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Autismus

Kinder, die an dieser Entwicklungsstörung leiden, sind in ihren Fähigkeiten, zwischenmenschliche Beziehungen aufzunehmen und zu kommunizieren, schwer beeinträchtigt|; sie wirken oft wie von der Außenwelt abgekapselt. Der zugrundeliegende biologische Defekt ist zwar unheilbar, doch läßt sich vieles tun, damit sich autistische Menschen leichter im Leben zurechtfinden.

Wie Schneewittchen im gläsernen Sarg – das Motiv drängt sich manchmal auf, wenn von Autismus die Rede ist. Das wunderhübsche, aber unnahbare Kind ist so weit weg und doch greifbar nah. Kann der böse Zauber, wie im Märchen, doch einmal gebrochen werden? Schon immer haben sich Eltern an diese Vorstellung geklammert und gehofft, eines Tages würden geeignete Mittel und Wege gefunden. Heilmethoden werden angepriesen und erprobt, doch keine läßt sich empirisch stützen. Vielleicht ist es an der Zeit, das Märchenbild durch ein realistischeres zu ersetzen, das auf wissenschaftlichen Methoden fußt. Aber ist es denn überhaupt möglich, sich ein Bild vom wahren inneren Wesen eines autistischen Menschen zu machen?

Psychologische und physiologische Forschungen haben jetzt gezeigt, daß die Betroffenen sich keineswegs in sich selbst zurückgezogen (griechisch autos) haben, wie ihr Verhalten es nahelegt (Bild 1); sie sind vielmehr Opfer eines biologischen Defekts, der ihre Psyche und ihren Intellekt, ihr Erleben und Handeln gänzlich verschieden von dem Gesunder macht. Trotz der tiefgreifenden Unterschiede sind sie aber emotional ansprechbar.

Es ist nicht abwegig, Autismus mit Blindheit zu vergleichen. Ähnlich wie der Blinde unfähig ist, die Welt leibhaftig zu sehen, so scheint der autistische Mensch nach neueren Erkenntnissen außerstande zu sein, das Innenleben von Personen wahrzunehmen. In gewissem Sinne könnte man von einer Blindheit für psychische Vorgänge sprechen – analog zu der für physische.

Autismus ist freilich keine Blockade von Sinneseingängen. Das macht ihn zu einem schwierigeren Problem – wissenschaftlich wie für das Allgemeinverständnis: Wer vermag sich schon ohne weiteres vorzustellen, was Blindheit für psychische Vorgänge bei einem Menschen eigentlich bedeutet.

Wie echte Blindheit bleibt Autismus lebenslang bestehen; doch helfen auch hier spezielle erzieherische und betreuerische Strategien den Betroffenen und ihren Familien, im praktischen Leben damit fertigzuwerden. Manche Autisten können zwar ihre Behinderung erstaunlich gut bewältigen, aber andere stürzt sie in Angst, Panik oder Depression. Vieles läßt sich tun, um solchen Problemen vorzubeugen. Wie auch immer die Bemühungen aussehen – der erste Schritt muß stets sein, das Wesen dieser Behinderung zu begreifen.

Beginn der Forschung vor fünfzig Jahren

Historischen Quellen zufolge ist Autismus kein neuartiges Krankheitsbild; erstmals als solches beschrieben hat es aber erst 1943 Leo Kanner von der Psychiatrischen Kinderklinik der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore (Maryland). In seiner bahnbrechenden Abhandlung mit dem Titel „Autistische Störungen des affektiven Kontakts“ stellte er Beobachtungen an elf Kindern vor, die eine erkennbar eigene Gruppe von Patienten bildeten. Alle hatten folgende Eigenheiten gemein: Sie sonderten sich von der Außenwelt ab, machten beharrlich immer dasselbe, wiederholten beispielsweise geradezu stereotyp einfache Laute, Sätze und Bewegungen, sie sträubten sich gegen Veränderungen alles Gewohnten, hatten seltsam eingeengte Interessen, zeigten Vorliebe für sogenannte komplexe ritualisierte Verhaltensweisen und zeichneten sich durch gewisse Fähigkeiten aus, die angesichts der Defizite bemerkenswert erschienen (Kanner sprach von Inselbegabungen).

