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Bekämpfung des Maiszünslers - Alternativen in der Praxis



In Süd- und Mitteldeutschland ist der Mais- oder Hirsezünsler (Ostrinia nubilalis), eine in Europa beheimatete Schmetterlingsart, der bedeutendste Maisschädling, und er breitet sich weiter aus. Seine Larven fressen sich durch die Stengel, zerstören dabei Leitgefäße für Wasser und Nährstoffe und mindern die Stabilität der Pflanzen. Als der Falter zu Anfang des Jahrhunderts in die USA eingeschleppt wurde, gefährdete er die dortige, weltweit bedeutendste Produktion des seit Jahrtausenden in Amerika kultivierten Getreides. In der Bundesrepublik wurde er gleichwohl 1995 nur auf 40000 Hektar der gesamten Mais-Anbaufläche von 1,58 Millionen Hektar bekämpft; der Aufwand für Herbizide übertrifft den für Insektizide bei weitem.

Eine angesichts so großer Flächen zu kostspielige Maßnahme wäre das Ausbringen des Bacillus thuringiensis (Bt), der ein für den Schädling tödliches Gift produziert. Mit gentechnischen Methoden wurden indes schon mehr als 50 verschiedene Pflanzenarten mit dem entsprechenden Gen des Bodenbakteriums ausgestattet, vermögen also das Gift selbst zu produzieren. Könnte Bt-Mais, so die Kurzbezeichnung, eine neue Ära im Pflanzenschutz einleiten? Die Saatgut- und Pflanzenschutzmittelfirma Novartis rechnet noch für diese Saison mit der Sortenzulassung und hat bereits in einigen Bundesländern Bauern zu Informationsveranstaltungen eingeladen.

Ob Bt-Pflanzen aber sinnvoll sind oder nicht vielleicht sogar negative Effekte haben können ist in Fachkreisen umstritten. So läßt sich aus der Fortpflanzungsbiologie des Schädlings ableiten, daß eine Maiszünsler-Population um mehr als 98 Prozent dezimiert werden muß, um den Befall im folgenden Jahr deutlich zu verringern. An diesem Wert müssen sich die verschiedenen Bekämpfungsmethoden messen lassen.

Bisherigen Erfahrungen mit Bt-Mais in den USA zufolge beträgt der Wirkungsgrad bis zu 90 Prozent – das wäre eine zu geringe Marge. Optimierungen sind vielleicht möglich, denn bislang bilden 1 bis 5 Prozent der Pflanzen das Toxin nicht; und insgesamt war die produzierte Giftkonzentration noch nicht hoch genug, nahm sogar mit der Zeit wieder ab.

Doch auch bei weiterer Verbesserung des transgenen Maises dürfte eine Gefahr bestehen bleiben: Gegen das Gift, ob vom Menschen ausgebracht oder in der Kultur selbst produziert, werden die Schadinsekten Resistenzen entwickeln; im zweiten Falle ist die Wahrscheinlichkeit dafür aufgrund der die ganze Saison dauernden Wirkungszeit sogar noch größer. Um eine solche Entwicklung aufzuhalten, müßten wiederum 5 bis 50 Prozent der Anbaufläche mit konventionellen Mais-Sorten bestellt und mit herkömmlichen Insektiziden geschützt werden, und häufiger Sortenwechsel könnte erforderlich sein.

Alternativ wird auch beispielsweise die auf anderen Mechanismen beruhende insektizide Wirkung des Bakteriums Photorhabdus luminescens von dem amerikanischen Dow-Chemical-Tochterunternehmen DowElanco untersucht. Die entsprechenden Gene des Bakteriums sollen dann wieder auf die Kulturpflanzen übertragen werden; erste Freiland-Experimente mit transgenem Mais könnten noch in diesem Jahr im amerikanischen Mittelwesten beginnen. Den Landwirten ist diese Problematik derzeit kaum bewußt, weil die Züchter von Bt-Pflanzen darüber kaum oder gar nicht informieren.

Was tun? Herkömmliche Insektizide vernichten maximal 80 Prozent der Maiszünsler, mitunter jedoch lediglich 30. Ihre größte Wirkung erreichen sie, wenn man sie in der kurzen Zeitspanne versprüht, in der sich die ersten Raupen in die Stengel bohren, also etwa zwei bis drei Wochen nach Flugbeginn der Falter im Frühsommer. Ein ungünstiger Effekt ist, daß häufig nach dem Einsetzen der Insektizide Blattläuse geradezu epidemisch auftreten.

Auch das Ausbringen des Zünsler-Eiparasiten Trichogramma ist genau zu datieren. Diese Schlupfwespen können aber ebenfalls den Schaden nur begrenzen – mit ihnen erreicht man eine maximale Wirkung von 80 Prozent. Weil die biologische Maßnahme alle sonstigen Nützlinge verschont, bleibt immerhin die Massenvermehrung der Blattläuse aus.

Einzig mit intensiver Bodenbearbeitung sind sogar 99 Prozent Wirkung zu erreichen. Dazu tötet man möglichst viele Raupen, die in den unteren Bereichen der Maisstengel überwintern würden, mechanisch durch Zerkleinern der Stengel bei der Maisernte mit einem Unterflurhäcksler und Aufspleißen der verbleibenden Stengelreste mit einem Schlegler; anschließend werden die Pflanzenreste mit eventuell noch lebenden Raupen tief untergepflügt. Allerdings sind flachgründige oder stark erosionsgefährdete Böden für dieses Verfahren nicht geeignet. Überdies sollten es alle Landwirte einer Anbauregion anwenden, damit dem Schädling keine Refugien bleiben.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1998, Seite 96
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 1998

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