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Bauplan für eine Seele.

Rowohlt, Reinbek 1999. 831 Seiten, DM 58,–.

Hat sich da jemand im Titel vergriffen? Ist es nicht geradezu vermessen, eine Seele (was immer das ist) vom Reißbrett aus zu konstruieren? Genau das wagt Dietrich Dörner, Psychologie-Professor an der Universität Bamberg und Autor des Buches „Logik des Mißlingens“ (1989), in dem er schonungslos die Schwächen menschlichen Umgangs mit komplexen Systemen bloßlegt (siehe Spektrum der Wissenschaft, September 1991, S. 140).

Dörner will mit seinem neuen Buch zeigen, daß man psychische Vorgänge auf Maschinen nachbilden kann. Das Unterfangen ist nicht völlig neu; es ist seit den fünfziger Jahren Gegenstand der modernen Kognitionswissenschaften und liegt in seinen gedanklichen Ursprüngen noch weiter zurück. Neu sind der Ansatz, die Künstliche Intelligenz um eine „Künstliche Emotion“ zu erweitern, und das Vorgehen.

In seinen insgesamt sieben Kapiteln nimmt der Autor den Leser, der außer Neugier kein fachspezifisches Vorwissen mitzubringen braucht, an die Hand und führt ihn durch die verschiedenen Stationen seiner Seelenwerkstatt (im Internet einsehbar unter www.uni-bamberg.de/~ba2dp1/psi.htm). Systematisch und Schritt für Schritt wird eine Maschine konstruiert, die von einfachen Funktionen zu immer komplexeren Leistungen aufsteigt. Sie lernt nicht nur wahrnehmen, was in ihrer Umwelt lust- oder schmerzvoll ist, sondern erhält auch ein Gedächtnis, um solche Erfahrungen dauerhaft zu speichern.

Sie bildet ein Begriffssystem aus, um diese Erfahrungen zu ordnen, stellt Relationen zwischen diesen Begriffen her und wird damit fähig zum Ziehen logischer Schlüsse. Sie erhält Bedürfnisse, zu deren Befriedigung bestimmte Aktivitäten erforderlich werden, und muß konkurrierende Bedürfnisse regulieren und kanalisieren, will sie nicht in Hektik und blinden Aktionismus verfallen. Schließlich wird sie mit einem Sprachsystem ausgerüstet, mit dem sie einerseits zur Kommunikation mit anderen Maschinen auf einer höheren Ebene als dem bloßen Austausch von Signalen, andererseits auch zum inneren Gespräch mit sich selbst und über sich selbst fähig wird („Denken“, „Bewußtsein“ und „Selbstreflexion“).

Dörner setzt hier zugleich konsequent und unterhaltsam ein in der akademischen Psychologie vorherrschendes Paradigma um: Der Mensch wird verstanden als informationsverarbeitendes Wesen, dessen Verarbeitungs- und Speichertätigkeiten in Form eines Produktionssystems (eine Modellierung kognitiver Funktionen durch Wenn-dann-Regeln) beschreibbar sind. In den USA haben die Kognitionsforscher Alan Newell und John Anderson diesen Grundgedanken zum Fundament einer „Unified Theory of Cognition“ gemacht, die der empiristischen Zersplitterung psychologischer Forschungsergebnisse entgegentritt.

Dörner hat mit seinem „Bauplan“ einen vergleichbar integrativen Schritt unternommen. Allerdings geht er über die amerikanischen Ansätze hinaus, indem er sich dem ansonsten häufig ausgesparten Thema „Gefühl/Emotion“ widmet. Bei Dörner sind Emotionen Modulationen des Verhaltens; sie beeinflussen den Auflösungsgrad (Genauigkeit und Geschwindigkeit) der psychischen Prozesse, ein Aktivitätsniveau, die geistige Konzentration. Emotionen sind so etwas wie die Form psychischer Prozesse, die deren Inhalte entsprechend verändert, und damit in letzter Konsequenz „Informationen“ wie andere auch.

Der Mensch als Maschine? Nach der Lektüre wird deutlicher, daß dies nicht Abwertung oder übertriebener Reduktionismus ist. Dörner macht ernst mit dem Anspruch seiner Wissenschaft, die Gesetzmäßigkeiten des Seelenlebens zu erforschen; dabei finden sich zwangsläufig Systeme und Regularitäten, die manchmal mechanisch wirken. Man darf annehmen, daß Dörners Seelenmaschine ebensowenig realisiert werden wird wie die Analytische Maschine des Charles Babbage im 19. Jahrhundert – aber manchmal sind bloß gedachte Maschinen mindestens so einflußreich wie die realisierten.

Was kritisch anzumerken bleibt: Für eine ganze Reihe psychischer Prozesse, die Dörner in seinem System modelliert, bleibt unklar, wie man die Gültigkeit seiner Implementation überprüfen könnte – sind doch an vielen Stellen auch andere Modellösungen vorstellbar! Im markanten Gegensatz zu den amerikanischen Fachkollegen verzichtet Dörner weitgehend darauf, experimentelle Befunde als Eckpunkte seiner Konstruktion heranzuziehen. Er erwähnt nicht einmal, was zu Begrenzungen des Arbeitsgedächtnisses, zu visuellen, akustischen und verbalen Repräsentationsformaten oder – aus Reaktionszeitstudien – zu Prozeßabläufen bekannt ist. Auch die Behandlung des Bewußtseinsproblems befriedigt noch nicht: Was weiß die Maschine über sich selbst, und wie beeinflußt dieses Wissen ihre Entscheidungen? Hier bleiben viele Fragen offen. Immerhin hat das von Dörner vorgeschlagene Ein-Ebenen-Modell menschlichen Denkens – es gibt nicht noch eine weitere Instanz, die über die Aktivitäten der ersten Instanz wacht – sicher Vorteile gegenüber Mehrebenen-Konstruktionen, die in einen unendlichen Regreß aus Ebene, Meta-Ebene, Meta-Meta-Ebene und so weiter zu geraten drohen.

Aber die Kritik steht zurück hinter der beeindruckenden Gesamtleistung, die aus diesem universalen Ansatz hervorgegangen ist. Dörners Psychologie ist aus einem Guß. Sie widmet sich auch Themen, die traditionell eher randständig und meistens isoliert behandelt werden: Liebe, Trauer, Witze, Schönheit, Götter und Geister und vieles mehr. Banale Alltagsereignisse werden mit tiefschürfenden denkpsychologischen Überlegungen verknüpft. Gerade an diesen Stellen zeigt sich die integrative Kraft dieses Ansatzes.

Und schließlich ein breit belesener Autor, der sich wortstark und lebendig auszudrücken weiß – wäre all dies nicht, könnte ich niemandem guten Gewissens die Lektüre der über 800 Seiten empfehlen. So aber haben wir einen mutigen Entwurf vor uns, der viele Anregungen enthält und dessen Fruchtbarkeit sich in den nächsten Jahren erweisen wird.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1999, Seite 104
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
9 / 1999

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 9 / 1999

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