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Bevölkerungswachstum, Armut und Umwelt

Je ärmer ein Land ist, desto höher ist für Familien der wirtschaftliche Anreiz, viele Kinder zu haben – selbst wenn dies die örtlichen Ressourcen irreparabel schädigt und die heimische Wirtschaft noch mehr überfordert. So kann ein Teufelskreis von Armut, hohem Geburtenüberschuß und Umweltzerstörung in Gang kommen.

In Fragen der Bevölkerungspolitik gehen die Meinungen weit auseinander. Manche halten Kinderreichtum für die Ursache von Armut und Umweltzerstörung. Andere vertauschen die Glieder dieser Kausalkette und behaupten zum Beispiel, Armut bedinge steigende Bevölkerungszahlen.

Doch selbst bei der wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchung der afrikanischen Länder südlich der Sahara sowie des indischen Subkontinents hat man kaum jemals Armut, Bevölkerungswachstum und örtliche Umwelt in ursächlichem Zusammenhang betrachtet. Meist erforschte man jeden dieser Faktoren separat und überließ die Diskussion ihrer Wechselwirkungen den Medien und Sachbuch-Autoren, die zwar oft aufschlußreiche Beschreibungen, aber selten Analysen bieten können.

Erst in den letzten Jahren haben einige Wissenschaftler, so auch wir, diese Wechselbeziehungen näher untersucht. Unser Ansatz verbindet theoretische Modelle mit empirischen Ergebnissen aus Anthropologie, Demographie, Ökologie, Ökonomie, Ernährungswissenschaft und Politologie. Durch Konzentration auf die unzähligen kleinen ländlichen Gemeinden in den ärmsten Regionen der Erde lassen sich Bedingungen identifizieren, unter denen Bevölkerungswachstum, Armut und Zerstörung lokaler Ressourcen einander verstärken.

Wie sich herausstellt, verursacht keines der drei Elemente unmittelbar die beiden anderen, sondern jedes beeinflußt die übrigen und steht selbst unter deren Einfluß. Die neue Sichtweise hat bedeutsame Folgen für eine Politik, die darauf abzielt, das Leben der ärmsten Mitbewohner unserer Welt zu verbessern.

Während der neue Ansatz sich auf lokale Erfahrungen konzentriert, nehmen Darstellungen der Umwelt- und Bevölkerungsprobleme für die allgemeine Öffentlichkeit meist einen globalen Standpunkt ein. Sie betonen, wie zerstörerisch große Menschenmassen sich in ferner Zukunft auf unseren Planeten auswirken würden. Obwohl dieser Blickwinkel seine Verdienste haben mag, lenkt er doch von dem wirtschaftlichen Elend ab, das schon heute herrscht. Die Ärmsten brauchen nicht auf die Katastrophe zu warten: Sie geschieht ihnen jetzt.

Zudem entscheiden in Entwicklungsländern meist kleine Einheiten – etwa die Familienhaushalte – über die Anzahl der Kinder und die Aufteilung von Erziehung, Nahrung, Arbeit, Gesundheitsfürsorge und lokalen Ressourcen. Deshalb ist es sinnvoll, den Zusammenhang der sozialen, demographischen und ökologischen Schlüsselbedingungen unter vielerlei lokalen oder gar individuellen Aspekten zu untersuchen.

Der einzelne Haushalt ist in verschiedenen Gebieten der Welt eine höchst unterschiedlich strukturierte und funktionierende Einheit. Vor einigen Jahren befaßte sich Gary S. Becker von der Universität Chicago als erster mit diesem Problem. An idealisierten Modellen untersuchte er, wie Entscheidungen innerhalb eines Haushalts von Veränderungen der Außenwelt beeinflußt werden – insbesondere vom Angebot an Arbeit, Krediten, Versicherungen, Gesundheitsfürsorge und Bildung.

Als ich vor etwa fünf Jahren mit meinen eigenen Forschungen begann, stellte ich fest, daß eine Schwäche seiner Methode die isolierte Betrachtung solch einzelner sozialer Keimzellen war: Ihre dynamische Wechselwirkung wurde vernachlässigt. Ich wollte nicht nur verstehen, warum Paare große Familien bevorzugen, sondern auch, auf welche Weise die begründete Entscheidung für Kinder und deren Anzahl im jeweiligen einzelnen Haushalt letztlich für die Kommune oder die regionale Population nachteilig sein kann.