Zur gleichen Zeit, wenn auch unabhängig von Kanner, schrieb Hans Asperger an der Universitätskinderklinik Wien seine Habilitationsarbeit über denselben Typus von Kindern. Auch er verwandte den Begriff autistisch bereits in der Überschrift, um auf die wesentlichen Merkmale der Störung zu verweisen. Beide Wissenschaftler hatten ihn der Erwachsenenpsychiatrie entlehnt, wo man damit insbesondere den bei Schizophrenen auftretenden progressiven Kontaktverlust zur Außenwelt charakterisiert. Autistische Kinder schienen jedoch bereits sehr früh unter einer solchen Kontaktarmut zu leiden, weshalb Kanner in seiner zweiten Veröffentlichung das Krankheitsbild als frühkindlichen Autismus bezeichnete.

Sein erster Fall, ein Junge namens Donald, diente lange als diagnostischer Prototyp des autistischen Kindes. Schon in ganz jungen Jahren war er auffällig anders als Gleichaltrige. Mit zwei Jahren konnte er Melodien fehlerfrei aus dem Gedächtnis nachsummen und nachsingen. Er lernte bald, bis hundert zu zählen sowie das Alphabet und die fünfundzwanzig Fragen und Antworten des presbyterianischen Katechismus aufzusagen. Donald war allerdings geradezu manisch darauf fixiert, Spielzeuge und andere Gegenstände wie Kreisel herumzudrehen. Anstatt so zu spielen wie andere Kleinkinder, nämlich mit Stofftieren oder Autos, ordnete er fast ausschließlich Perlen und andere Dinge säuberlich nach Farben oder warf sie immer wieder auf den Boden, offenbar entzückt über das Geräusch, das sie machten. Was man ihm sagte, nahm er stets wortwörtlich, ohne die zugrundeliegende Absicht des Sprechers zu verstehen (ein autistisches Kind antwortet beispielsweise auf die Frage, ob es das Salz reichen könne, mit ja, statt den Satz als Aufforderung zu verstehen).

Kanner bekam Donald erstmals mit fünf Jahren vorgestellt. Auffällig war, daß der Junge Menschen in seiner Umgebung keine Aufmerksamkeit schenkte. Wenn jemand in seine einsamen Beschäftigungen eingriff, wurde er niemals der Person gegenüber ärgerlich, schob aber ungeduldig die Hand beiseite, die ihm im Weg war. Einzig zu seiner Mutter hatte er einigermaßen sozialen Kontakt; aber auch das schien hauptsächlich daran zu liegen, daß sie sich ganz besondere Mühe gab, etwas mit ihm gemeinsam zu tun.

Als Donald etwa acht Jahre alt geworden war, bestand seine Konversation weitgehend aus sich wiederholenden Fragen. Seine Beziehungen zu anderen Menschen blieben auf seine unmittelbaren Wünsche und Bedürfnisse beschränkt, und er stellte den Kontakt ein, sobald man ihm seine Fragen beantwortet oder ihm gegeben hatte, was er wollte.

Einige der Kinder, die Kanner beschrieb, waren stumm. Doch auch die anderen, die sprachen, kommunizierten nicht wirklich, sondern gebrauchten Sprache in befremdlicher Weise. Der fünfjährige Paul etwa plapperte alles wie ein Papagei nach. So sagte er beispielsweise – analog der Frage der Mutter – „Willst du ein Bonbon“, wenn er „Ich will ein Bonbon“ meinte. Fast jeden Tag wiederholte er den Satz „Wirf den Hund nicht vom Balkon“, eine Äußerung, die seine Mutter auf einen Vorfall mit einem Spielzeughund zurückführte.

Zwanzig Jahre nach der ersten Untersuchung sah sich Kanner die mittlerweile erwachsenen Mitglieder der Gruppe noch einmal an. Einige schienen sich sozial viel besser angepaßt zu haben als andere – obwohl sie nach wie vor außerstande waren, wirkliche Gespräche zu führen und persönliche Beziehungen aufzubauen, und obwohl ihre Pedanterie und eingeengten Interessen fortbestanden. Voraussetzung, aber keine Garantie für das Erlernen gewisser sozialer Verhaltensweisen waren offenbar Spracherwerb vor dem fünften Lebensjahr und relativ hohe intellektuelle Fähigkeiten. Typischerweise begannen die intelligentesten Autisten sich als Heranwachsende unbehaglich zu fühlen; es schien, als ob sie dunkel ahnten, daß sie anders waren. Oft bemühten sie sich gezielt um Anpassung. Oft brachte dies neue Probleme. Aber selbst jene, die sich sozial gut anpaßten, vermochten selten Selbstvertrauen zu entwickeln oder freundschaftliche Beziehungen aufzubauen. Generell hilf-reich – unabhängig von Spracherwerb und Intellekt – schien nur eines zu sein: ein extrem geregeltes Umfeld.

