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Authentizität: Eine nützliche Illusion

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Authentizität wird allgemein hoch geschätzt. Von Kindesbeinen an lernen wir, man soll am besten »einfach man selbst« sein. Und zahllose Selbsthilfebücher erklären uns, wie wichtig es ist, seinem wahren Ich getreu zu leben. Wie selbstverständlich betrachten die meisten Laien dies als eine Fähigkeit, die es zu kultivieren gilt. Auch in der wissenschaftlichen Psychologie gewann das Konzept in den letzten Jahren mit Hunderten von Fachartikeln und Konferenzen an Bedeutung. Doch je genauer man es betrachtet, desto verworrener erscheint es.

Das beginnt bereits damit, dass es viele verschiedene Definitionen davon gibt, was »authentisch sein« bedeutet. Ist man es beispielsweise dann, wenn man sich so verhält, wie es den eigenen körperlichen Zuständen oder Gefühlen entspricht, egal wie diese aussehen mögen? Oder ist vielmehr derjenige authentisch, der gemäß seinen bewussten Überzeugungen und Werten handelt? Anders gefragt: Sind wir uns treu, wenn wir dem Kellner die Meinung geigen, weil wir uns über das schlechte Essen ärgern, oder wenn wir trotzdem höflich bleiben, weil wir das für erstrebenswert halten?

Schon lauert das nächste Problem: Die Selbstauskünfte von Probanden sind mit großer Unsicherheit behaftet. Menschen wissen oft einfach nicht sehr gut, wie sie sind und warum sie so handeln, wie sie es tun. Die Psychologen Timothy Wilson und Elisabeth Dunn legten bereits 2004 in einem viel zitierten Übersichtsartikel dar, wie wenig Verlass auf die subjektive Innenschau ist, die Introspektion. Die Belege dafür, dass wir uns systematisch für anders, zum Beispiel für freundlicher, intelligenter oder moralischer halten, als wir sind, füllen Bände (siehe auch Gehirn&Geist 7/2019, S. 12). Nur danach zu fragen, wie treu sich jemand zu sein glaubt, gibt daher keinen sicheren Aufschluss.

Der wohl größte Haken aber scheint die Idee vom »wahren Ich« selbst zu sein. Wie der Psychologe Carl Rogers (1902–1987) einmal bemerkte, steht am Beginn einer Psychotherapie häufig die Frage ...

3/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 3/2020

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Quellen

Jongman-Sereno, K. P., Leary, M. R.: The enigma of being yourself – a critical examination of the concept of authenticity. Review of General Psychology 23, 2019

Jongman-Sereno, K. P., Leary, M. R.: Self-perceived authenticity is contaminated by valence of one’s behavior. Self and Identity 15, 2016

Stanley, M. L. et al.: I’m not the person I used to be: The self and autobiographical memories of immoral actions. Journal of Experimental Psychology: General 146, 2017