Macht und Geschlecht

Außerdem war unter der Annahme, die Erwachsenen würden ihre Wahl in derartigen Situationen gleichberechtigt treffen, bislang ein viel zu wohlwollendes Bild der realen Vorgänge gezeichnet worden. Die Entscheidungsgewalt ist in Familien aber bekanntlich selten gleich verteilt. Wer verstehen will, wie Entschlüsse zustande kommen, muß wissen, wer sie wirklich fällt.

Die Inhaber der größten Macht in einer Familie lassen sich oft daran erkennen, wie über die Ressourcen des Haushalts verfügt wird. Sie sind, wie Judith Bruce vom UNO-Bevölkerungsrat, Mayra Buvinic vom Internationalen Zentrum für Frauenforschung, Lincoln C. Chen und Amartya Sen von der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts) und andere beobachtet haben, zumeist ungerecht verteilt – selbst wenn man unterschiedlichen Bedarf in Rechnung stellt. In den armen Haushalten des indischen Subkontinents werden Männer und Knaben besser versorgt als Frauen und Mädchen, und die Alten bekommen weniger als die Jungen (siehe "Lebensstandard und Lebenserwartung" von Amartya Sen, Spektrum der Wissenschaft, November 1993, Seite 38).

Auch bei Entscheidungen über die Zahl der Nachkommen üben Männer mehr Einfluß aus, obwohl in aller Regel die Frauen die meiste Mühe mit den Kindern auch nach deren Geburt haben. Um diese Last abzuschätzen, muß man die Anzahl der lebendgeborenen Kinder betrachten, die eine Frau normalerweise hat, sofern sie nicht schon im gebärfähigen Alter stirbt.

Diese sogenannte totale Fertilitätsrate liegt in Schwarzafrika zwischen 6 und 8. Da dort die Lebenserwartung der Frauen zum Zeitpunkt ihrer Geburt rund 50 Jahre beträgt, verbringen sie mehr als ein Drittel ihres erwachsenen Lebens mit Schwangerschaften und dem Stillen ihrer Kinder. In dieser Rechnung sind Fehlgeburten nicht einmal berücksichtigt.

Ein anderer Indikator für den Preis, den die Frauen zahlen, ist die Müttersterblichkeit. In den meisten armen Ländern sind Schwangerschaftskomplikationen die häufigste Todesursache von Frauen in gebärfähigem Alter. In manchen Gebieten Schwarzafrikas stirbt im Mittel eine Frau pro 50 Lebendgeburten (in Skandinavien liegt die Rate derzeit bei 1 zu 20000.) Bei einer totalen Fertilitätsrate von 7 oder noch mehr beträgt das Risiko eines Mädchens in der Menarche, die Menopause nicht mehr zu erleben, rund 1 zu 6. Insofern gleicht das Kindergebären geradezu dem russischen Roulette.

Angesichts eines derart hohen Einsatzes bei der Fortpflanzung sollte man erwarten, daß Frauen, sofern sie die Wahl haben, sich für weniger Kinder entscheiden. Aber sind die Geburtenraten wirklich dort am höchsten, wo Frauen die geringste Macht in der Familie haben?

Die Daten über den Status der Frau in 79 Ländern der sogenannten Dritten Welt zeigen unmißverständlich, daß hohe Fertilität, verbreiteter Analphabetismus, geringer Anteil an Lohnarbeit und hoher Prozentsatz unbezahlter Hausarbeit miteinander zusammenhängen. Aus der Statistik allein läßt sich kaum erkennen, welche dieser Faktoren hohe Fertilität verursachen und welche lediglich damit statistisch korreliert sind. Immerhin lassen die Ergebnisse die Deutung zu, daß Mangel an Verdienstmöglichkeiten und unzureichende Bildung die Entscheidungsfähigkeit der Frau einschränken und dadurch das Bevölkerungswachstum fördern (Bild 2).