Bald nach Bekanntwerden der bahnbrechenden Arbeiten über Autismus als eigenständiges Krankheitsbild bei Kindern fand jede größere Klinik Beispiele unter ihren Patienten. Dabei stellte sich heraus, daß außer den sozialen meist auch andere intellektuelle Fähigkeiten erheblich beeinträchtigt sind – ohne freilich Inselbegabungen auszuschließen (siehe Kasten auf Seite 50). So können viele dieser Kinder beispielsweise ohne weiteres ein vorgegebenes Mosaikmuster mit Spielsteinen nachbilden. Wenn es allerdings um Fragen geht, die sich nur mit Hilfe des gesunden Menschenverstands lösen lassen, dann versagen auch die Fähigsten.

Suche nach biologischen Ursachen

Autismus ist selten. Nach den von Kanner angewandten strengen Kriterien sind etwa vier von 10000 Kindern betroffen. Nach der gegenwärtig üblichen, etwas weiter gefaßten Definition der Symptomatik liegt dieser Anteil allerdings weit höher: bei ein oder zwei Fällen auf 1000 Geburten. Damit ist Autismus etwa so häufig wie das Down-Syndrom – ein auch als Mongolismus bekannter angeborener Defekt, der mit geistiger Behinderung einhergeht. Jungen sind zwei- bis viermal so häufig von Autismus betroffen wie Mädchen.

Viele Jahre lang hielt man Autismus für eine rein psychogene Störung ohne jede organische Ursache. Dies kam daher, weil sich mit den damals beschränkten Mitteln der Hirnforschung bei den Betroffenen oft keine neurologischen Probleme nachweisen ließen. So wurden immer wieder Theorien über mutmaßliche seelische Ursachen und ihre Abhilfe vorgeschlagen und ernstgenommen. Die zentrale Vorstellung war, daß ein kleines Kind aufgrund einer für es existentiell bedrohlichen Erfahrung – nämlich Ablehnung durch die Mutter – dazu getrieben werden könnte, sich so von sozialen Beziehungen zurückzuziehen, daß letztlich andere keinen Zugang zu seiner abgekapselten Innenwelt mehr fänden.

Dem liegen keinerlei wissenschaftliche Befunde zugrunde – und sie werden sich auch schwerlich finden lassen, weil es zahlreiche Fälle von extremer Ablehnung und Liebesentzug in der Kindheit gibt, die alle nicht zu Autismus geführt haben. Zudem sind die Eltern autistischer Kinder nicht weniger liebevoll als andere. Leider gibt es aber immer noch Therapien, die sich mehr oder weniger auf solche Vorstellungen stützen und die betroffenen Eltern dem Schuldgefühl aussetzen, daß sie für den vermeintlich vermeidbaren und angeblich durch eine entsprechende Behandlung korrigierbaren Zusammenbruch der zwischenmenschlichen Interaktion verantwortlich seien. Dagegen haben durchstrukturierte Programme zur Verhaltensmodifikation oftmals den Familien geholfen, mit einem autistischen Kind vor allem auch dann umgehen zu können, wenn sein Verhalten schwer gestört ist. Solche Programme erheben allerdings nicht den Anspruch, ihm zu einer normalen Entwicklung zu verhelfen.

Weil sich der Erklärungsansatz, die Wurzel des Übels sei eine psychische Schädigung, empirisch nicht stützen ließ, begannen verschiedene Wissenschaftler nach biologischen Ursachen der Krankheit zu suchen – mit noch immer wachsendem Erfolg. Wie später erläutert, geht die Annahme dahin, daß ein Defekt im Gehirn es autistischen Menschen unmöglich macht, sich ihrer eigenen Vorstellung bewußt zu werden, beziehungsweise die Innenwelt anderer Menschen zu begreifen.

Autismus scheint zudem in engem Zusammenhang mit mehreren anderen medizinischen Auffälligkeiten zu stehen. Dazu gehören eine Rötelerkrankung der Mutter während der Schwangerschaft, Chromosomen-Anomalien, frühe Hirnschädigungen und Anfälle. Wohl am beeindruckendsten sind Untersuchungsergebnisse, wonach in den meisten Fällen Autismus eine genetische Grundlage hat. So sind bei eineiigen Zwillingen, im Vergleich zu zweieiigen, sehr viel öfter beide betroffen als nur einer allein; und die Wahrscheinlichkeit, daß Autismus zweimal in derselben Familie auftritt, ist 50 bis 100mal so hoch wie nach dem Zufall zu erwarten.

