Riversleigh mitsamt Schädel und weitgehend vollständigem Skelett. Zumindest dieses Tier dürfte sein Leben auf dem Boden zugebracht haben.

Noch eine aufregende Notiz mehr am Rande meines Themas: In den letzten Monaten haben Henk Godthelp von der Universität von New South Wales in Sydney, Archer und ich ein mausgroßes Beuteltier neu beschrieben, das aus rund 55 Millionen Jahre alten Ablagerungen von Murgon in Südost-Queensland stammt. Das Gebiß dieses Tieres ist dermaßen unspezialisiert und urtümlich, daß die genauere Verwandtschaft mit bestimmten anderen Linien der Beuteltiere sehr schwer zu bestimmen ist. Die neue Art könnte ein Vorfahr der Thylaciniden und Dasyuriden sein – vielleicht aber sogar einer von allen australischen Beutlern, den Australidelphia, wie Taxonomen die heutigen Beuteltiere von Australien insgesamt nennen. Möglicherweise gehört das Tier nicht einmal in die engere Verwandtschaft dieser Untergruppe der Marsupialia, sondern in die der überwiegend südamerikanischen Ameridelphia, heute meist recht kleine und teils recht urtümliche Arten. (Eine Opossumart ist bis nach Nordamerika vorgedrungen.) Die Landmassen von Südamerika und Australien bildeten nämlich einst zusammen mit der antarktischen den Südkontinent Gondwana, und nach Meinung einiger Wissenschaftler sind nur engere Verwandte der Australidelphia nach Australien gelangt, bevor Gondwana endgültig auseinanderbrach. Vielleicht ergibt sich nun ein anderes Bild der Frühgeschichte der typisch australischen Säugetierfauna.

Was geschah später mit den vielen großen australischen Raubbeutlern des Miozäns? Die letzte Art der Beutellöwen beziehungsweise der Riesen-Rattenkänguruhs – Thylacoleo carnifex und Propleopus oscillans – starben vor gar nicht langer Zeit aus. Wahrscheinlich streiften sie noch umher, als die ersten Menschen vor 50000 Jahren oder mehr in Australien eintrafen – weswegen manche Wissenschaftler meinen, die frühen australischen Aborigines hätten den letzten Großräubern den Garaus gemacht.

Bisher ließ sich diese These nicht beweisen, doch bleibt der Einfluß des Menschen bereits während der langen Phase, bevor Europäer sich den Kontinent aneigneten, ein heiß diskutiertes Thema. Fest steht zumindest, daß die Ureinwohner praktisch geholfen haben, den Tasmanischen Wolf vom australischen Festland zu verdrängen, indem sie dort den Dingo einführten, der dem Beutelwolf überlegen war; nur im tasmanischen Exil konnte das australische Raubtier sich noch bis in neuere Zeit behaupten. Eine menschliche Beteiligung am Aussterben der anderen Arten ist weniger deutlich und wird wohl auch nie vollständig zu klären sein. Auf jeden Fall zeigen die Fossilfunde, daß die Artenvielfalt von großen Raubbeutlern ihre Spitze im frühen bis mittleren Miozän erreichte und lange vor Ankunft des Menschen schon rasant sank. So leb-ten im Mittel-Miozän mindestens fünf Beutelwolf-Arten, aber im Spät-Miozän nur noch zwei, und nur eine Art kam je mit dem Menschen in Berührung.

Offensichtlich bewirkten den Schwund andere, nicht menschengemachte Verhältnisse. Die Ureinwohner hätten das Aussterben, das lange vor ihrer Ankunft eingesetzt hatte, dann wohl nur beschleunigt. Der wahrscheinlichste für den Artenverlust verantwortliche Faktor ist Austrocknung. Vom mittleren Miozän an herrschten in Australien zunehmend stärkere Eiszeitbedingungen, was mit zurückgehenden Niederschlägen und fallendem Meeresspiegel einherging. In den letzten etwa zwei Millionen Jahren kulminierte dieser Prozeß: Die australische Tierwelt mußte etwa 20 Eiszeiten aushalten. Die letzte, sehr harte, war noch nicht einmal die schwerste.

So glauben denn viele Forscher, daß beides – Klimaveränderungen und ein durch menschliche Einwanderungen entstandener Druck – daran mitwirkte, daß die Mehrzahl der größeren pflanzenfressenden Beuteltiere ausstarb und damit die Nahrungsgrundlage der großen Raubbeutler schwand. Von den einst Dutzenden Arten von großen Räubern, die einmal Australien verunsicherten, haben nur der Tüpfelschwanzbeutelmarder und der Beutelteufel – der Tasmanische Teufel – überlebt. Für den Verlust des letzten Beutelwolfes tragen die weißen Australier volle Verantwortung. Es wäre folgenschwer, wenn auch die letzten beiden Arten sein Schicksal teilen müßten.

Literaturhinweise


Riversleigh: The Story of Animals in Ancient Rainforests of Inland Australia. Von M. Archer, S. Hand und H. Godthelp. Reed Books, 1994.

Killer Kangaroo. Von S. Wroe in: Australasian Science, Band 19, Heft 6, S. 25-28, Juli 1998.

The Geologically Oldest Dasyurid, from the Miocene of Riversleigh, Northwestern Queensland. Von S. Wroe in: Palaeontology, im Druck


Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1999, Seite 70
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
8 / 1999

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 8 / 1999

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