Vieles spricht auch dafür, daß der Mangel an bezahlter Arbeit den Einfluß von Frauen direkter einschränkt als der von Bildungschancen. Diese Erkenntnis hat Konsequenzen für die praktische Politik. Es ist durchaus zu begrüßen, wenn die Regierungen armer Staaten gedrängt werden, in Alphabetisierungsprogramme zu investieren. Aber die Ergebnisse sind oft enttäuschend. Viele Faktoren hindern arme Haushalte, die Vorteile eines subventionierten Bildungswesens zu nutzen: Wenn die Kinder inner- und außerhalb der Familie mitarbeiten müssen, ist es kostspielig, sie in eine – an sich noch so billige – Schule zu schicken; und in patrilinearen Gesellschaften gelten gebildete Mädchen zudem als weniger fügsam und schwerer zu verheiraten. Die Vorteile einer subventionierten Grundschulerziehung kommen tatsächlich vor allem bessergestellten Familien zugute.

Hingegen fördert eine Politik, welche die Produktivität der Hausarbeit und den Lohn weiblicher Arbeitskräfte erhöht, unmittelbar die Stellung der Frau – insbesondere in der Familie. In dem Maße, wie Frauen Einkommen beziehen, müssen sich zudem die Männer an den indirekten Kosten der Fortpflanzung beteiligen, sich also um die Kinder kümmern. Damit soll keineswegs der Wert öffentlicher Investitionen für Grund- und Oberschulen in Entwicklungsländern negiert werden; wir wollen nur vor der Illusion warnen, solche Ausgaben seien das Allheilmittel für das Bevölkerungsproblem.

Hoffnung erweckt, daß die Einsicht, wie eng in armen Gesellschaften Ungleichheit der Geschlechter und Übervölkerung zusammenhängen, sich mehr und mehr durchsetzt (siehe "Familienplanung in Entwicklungsländern" von Bryant Robey, Shea O. Rutstein und Leo Morris, Spektrum der Wissenschaft, Februar 1994, Seite 32). Auch die im September 1994 in Kairo abgehaltene Konferenz der Vereinten Nationen über Bevölkerung und Entwicklung betonte die Fortpflanzungsrechte der Frauen und forderte Maßnahmen zu deren Schutz und Förderung.

Doch das Übervölkerungsproblem läßt sich nicht auf die Geschlechterfrage reduzieren. Selbst wenn beide Eltern gemeinsam die Entscheidung für ein Kind treffen, gibt es mehrere Ursachenketten, durch die diese Wahl die Gemeinschaft zu schädigen vermag; sie lassen sich aufdecken, wenn man untersucht, was alles den Wunsch nach Kindern ausmacht.

Der allgemein-menschlichste Beweggrund – nächst dem Verlangen, ein Teil des Selbst möge fortleben – sind Kinder um ihrer selbst willen. Noch unter schwierigsten Umständen werden Neugeborene freudig begrüßt. Hinzu kommt das Bemühen, Traditionen und Religionen zu gehorchen. In vielen Gesellschaften fordern Dogmen oder der Ahnenkult von den Frauen, den Stammbaum lebendig zu erhalten (siehe "Ursachen der Übervölkerung Schwarzafrikas" von John C. Caldwell und Pat Caldwell, Spektrum der Wissenschaft, Juli 1990, Seite 122).

In eng verknüpften Gemeinschaften ist die Fortpflanzung keine bloß private, sondern auch eine vom kulturellen Milieu beeinflußte soziale Angelegenheit; und oft fördern Normen, die kaum eine Familie einseitig zu brechen wagt, hohe Fertilitätsraten – selbst wenn der soziale Druck nur noch Überbleibsel eines längst verblaßten Begründungszusammenhangs ist. Auf diese Weise kann eine Gesellschaft sich selbst in einem Verhaltensmuster gefangen halten, das durch hohen Geburtenüberschuß und niedrigen Bildungsstand gekennzeichnet ist.

Das bedeutet nicht, daß diese Population für immer so weiterleben wird. Wie in allem folgen die Menschen auch in ihrem Reproduktionsverhalten nur bedingt der Tradition. Unweigerlich werden einige aus diesem oder jenem Grund eine andere Lebensform anstreben und Risiken eingehen, um sich von der Masse abzuheben. Eine zunehmende Alphabetisierung der Frauen könnte durchaus einen solchen Prozeß auslösen.