Mittlerweile hat man mittels anatomischer Untersuchungen und moderner bildgebender Verfahren im Gehirn autistischer Menschen tatsächlich strukturelle Anomalien aufgedeckt. Ferner geht Autismus – wie epidemiologische und neuropsychologische Untersuchungen gezeigt haben – sehr oft mit geistiger Retardierung einher, die ihrerseits eindeutig mit neuralen Störungen zusammenhängt (Bild 2). Dieser Umstand fügt sich gut in die Vorstellung, daß Autismus aus der Beeinträchtigung einer bestimmten Hirnfunktion resultiere, die oft Teil einer ausgedehnteren Schädigung ist: Bei einer umfassenderen Anomalie wird die geistige Behinderung schwerer und zugleich die Wahrscheinlichkeit höher sein, daß das bei Autismus entscheidende System mitbetroffen ist. Umgekehrt ist es auch möglich, daß einzig das kritische System geschädigt ist; das wären die Fälle, in denen Autismus sozusagen in Reinform, nicht mit der Begleiterscheinung deutlicher geistiger Retardierung auftritt.

Neuropsychologische Tests haben ebenfalls Indizien dafür geliefert, daß bei Autismus eine ziemlich umschriebene Hirnanomalie vorliegt. So versagen ansonsten durchaus leistungsfähige autistische Menschen speziell bei Testaufgaben, die Planung, Eigeninitiative und spontane Entwicklung neuer Gedankengänge erfordern. Dieselben Defizite haben auch Patienten, bei denen der Stirnlappen geschädigt ist. Somit scheint es plausibel, daß – welche Struktur auch immer bei Autismus defekt sein mag – diese Region der Großhirnrinde mitbetroffen ist.

Eine Triade von Beeinträchtigungen

Lorna Wing und ihre Kollegen an der Sozialpsychiatrischen Forschungsstelle des britischen Medizinischen Forschungsrats in London haben bei Populationsstudien festgestellt, daß die verschiedenen Symptome des Autismus nicht einfach zufällig zusammen auftreten. Vor allem die Beeinträchtigungen von Kommunikation, Phantasie und sozialer Beziehungsfähigkeit sind Schlüsselmerkmale – sie bilden eine charakteristische Triade.

Die mangelhafte Kommunikationsfähigkeit zeigt sich an so unterschiedlichen Phänomenen wie Stummheit oder zumindest verzögertem Spracherwerb und der Schwierigkeit, Körpersprache zu verstehen oder selbst zu gebrauchen. Eine weitere, schon erwähnte Besonderheit ist, daß manche autistischen Personen zwar fließend sprechen, aber Gesprochenes nur wortwörtlich verstehen.

Die Einschränkung der Phantasie äußert sich bei autistischen Kleinkindern im stets monoton wiederholten Spiel mit den immer gleichen Gegenständen. Bei einigen Erwachsenen ist dafür das zwanghafte Interesse an bestimmten Fakten typisch; beispielsweise photographiert ein Patient, wo immer er hinkommt, alle Nummern von Laternenmasten, um sie zu sammeln.

Die Störung der sozialen Beziehungsfähigkeit erkennt man unter anderem daran, daß sich Autisten bei vielerlei zwischenmenschlichen Beziehungen – beispielsweise wenn es darum geht, Freundschaften zu schließen und zu pflegen – unangemessen verhalten. Dennoch sind viele von ihnen gern in Gesellschaft und darum bemüht, anderen gefällig zu sein.

Die Frage zu beantworten, warum diese Triade der Beeinträchtigungen – und gerade sie – auftritt, ist eine theoretische Herausforderung. Die von uns vorgeschlagene Theorie dreht sich um einen bestimmten kognitiven Mechanismus, der angeboren und nicht erkennbar ist. Man kann ihn nur sehr abstrakt definieren. Am besten läßt er sich noch durch eine seiner Hauptfunktionen beschreiben: psychische Gegebenheiten zu erfassen, die dem Handeln und Kommunizieren zugrunde liegen.

