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Berufsausbildung - eröffnen sich attraktivere Perspektiven?

Während die Zahlen der Studienanfänger stark stiegen, gingen diejenigen der Verträge über eine berufliche Ausbildung zurück. Das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft propagiert nun im Berufsbildungsbericht 1993 die Gleichwertigkeit beider Wege.

In den westlichen Bundesländern ging die Zahl der Ausbildungsverträge, die zwischen 1985 und 1992 jährlich abgeschlossen wurden, um fast 200000 auf rund 500000 zurück. Das Angebot an Lehrstellen schrumpfte, noch viel mehr verminderte sich aber die Zahl der Bewerber. Nach dem Höhepunkt des Lehrstellenmangels, bei dem sich 1985 durchschnittlich 100 Jugendliche um nur 95,1 Lehrstellen beworben hatten, waren es 1992 – bei insgesamt rund 595000 Abschlüssen in Gesamtdeutschland – 118,7 Stellen, die 100 Bewerbern offenstanden (Bild).

Das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (BMBW) stellt nun etwas verblüfft fest, daß 1992 erstmals nicht nur die demographisch bedingte Zahl, sondern auch der Anteil der 16- bis 19jährigen, die an einer dualen Ausbildungsstelle interessiert waren, zurückgegangen ist. Anders verlief die Entwicklung bei jungen Leuten, die an die Hochschulen strebten. Die Zahl der Studienanfänger stieg zwischen 1985 und 1990 um gut 60000 an; aber auch sie ist seit 1991 mit rund 300000 rückläufig. Das gerne kolportierte Bild vom Übergewicht der (1990) 1,59 Millionen Studenten in den westlichen Bundesländern gegenüber den 1,48 Millionen Lehrlingen ist trotzdem irreführend. Zum Beispiel erwarben 1991 in Westdeutschland rund 510000 junge Leute einen Gesellen-, Gehilfen- oder Facharbeiterbrief, aber nur 194000 legten ein Hochschulexamen ab – das Studium dauert eben mehr als doppelt so lange wie die Lehre.

Diese Entwicklung gibt Anlaß zum Nachdenken in zwei Richtungen.

Der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Prof. Gerhard Neuweiler, will der Universität zwar ihre Elite-Funktion nicht bestreiten, sie jedoch auch durchaus als „Volks-Schule“ ansehen, in der ein großer Teil der jungen Menschen ausgebildet wird. Allerdings müsse stärker nach Grund- und Haupt- sowie Graduiertenstudium differenziert und die Möglichkeit, aus der Universität in die Fachhochschule oder in das duale Ausbildungssystem überzuwechseln, nach dem viersemestrigen Grundstudium deutlich markiert werden durch eine für alle obligatorische Zwischenprüfung.

Eine solche Öffnung für die Massen stößt beispielsweise bei dem Präsidenten des Deutschen Hochschulverbandes, Prof. Hartmut Schiedermair, auf Widerstand. Er unterstellt Neuweiler den von diesem nie gebrauchten Begriff „Volksuniversität“ und sieht darin „soziale Träume auf Kosten der Wissenschaft“. Im Gegensatz zu Neuweiler, der von der Universität fordert, mit einer gründlichen Studienreform ihren Auftrag auch bei permanent großem Andrang zu erfüllen, sieht Schiedermair nicht bei ihr das Problem; vielmehr seien „die Ausbildungsberufe im Handwerk und auch sonst in der Wirtschaft offensichtlich zu wenig attraktiv“.

Fritz Schaumann, Staatssekretär im BMBW, hält etwa die Mitte zwischen den beiden Positionen: Deutschland hätte zur Zeit nicht zu viele Studenten, sondern zu wenige Interessenten für betriebliche Ausbildungsplätze. Nun stellt der Berufsbildungsbericht wohl fest, daß sich in der Schul- und Bildungsstruktur gründliche Veränderungen vollzogen haben; zu der notwendigen Trendumkehr der Bildungspolitik in Richtung Berufsbildung sage er jedoch nichts Näheres aus, bemängelt der Hauptausschuß des Bundesinstituts für Berufsbildung.

Zwischen 1980 und 1991 stieg der Anteil der Schulabgänger mit Studienberechtigung von 19,4 auf 34,7 Prozent; gleichzeitig gingen die Realschulabschlüsse von 36,9 auf 33,8 sowie die Hauptschulabschlüsse gar von 34,2 auf 24,7 Prozent zurück, und der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluß verringerte sich von 9,6 auf 6,8 Prozent. Der Anfang der Entwicklung liegt also bereits in den allgemeinbildenden Schulen. Dieser Trend zu höheren allgemeinen Bildungsabschlüssen wird auch künftig anhalten, wenn die berufliche Bildung in den Augen von Eltern und Jugendlichen nicht aufgewertet wird.