Kinderarbeit

Ein weiteres Fortpflanzungsmotiv rechnet mit Kindern als Produktivkraft. In einer ländlichen Wirtschaft, die praktisch keine Möglichkeit eröffnet, Rücklagen zu bilden, sehen die Eltern in Nachkommen eine Alterssicherung. Weniger diskutiert wurde – zumindest bis vor kurzem – ein anderer ökonomischer Aspekt, den John C. Caldwell von der australischen National-Universität in Canberra, Marc L. Nerlove von der Universität von Maryland in College Park, Anke S. Meyer von der Weltbank, Karl-Göran Mäler vom Beijer-Institut für ökologische Ökonomie in Stockholm (Schweden) und ich gründlicher untersucht haben: Kinder sind für Eltern nicht nur durch ihr künftiges Einkommen wertvoll, sondern auch als Arbeitskräfte von kleinauf.

In den Ländern der Dritten Welt herrscht zumeist Subsistenzwirtschaft. Die Landbevölkerung schlägt sich mühsam mit dem Sammeln pflanzlicher und tierischer Rohprodukte durch, ohne Überschüsse zur Steigerung des Lebensstandards gewinnen zu können. Selbst einfache Aufgaben erfordern viel Arbeit. Arme ländliche Haushalte haben meist nicht einmal Zugang zu Strom, Leitungswasser und Kanalisation. In semiariden und ariden Regionen liegen Brunnen oder Fließgewässer oft nicht in der Nähe. Zudem mangelt es, wenn die Wälder schwinden, an leicht erreichbarem Brennholz. Darum müssen die Haushaltsmitglieder außer der Arbeit auf dem Feld, der Versorgung des Viehs, der Nahrungszubereitung und der Herstellung einfacher Waren oft fünf bis sechs Stunden täglich für das Wasserholen sowie das Sammeln von Futter und Brennmaterial aufwenden (Bild 1).

In dieser Situation werden die Kinder, auch wenn ihre Eltern noch rüstig sind, als Arbeitskräfte gebraucht. Eine kleine Familie ist schlicht nicht überlebensfähig; alle Hände müssen zupacken. In manchen ländlichen Regionen Indiens arbeiten die Zehn- bis Fünfzehnjährigen eineinhalb mal so viele Stunden wie die erwachsenen Männer; bereits mit sechs Jahren beginnen dort die Kinder, das Vieh zu hüten, die noch jüngeren Geschwister zu betreuen sowie Wasser und Brennholz, Dung und Futter zu sammeln. Und es ist leicht vorstellbar, daß der Nutzen jeder zusätzlichen Arbeitskraft mit der abnehmenden Verfügbarkeit der Ressourcen, also mit der Weite der Wege und der Mühsal, das Notwendigste zu beschaffen, wächst (Bild 3).


Versteckte Kosten

Der Bedarf an vielen Arbeitskräften kann zerstörerisch wirken – vor allem, wenn die Eltern nicht den gesamten Aufwand für die Aufzucht ihrer Kinder selber leisten müssen, sondern diese Kosten mit der Gemeinschaft teilen. Seit unvordenklichen Zeiten waren ländliche Ressourcen – Dorfteiche und Wasserlöcher, Dreschplätze, Weideflächen und Waldgebiete – Gemeineigentum. Dadurch verteilten sich in semiariden Gebieten die Risiken der einzelnen Haushalte. Wie Elinor Ostrom von der Universität von Indiana in Bloomington und andere gezeigt haben, wurden die Allmende-Güter gegen Überausbeutung geschützt, indem die Gemeinde sich auf Normen berief und Verstöße ahndete.

Doch in vielen Regionen haben sich während der letzten Jahrzehnte solche Bindungen gelockert. Gerade wirtschaftliche Entwicklung kann durch zunehmende Verstädterung und Mobilität die traditionellen Sitten und Kontrollmechanismen untergraben. Auch bürgerkriegsartige Unruhen und die Aneignung von Ressourcen durch Grundbesitzer oder den Staat bedrohen den sozialen Zusammenhalt. Wenn die Normen verfallen, sind immer mehr Menschen geneigt, die Vorsorgekosten für die nächste Generation verstärkt auf die Gemeinschaft abzuwälzen, indem sie die Gemeingüter übermäßig ausbeuten.

Besteht der Zugriff darauf weiterhin, werden in der Population zu viele Kinder geboren. Dies erhöht die lokale Bevölkerungsdichte und somit den Druck auf die natürlichen Ressourcen. Aber kein Haushalt berücksichtigt von selbst den Schaden, den er anderen zufügt, indem die Eltern noch ein Kind in die Welt setzen.