Unserer Theorie zufolge ist eben dieser Mechanismus bei autistischen Menschen geschädigt, und zwar – wie wir ferner annehmen – von Geburt an und infolge eines Defekts in einem einzigen zerebralen Substrat, sei es nun eine anatomische Struktur, ein physiologisches System oder eine chemische Übertragungsstrecke. Gelänge es, das betroffene Hirnsubstrat zu ermitteln, ließe sich wohl die biologische Ursache des Autismus identifizieren.

Die Bedeutung dieser kritischen kognitiven Komponente für die normale Entwicklung ist bereits in einem sehr frühen Alter zu erkennen. So beginnen Kinder normalerweise gegen Ende des ersten Lebensjahres ein Verhalten zu zeigen, das als gemeinsames Interesse bezeichnet wird. Beispielsweise können sie einzig deshalb auf etwas deuten, weil sie ihr Interesse daran mit jemand anderem teilen wollen. Wenn autistische Kinder auf einen Gegenstand zeigen, dann nur, weil sie ihn haben möchten. Suchen Kinder kein gemeinsames Interesse auf diese Weise, kann das durchaus eines der frühesten Anzeichen für eine autistische Störung sein.

Im zweiten Lebensjahr beobachtet man bei normalen Kindern einen Entwicklungsschritt, in dem sich die kritische kognitive Komponente geradezu dramatisch äußert: Sie beginnen, etwas vorzutäuschen, entwickeln also die Fähigkeit zu Phantasie- und Als-ob-Spielen. Autistische Kinder können solche Betätigungen nicht verstehen und geben auch in ihren eigenen Spielen nichts vor. Ihr Anderssein zeigt sich beispielsweise im typischen Mutter-und-Kind-Spiel, wenn ein Teddybär oder eine Puppe mit einem leeren Löffel gefüttert wird. Das normale Kind macht alle nötigen Bewegungen und begleitet sie mit den passenden Schlürfgeräuschen. Das autistische Kind dagegen findet solches Verhalten unerklärlich. Stattdessen neigt es zu einer anderen Art von Spiel, dreht etwa den Löffel um und um oder klopft mit ihm immer wieder auf den Tisch.

Gerade das Fehlen früher einfacher kommunikativer Verhaltensweisen wie gemeinsames Interesse und Als-ob-Spiele weckt in Eltern oft die ersten nagenden Zweifel daran, ob ihr Kind sich auch richtig entwickle. Sie haben das durchaus zutreffende Gefühl, daß sie es nicht in das übliche emotionale und soziale Wechselspiel einbeziehen können.

Unfähigkeit zur Meta-Repräsentation

Mein Kollege Alan M. Leslie hat ein theoretisches Modell jener Komponente der Kognition entwickelt, die den elementaren Fähigkeiten des gemeinsamen Interesses und des Als-ob-Spielens zugrunde liegt. Er postuliert einen angeborenen Mechanismus dafür, das herauszubilden und einzusetzen, was man als sekundäre oder Meta-Repräsentation bezeichnen könnte. Unsere Umwelt besteht nicht nur aus sichtbaren körperlichen Dingen und realen Ereignissen, die sich durch primäre Repräsentationen begreifen lassen, sondern auch aus unsichtbaren Gegebenheiten wie der Psyche eines Menschen und aus mentalen Ereignissen, die sekundäre Repräsentationen erfordern. Beide Arten von Repräsentationen müssen im Gedächtnis behalten und auseinander gehalten werden.

Diese Fähigkeit, wirkliche Objekte, Situationen und Ereignisse geistig zu repräsentieren und – davon entkoppelt – Gedanken, Pläne und Zielvorstellungen über reale Gegebenheiten, ermöglicht es, scheinbare Widersprüche zu lösen, wie sie bei der Informationsverarbeitung fortwährend auftreten. Angenommen, ein normales Kind sieht seine Mutter eine Banane so handhaben, als wäre diese ein Telephonhörer. In seinem Kopf existieren zwar Fakten über beide Objekte, also primäre Repräsentationen; dennoch ist das Kind nicht im geringsten verwirrt und wird nun nicht etwa anfangen, Telephonhörer zu essen oder in Bananen hineinzusprechen (es sei denn als Spiel). Vermieden wird dies, weil das Kind aus dem Konzept der Vortäuschung (einer sekundären Repräsentation) ableitet, daß seine Mutter gleichzeitig etwas Reales und etwas Imaginäres tut.

So wie Leslie diesen mentalen Prozeß beschreibt, sollte er als Herstellen ei- nes dreiseitigen Informationszusammenhangs verstanden werden – zwischen einer tatsächlichen Situation, einer imaginären und einem etwas vorgebenden Handlungsträger. Die imaginäre Situation wird dann nicht wie die reale behandelt.