Dafür wird jetzt das Schlagwort von der Gleichwertigkeit beruflicher und allgemeiner Bildung benutzt. Bisher eröffnet freilich allein das Abitur alle weiteren Möglichkeiten von Studium und Beruf. Kultus- und Wirtschaftsminister der Länder sowie Wirtschaftsverbände haben deshalb in den letzten Monaten Vorstellungen entwickelt, wie die berufliche Bildung aufgewertet werden könne. Am weitesten geht Schaumann: In der vom Bundesinstitut für Berufsbildung herausgegebenen Zeitschrift „Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis“ (Heft 1-2/1993) rückt er die berufliche Ausbildung in den gleichen Rang wie die schulische Allgemeinbildung.

Von Fachkräften werden intelligenter Umgang mit komplexer neuer Technik, Problemlösungsstrategien, selbständige Planung, Ausführung und Kontrolle der Arbeit, Teamarbeit, Entscheidungsfähigkeit und Verantwortungsbewußtsein verlangt. Die Ausbildungsgänge, die in den letzten Jahren neu geordnet oder überhaupt erst geschaffen worden sind, werden dem auch zumindest im Ansatz gerecht – um so weniger attraktiv werden die vielen veralteten Ausbildungsangebote, die solche Perspektiven nicht bieten. Die berufliche Bildung müßte, sofern sie den heutigen Erfordernissen nachkommen und in der gesellschaftlichen Wertschätzung steigen soll, mehr Entfaltungschancen bieten.

Damit dürfte sich wiederum die Relation von Studenten und Lehrlingen verschieben. „Es geht in der beruflichen Bildung um die Entwicklung von Lernfähigkeit und Handlungskompetenz, also um Befähigungen, die mit den Bildungszielen des allgemeinbildenden Bereiches vergleichbar sind“, meint Schaumann: „Im Interesse der Glaubwürdigkeit müssen wir alle dabei bereit sein, auch überkommene Denkstrukturen, gesellschaftliche Wertemuster sowie Arbeitsbedingungen, Weiterbildung-, Berufs-, Karriere- und Einkommenschancen – einschließlich der Laufbahnstrukturen des öffentlichen Dienstes – vorbehaltlos zu erörtern.“

Der Berufsbildungsbericht fordert nun, daß prinzipiell formale Berechtigungen, die der erfolgreiche Besuch einer allgemeinen Schule verleiht, auch über die Berufsbildung zu erreichen seien. Die berufliche Bildung soll dabei nicht an den Fächerkanon der allgemeinbildenden Schule angepaßt oder um allgemeine Bildungsinhalte im Sinne einer Doppelqualifikation ergänzt werden; es gehe auch „nicht um Gleichartigkeit, sondern um die Anerkennung von Gleichwertigkeit unterschiedlicher Bildungsinhalte und Methoden der verschiedenen Bildungswege“. Kernpunkte von Schaumanns Konzeption, die sich sinngemäß im Berufsbildungsbericht findet, sind darum:

– Der Berufsabschluß ist mit dem Realschulabschluß gleichwertig;

– der Meister-, Techniker- oder ein vergleichbarer Fortbildungsabschluß berechtigt unmittelbar zum Besuch der Hochschule;

– zum Erreichen der Fachhochschul- oder der fachgebundenen Hochschulreife könnte zudem außer dem traditionellen schulischen Weg über die Fachoberschule ein neuer beruflicher Bildungsweg mit Zusatzausbildung im dualen System eröffnet werden.

Die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder tut sich freilich mit solchen vergleichsweise radikalen Gedanken noch ziemlich schwer. In der „Vereinbarung zum Hochschulzugang für beruflich qualifizierte Bewerber ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung“, die zur Zeit vorbereitet wird, knüpft sie an die Gleichwertigkeit von Lehre- und Realschulabschluß noch bestimmte Bedingungen; und den Meistern will sie lediglich die fachgebundene Fachhochschulreife zugestehen.

Der Bundesregierung ist dies entschieden zu wenig: Der bildende Wert einer betrieblichen Berufsausbildung komme damit nur eingeschränkt zur Geltung. Sie widerspricht auch der Meinung der Hochschulrektorenkonferenz, die zwar „besonders qualifizierten Berufstätigen den fachbezogenen Zugang zu einem Hochschulstudium“ zugestehen will, aber doch insistiert, daß „berufliche Ausbildung... in ihrer Eigenständigkeit Qualifikationen“ vermittle, „die anders geartet sind als die der allgemeinbildenden Schulen“.

Gleichwertigkeit bezieht sich allerdings nicht nur auf den möglichen Hochschulzugang. Schaumann betont, sie werde „sich nur realisieren lassen, wenn Betriebe, Praxen und Verwaltungen bereit sind, leistungsstarken und weiterbildungsaktiven jungen Berufstätigen auch ohne Abitur und Hochschulstudium attraktive Berufs- und Karrierechancen zu eröffnen“. Geschieht dies nicht, ist ohne sonderliche prognostische Fähigkeiten abzusehen, daß der Drang zu den Hochschulen unvermindert anhält, das Interesse an betrieblichen Ausbildungen und an Tätigkeiten als Fachkraft drastisch nachläßt, das statistische Mißverhältnis bei den Entscheidungen der jungen Bürger für die eine oder die andere Vorbereitung auf ihr Arbeitsleben weiter zunimmt und die innovativen Zukunftsperspektiven verengt bleiben.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1993, Seite 115
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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