Auch die Hilfe der Sippe kann in eine allgemeine Belastung umschlagen. Caroline H. Bledsoe von der Northwestern-Universität in Evanston (Illinois) und andere haben das in weiten Teilen Schwarzafrikas verbreitete Aufziehen von Pflegekindern näher untersucht. An sich ist es eine Art Versicherungsschutz, etwa in semiariden Gebieten Westafrikas; dort lebt etwa ein Drittel der Kinder jeweils bei Verwandten. Neffen und Nichten haben dieselben Ansprüche auf Unterbringung, Versorgung und Unterstützung wie die leiblichen Kinder. Wie ich aber kürzlich in einer Studie gezeigt habe, ermutigt diese Regelung junge Paare, zu viele Nachkommen zu haben, wenn für sie der individuelle Vorteil ihren Anteil an dem Aufwand überwiegt.

Wenn zudem – wie in Schwarzafrika – die ehelichen Bande schwach sind, gehen viele Männer mit der Zeugung eines Kindes keinerlei Verpflichtung ein. Demographen wie E.A. Wrigley von der Universität Cambridge haben einen wichtigen Unterschied zwischen Westeuropa im 18. Jahrhundert und modernen vorindustriellen Gesellschaften bemerkt: Während dort junge Väter sich der Sorge für das Kind entziehen, bedeutete in Europa damals die Verbindung mit einem Mädchen in der Regel die Gründung eines eigenen Hausstands. Darum heiratete man eher spät, und die Eltern selbst trugen die Belastung durch Kinder gemeinsam. In Frankreich beispielsweise fielen die Fertilitätsraten, bevor die Sterblichkeitsraten abnahmen, bevor zuverlässige Mittel der Familienplanung zur Verfügung standen und bevor die Frauen lesen und schreiben lernten.

Geburtenüberschuß aufgrund vermeintlich niedriger Kosten und großer Vorteile kann mitunter einen Teufelskreis in Gang setzen. Gehen die Ressourcen der Gemeinschaft zur Neige, braucht man mehr Arbeitskräfte, um den täglichen Bedarf zu befriedigen. Darum setzt man noch mehr Kinder in die Welt, beutet dadurch die Allmende-Güter weiter aus und verstärkt so wiederum den Drang, die Familie zu vergrößern. Bis diese wechselseitige Eskalation von Fertilität und Umweltzerstörung angehalten wird – ob durch staatliche Maßnahmen oder den schwindenden Vorteil zusätzlicher Kinder –, müssen manchmal Millionen Menschen unter immer tieferer Armut leiden (Bild 4).

Neuere Untersuchungen der Weltbank zu Schwarzafrika haben eine deutliche Korrelation zwischen Armut, Fertilität und Zerstörung der lokalen Lebensgrundlagen nachgewiesen. Zwar lassen sich damit kausale Zusammenhänge nicht beweisen, aber die Daten sprechen für eine positive Rückkopplung, wie ich sie beschrieben habe. Am Ende kann diese Spirale der Verelendung regelrechte Kriege um Ressourcen auslösen (siehe "Umwelt-Konflikte" von Thomas F. Homer-Dixon, Jeffrey H. Boutwell und George W. Rathjens, Spektrum der Wissenschaft, April 1993, Seite 36).

Die wehrlosesten Opfer solcher Verteilungskämpfe sind die sozialen Außenseiter: die gänzlich verarmten Landflüchtigen, von denen manche nicht einmal in einem Slum Fuß fassen können und mit der Zeit zu den abgezehrten Bettlern werden, denen man in vielen größeren Städten der unterentwickelten Länder begegnet. Alles in allem ergeben historische Studien von Robert W. Fogel an der Universität Chicago sowie theoretische Untersuchungen von Debraj Ray an der Universität Boston und von mir, daß der beschriebene Teufelskreis eine Ursache absoluten Elends ist. Ausgemergelte Bettler, die auf den Straßen schlafen, sind nicht faul; sie müssen nur sorgsam mit ihrem schmalen Energievorrat umgehen. Als chronisch Unterernährte haben sie auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr (Bild 5).

Familien mit besserem Zugang zu Ressourcen vermögen hingegen ihre Größe zu begrenzen und sich in höhere Einkommensgruppen emporzuarbeiten. Nach meinem Eindruck hat die städtische Mittelschicht im nördlichen Indien schon eine niedrigere Fertilitätsrate erreicht.