Auf dieselbe Weise wie Vortäuschung vermag ein Mensch normalerweise auch Glauben, Wissen und Fühlen zu verstehen – er repräsentiert die jeweiligen geistig-psychischen, also mentalen Zustände. Wenn es wahr ist, daß autistischen Kindern die Fähigkeit zur Meta-Repräsentation abgeht, dann sollten sie auch nicht begreifen können, daß jemand etwas Falsches glaubt, weil er nicht weiß, was sie selber wissen. Hier war es also möglich, eine theoretisch fundierte Vorhersage experimentell zu überprüfen. Wir konnten dazu auf die innovative Forschung von Heinz Wimmer und Josef Perner vom psychologischen Institut der Universität Salzburg zurückgreifen, die das Verständnis von solch falschem Glauben bei Kindern untersucht hatten. Gemeinsam mit unserem Kollegen Simon Baron-Cohen benutzten wir einen leicht abgewandelten Test der beiden österreichischen Entwicklungspsychologen, der als Sally-Anne-Experiment bekannt geworden ist: Sally und Anne spielen miteinander. Sally hat einen Ball, den sie in einen Korb legt, bevor sie den Raum verläßt. Während ihrer Abwesenheit holt Anne den Ball aus dem Korb und legt ihn in eine Schachtel. Als Sally zurückkehrt und ihren Ball wiederhaben will, sieht sie natürlich im Korb nach.

Wie Wimmer und Perner nachgewiesen haben, ist normal entwickelten Vierjährigen oder älteren Kindern, denen man die Szene beispielsweise als Puppenspiel präsentiert, vollkommen klar, daß Sally bei ihrer Rückkehr im Korb nachsehen wird, auch wenn sie selbst wissen, daß sich der Ball nicht mehr dort befindet. Sie können also sowohl Sallys falsche Erwartung als auch die wahren Verhältnisse kognitiv repräsentieren. In unserem Test dagegen gelang es 16 der 20 untersuchten autistischen Kinder mit einem mittleren Intelligenzalter von immerhin neun Jahren nicht, situationsgerecht anzugeben, wo Sally nachsehen würde – und dies, obwohl sie viele andere Fragen zu den einzelnen Umständen der Episode korrekt beantworteten (Bild 3). Sie vermochten sich nicht vorzustellen, daß Sally etwas glauben könnte, das nicht zutraf.

Verblüffend einfach, aber nicht minder aufschlußreich ist ein weiteres Experiment, das ebenfalls im Salzburger psychologischen Institut entwickelt wurde. Für diesen Test wurde ein röhrenförmiger Pappbehälter für Süßigkeiten benutzt, der allen Kindern wohlbekannt ist. Sie alle erwarteten natürlich, daß in dieser Schachtel Smarties seien, und alle waren enttäuscht, als bloß ein kleiner Bleistift herausfiel. Als nun die autistischen Kinder gefragt wurden, was ein anderes Kind, das zum ersten Mal zum Test kam, sagen würde, antworteten sie fast alle falsch mit „ein Bleistift“. Auch hier zeigte sich, daß autistische Kinder nicht etwa ein schlechtes Gedächtnis haben: Sie erinnern sich, wenn man nach ihrer ersten Antwort fragt, gut daran, daß sie selbst „Smarties“ gesagt hatten, vermögen aber nicht nachzuvollziehen, daß ein anderer denselben Fehler machen würde. Sie wissen eben nicht, warum sie „Smarties“ antworteten.

Viele vergleichbare Experimente in anderen Laboratorien haben unsere Theorie weitgehend bestätigt: Autistischen Kindern fehlt der naive Mentalismus, mit dem wir uns selbst und anderen ein reiches Innenleben – Denken, Fühlen, Wollen, Zweifeln – zuschreiben und mit dem wir uns das eigene Verhalten und das anderer Personen erklären. All diese inneren Zustände operieren mit von der Wirklichkeit entkoppelten – sekundären – Repräsentationen.

Das normale Funktionieren dieses angeborenen Mechanismus, der dem naiven Mentalismus zugrundeliegt, hat weitreichende Konsequenzen für Bewußtseinsprozesse höherer Ordnung: Es unterstützt die spezifische Fähigkeit des menschlichen Geistes, über sich selbst zu reflektieren. Somit läßt sich die Dreiheit autistischer Störungen – Beeinträchtigung von Kommunikation, Phantasie und sozialer Beziehungsfähigkeit – mit dem Versagen eines einzigen kognitiven Mechanismus erklären.

Die Schwierigkeit, Gedanken zu lesen

Weil gesunde Menschen intuitiv die mentalen Zustände anderer zu bewerten vermögen, verstehen sie in gewissem Sinne Gedanken zu lesen. Mit entsprechender Erfahrung können sie eine Art intuitive Psychologie entwickeln und anwenden, die es ermöglicht, über Motive des Verhaltens zu spekulieren und die Meinungen, Überzeugungen und Einstellungen anderer Menschen zu beeinflussen.

Autistischen Menschen fehlt der Mechanismus, das, was andere glauben könnten, zu repräsentieren; sie verfügen über keine „Theorie“ der psychischen Welt. Deshalb können sie nicht mitvollziehen, wie Verhalten aus bestimmten mentalen Zuständen resultiert, und nicht begreifen, wie sich Überzeugungen und Einstellungen manipulieren lassen; deshalb fällt es ihnen auch schwer zu verstehen, was Täuschung und Betrug ist.

Daß autistische Kinder nicht deshalb Täuschung schwer verstehen, weil der Sachverhalt etwa kompliziert ist, sondern deshalb, weil Täuschung eben die Repräsentation des geistigen Zustands einer anderen Person voraussetzt, hat Beate Sodian, Entwicklungspsychologin an der Maximilians-Universität in München, in einem Experiment belegt (Bild 4). Sie leitete ein Spiel ein, bei dem das Kind, um Punkte zu gewinnen, einen „Feind“ nicht an den Schatz in einer Truhe lassen darf. Liegen Schlüssel und Schloß bereit, läßt sich also die Plünderung mit einem physischen Mittel (Sabotage) verhindern, lösen autistische Kinder das Problem sehr gut. Ist aber ein psychisches Mittel (Täuschung) nötig – etwa die Lüge, die Truhe sei abgeschlossen –, dann versagen die meisten. Dagegen bewältigen selbst geistig behinderte Kinder diese Aufgabe spielend leicht.

Weder im direkten noch im übertragenen Sinne verstehen autistische Menschen bei der Kommunikation zwischen den Zeilen zu lesen. Die nur fein angedeuteten Unterströmungen, ob im wirklichen Leben oder in Fiktionen, bleiben ihnen gänzlich unzugänglich – also alles, was zwischenmenschlichen Beziehungen besonderen Reiz gibt.

„Die Leute sprechen mit ihren Augen zueinander“, konstatierte einmal ein aufmerksamer autistischer Jugendlicher. „Was sagen sie sich damit?“

In Ermangelung einer solchen Meta-Repräsentation entwickeln sich autistische Kinder ganz anders als gesunde. Normalerweise bilden sich im Zuge der kognitiven Entwicklung auch immer komplexere soziale und kommunikative Fertigkeiten aus: Kindern wird beispielsweise zunehmend bewußt, daß es falsche und echte Gefühlsbekundungen gibt, und sie lernen, dies zu berücksichtigen. Entsprechend werden sie im Lesen zwischen den Zeilen als einem grundlegenden Aspekt menschlicher Kommunikation erfahren und werden selber bald etwas durch die Blume sagen können; Humor und Ironie erschließen sich ihnen. Kurzum, sich mit imaginären Vorstellungen zu beschäftigen, Emotionen zu interpretieren und bloß intendierte Absichten zu erkennen – all das sind Leistungen, die letztlich auf einem angeborenen kognitiven Mechanismus beruhen und deshalb gemeinhin als selbstverständlich gelten. Für autistische Kinder aber sind gerade sie schwierig oder sogar unmöglich. Und das liegt unseres Erachtens an einem Defekt in eben diesem Mechanismus.

Diese kognitionspsychologische Erklärung des Autismus ist so spezifisch, daß sich ganz bestimmte Arten von Situationen angeben lassen, in denen autistische Personen Schwierigkeiten haben werden oder nicht. Ein gutes Beispiel ist, daß sie Sabotage, nicht aber Täuschung verstehen. Unsere Erklärung schließt nicht aus, daß autistische Menschen über spezielle Eigenschaften und Fähigkeiten verfügen, die von dem kritischen Mechanismus unabhängig sind. Sie können durchaus jene sozialen Verhaltensweisen erlernen, die kein wechselseitiges reflektives Verständnis erfordern; sie sind imstande, sich viele hilfreiche soziale Routinen anzueignen und sie manchmal sogar derart zu vervollkommnen, daß es ihnen gelingt, ihre Probleme zu überspielen. Die von uns postulierte kognitive Störung ist überdies so spezifisch, daß sie außerordentliche Fertigkeiten in solch unterschiedlichen Betätigungen wie Zeichnen oder Malen, Musizieren, mathematischem Kombinieren und dem Memorieren von Fakten nicht ausschließt.