Indien bietet freilich auch ein Beispiel, wie die von mir beschriebene Rückkopplung extreme Armut aufrechterhalten kann, während rundum der Wohlstand steigt. Dort wie anderswo wirkt unablässig der sogenannte Matthäus-Effekt – nach Kapitel 25, Vers 29 des Matthäus-Evangeliums: "Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden".


Der Ausweg

Dieser Analyse zufolge läßt sich die Fertilität am besten dadurch senken, daß man die Spirale der Verelendung unterbricht. Das Fortpflanzungsverhalten in Entwicklungsländern ist eher aus dem Wunsch nach Kindern zu erklären als aus Mangel an Verhütungsmitteln. Deshalb sollten Regierungen und internationale Hilfsorganisationen die Wahlmöglichkeiten für Männer und Frauen derart verändern, daß Paare die Zahl ihrer Kindern freiwillig begrenzen.

Dabei ist freie Entwicklung und nicht Zwang entscheidend. Vor einigen Jahren zeigten mein Kollege Martin R. Weale und ich durch eine statistische Analyse, daß auch in armen Ländern mit der Gewährleistung politischer und bürgerlicher Rechte sich andere Lebensumstände verbessern – etwa das Pro-Kopf-Einkommen, die Lebenserwartung zum Zeitpunkt der Geburt und die Überlebensrate der Kinder. Somit sind solche Freiheiten nicht nur an sich erstrebenswert, sondern ermöglichen den Menschen wirtschaftliches Fortkommen. Wie Adam Przeworski von der Universität Chicago kürzlich festgestellt hat, ist auch die Geburtenrate niedriger, wo die Bürger mehr individuelle und politische Freiheiten genießen (die einzige Ausnahme unter den vielen in dieser Studie erfaßten Ländern ist China).

In den semiariden Regionen Schwarzafrikas und auf dem indischen Subkontinent ist es am wirkungsvollsten, mehrere Strategien gleichzeitig zu verfolgen. Gewiß helfen Angebote zur Familienplanung – vor allem verbunden mit medizinischer Versorgung – sowie Maßnahmen, welche die Stellung der Frau stärken. Wenn gesellschaftliche Normen zusammenbrechen und traditionelle Versorgungssysteme versagen, werden gerade die Frauen, die ihr Verhalten ändern wollen, finanziell und sozial besonders verwundbar. Darum sind Alphabetisierungskampagnen und Arbeitsmöglichkeiten speziell für die weibliche Bevölkerung unerläßlich, um den Übergang zu geringerer Fertilität zu erleichtern.

Ebenso wichtig sind sozialer Ausgleich und mehr unmittelbare wirtschaftliche Sicherheit für die Armen. Wo für erschwinglichen Brennstoff und für Trinkwasser gesorgt wird, sinkt der Nutzen zusätzlicher Arbeitskräfte in der Familie. Erst wenn ein Kind als kostspielig gilt, werden die meisten Paare das fatale Wechselspiel von Bedürftigkeit und Kinderreichtum unterbrechen.

Jede einzelne Maßnahme gegen Übervölkerung, Armut und Umweltzerstörung ist sicherlich schon für sich allein erstrebenswert; zugleich aber hilft jeder Erfolg dabei, den engen Zusammenhang zwischen diesen Hauptfaktoren der Verelendung zu lockern. Mir erscheint diese Übereinstimmung von Mitteln und Zwecken als eine sehr erfreuliche Tatsache in einem ansonsten bedrückenden Forschungsgebiet.

Literaturhinweise

- Population, Natural Resources, and Development. Sonderausgabe von: Ambio, Band 21, Heft 1, Februar 1992.

– An Inquiry into Well-Being and Destitution. Von Partha Dasgupta. Oxford University Press, 1993.

– Population: The Complex Reality. Bericht des Welt-Bevölkerungsgipfels der wissenschaftlichen Akademien, herausgegeben von der Royal Society, London. North American Press, 1994.

– Population, Economic Development, and the Environment. Herausgegeben von Kerstin Lindahl Kiessling und Hans Landberg. Oxford University Press, 1994.

– Poverty, Institutions and the Environmental Resource Base. Von Partha Dasgupta und Karl-Göran Mäler in: Handbook of Development Economics, Band 3. Herausgegeben von T.N. Srinivasan und anderen. North Holland Publishing, Amsterdam (im Druck).


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1995, Seite 54
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 1995

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 1995

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