Allerdings ist das Nebeneinander von einerseits herausragenden und andererseits extrem geringen Leistungen noch wenig erforscht. Ob weitere – emotionale – Störungen die Ursache dafür sind, daß einige autistische Kinder sich nicht für soziale Anregungen interessieren, ist gleichfalls offen. Ebensowenig können wir erklären, warum es so oft stereotype eingeengte Interessen gibt. Es ist, als ob autistischen Menschen eine große integrative Kraft fehle – der innere Drang, Sinn und Kohärenz in allen Erscheinungen zu suchen.

Hilfe und Verständnis

Das Märchenbild des Autismus war in mehr als einer Hinsicht irreführend. Falsch ist die Vorstellung, daß sich innerhalb des gläsernen Sarges ein normaler Mensch befinde, der darauf warte, befreit zu werden; ebensowenig ist Autismus eine Störung, die sich auf das Kindesalter beschränkt.

Der Film „Rain Man“ kam eben recht, um einem interessierten Publikum eine neue Vorstellung zu vermitteln. Dustin Hoffman spielt Raymond, einen Mann mittleren Alters, der extrem weltabgewandt und selbstbezogen ist und sich deshalb allzu leicht von anderen manipulieren läßt. Er ist unfähig, die doppelbödigen Absichten seines Bruders zu durchschauen, die für die Zuschauer offensichtlich sind. Doch in gemeinsamen Erfahrungen gelingt es – wohlgemerkt – dem Bruder, von Raymond zu lernen und eine emotionale Beziehung zu ihm aufzubauen. Diese Geschichte ist keineswegs weit hergeholt; wir können durch das Phänomen des Autismus tatsächlich viel über uns selbst erfahren.

Freilich sollte man die Krankheit nicht romantisieren. Autismus ist eine gravierende und – wie Blindheit – lebenslängliche Behinderung. Das autistische Kind vermag mit der ihm eigenen und uns total fremden Psyche kaum Selbstbewußtsein zu entwickeln.

Wir können nun jedoch aufgrund besserer Einsicht beginnen, die spezifischen Typen sozialer Verhaltensweisen und emotionaler Ansprechbarkeit zu identifizieren, zu denen Autisten imstande sind. Betroffene können lernen, ihre Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen und das Verhalten anderer Menschen vorherzusehen, wenn es durch externe, beobachtbare Faktoren und nicht durch bestimmte mentale Zustände gesteuert ist. Sie können emotionale Bindungen zu anderen entwickeln. Oft sind sie ernsthaft bestrebt, anderen Menschen gefällig zu sein und sich die Regeln des zwischenmenschlichen Kontakts anzueignen (Bild 5). Unzweifelhaft läßt sich innerhalb der starren Beschränkungen ein befriedigendes Maß an Soziabilität erreichen.

Autistische Isolation muß nicht gleichbedeutend sein mit Einsamkeit. Die kühle Zurückhaltung, die viele Eltern an ihrem Kind so befremdet, ist kein Dauermerkmal; oft wird sie von zunehmender Geselligkeit abgelöst. Und so, wie man die Bedürfnisse eines Blinden oder eines anderen Behinderten berücksichtigen kann, läßt sich auch der Lebenskreis eines Autisten auf die seinen einrichten.

Andererseits muß man realistisch erkennen, welches Maß an Anpassung die jeweiligen persönlichen Beschränkungen zulassen. Man darf hoffen, daß ein autistischer Mensch bis zu einem gewissen Grade seine Behinderung kompensiert und in bescheidenem Maße auch mit schwierigen Situationen fertig wird. Unrealistisch dagegen wäre zu erwarten, daß er aus der ihm angeborenen nicht reflektierenden Persönlichkeit herauswächst, für die er sich nicht selbst entschieden hat. Die Betroffenen können ihrerseits beanspruchen, daß wir mehr einfühlsames Verständnis für ihre Misere aufbringen, wenn wir besser begreifen, wie sich ihre Psyche von der unseren unterscheidet.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1993, Seite 48
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