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Die Lomborg-Kontroverse: Bevölkerungswachstum:

Lomborg ignoriert die Folgen


Rund um den Globus vollziehen sich nie da gewesene demografische Veränderungen. Am bekanntesten ist sicherlich das rasante Wachstum der Weltbevölkerung, doch auch andere Entwicklungen bleiben nicht ohne Folgen für das Wohlergehen der Menschheit. Die Menschen leben heute länger und gesünder, die Frauen gebären weniger Kinder, immer mehr Familien ziehen in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Großstädte oder in andere Länder, und vielerorts wächst das Durchschnittsalter.

Lomborg hebt einseitig die positiven Aspekte dieser Trends heraus und unterschlägt die negativen. Sicher haben Umweltaktivisten, die ein Katastrophenszenario globaler Hungersnöte heraufbeschworen und die Bevölkerungsex-plosion für fast alle Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialprobleme der Welt verantwortlich machten, ihr Anliegen übertrieben. Doch Lomborgs Behauptung, die Anzahl der Menschen sei nicht das Problem, ist schlichtweg falsch.

Durch selektiven Gebrauch von Statistik ruft er den Eindruck hervor, das Bevölkerungsproblem sei in der Zwischenzeit weitgehend überwunden. Tatsächlich ist die jährliche Wachstumsrate der Weltbevölkerung langsam zurückgegangen, doch der absolute Bevölkerungszuwachs reicht noch immer sehr nahe an die Höchstwerte der vergangenen Jahrzehnte heran.

Heute leben ungefähr sechs Milliarden Menschen auf der Erde, drei Milliarden mehr als im Jahr 1960. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen werden bis zum Jahr 2050 weitere drei Milliarden hinzukommen, und schließ-lich wird die Weltbevölkerung etwa zehn Milliarden Menschen umfassen.

Jede Diskussion über globale Entwicklungen führt in die Irre, wenn sie nicht die krassen Unterschiede zwischen den Weltregionen berücksichtigt. In den heute ärmsten Nationen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas lebt eine junge und rasch wachsende Bevölkerung, während in den technisch fortgeschrittenen Nationen Europas und Nordamerikas sowie in Japan fast Null- oder gar Minuswachstum herrscht und die Bevölkerung rasch altert.

Infolgedessen wird das globale Bevölkerungswachstum künftig vor allem von den Entwicklungsländern geprägt, wo schon heute vier Fünftel aller Menschen leben. Der für die Zeit von 2000 bis 2025 vorhergesagte Zuwachs in den Entwicklungsländern – von 4,87 auf 6,72 Milliarden – ist ebenso groß wie das Rekordwachstum in den vergangenen 25 Jahren. Die beispiellose Bevölkerungsexpansion in den ärmsten Regionen der Welt setzt sich praktisch ungehemmt fort.

Das bisherige Wachstum hat in vielen Ländern zu hoher Bevölkerungsdichte geführt. Hier macht es sich Lomborg eindeutig zu einfach: Er weist alle Sorgen über diese Tatsache von der Hand, indem er die Bevölkerungsdichte schlicht als das Verhältnis der Einwohnerzahl zur Gesamtfläche berechnet. Einen sinnvollen und genauen Indikator für die tatsächliche Besiedlungsdichte erhält man jedoch erst nach Abzug aller Gebiete, die weder für menschliche Ansiedlung noch für Landwirtschaft geeignet sind, wie Wüsten und unzugängliche Gebirgsregionen. Nach Lomborgs simpler Rechnung beträgt die Bevölkerungsdichte Ägyptens überschaubare 68 Personen pro Quadratkilometer; zieht man jedoch alle unbewässerten Wüstenregionen ab, dann drängen sich nicht weniger als 2000 Menschen auf jedem Quadratkilometer zusammen. Darum ist es auch kein Wunder, dass Ägypten einen großen Teil seiner Nahrungsmittel importieren muss. Mit dem richtigen Maß beziffert, hat die Bevölkerungsdichte insbesondere in den großen Flächenstaaten Asiens sowie im Nahen und Mittleren Osten schon heute extrem hohe Werte erreicht.

Warum sollte uns das zu denken geben? Seit Jahrhunderten machen die Menschen sich Gedanken über die Auswirkungen von demografischen Entwicklungen auf den Lebensstandard. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts meinte der britische Geistliche und Ökonom Thomas Robert Malthus angesichts steigender Bevölkerungszahlen, der Nahrungsmangel werde diesem Wachstum früher oder später Grenzen setzen. Es stimmt, wie Lomborg und andere Technik-Optimisten bemerken, dass die Weltbevölkerung seither viel rascher gewachsen ist, als Malthus sich vorstellen konnte – in 200 Jahren von einer Milliarde auf sechs Milliarden –, und dass sich zugleich die Qualität der Ernährung verbessert hat. Vermutlich durchaus zu Recht setzen die Technik-Optimisten auf eine wesentliche Steigerung der Nahrungsmittelproduktion in den kommenden Jahrzehnten. Schließlich liegt der globale Durchschnittsertrag noch immer deutlich unter dem Niveau der produktivsten Nationen, und manche Länder verfügen über ungenutzte Böden, die allerdings großenteils bewaldet sind.

Allerdings werden große Investitionen in die Landwirtschaft nötig sein, um die Milliarden zusätzlicher Erdenbürger mit qualitativ hochwertiger Nahrung zu versorgen: Dafür muss in naher Zukunft zwei- oder gar dreimal so viel produziert werden wie heute. Das bereits landwirtschaftlich genutzte Gebiet ist meist hochwertiger als die ungenutzten, im Prinzip noch kultivierbaren Flächen. Auch die heute bestehenden Bewässerungssysteme wurden an den günstigsten Standorten errichtet. Wasser ist in vielen Ländern ein immer knapperes Gut, da sich der Wettbewerb um diese wichtige Ressource zwischen Haushalten, Industrie und Landwirtschaft verschärft. Folglich wird jede weitere Steigerung der Nahrungsmittelproduktion zu einem im-mer höheren Preis erkauft werden müssen – und zwar erst recht, wenn man die ökologischen Kosten berücksichtigt, die nicht in den Kaufpreis des Agrarprodukts eingehen.

Lomborgs Behauptung, die Produktion von mehr Nahrung sei kein Problem, stützt sich in erster Linie auf die niedrigen und bislang stetig sinkenden Weltmarktpreise für Agrarprodukte. Doch diese Zahlen täuschen: Massive staatliche Subventionen, durch die insbeson-dere die entwickelten Länder ihre Landwirtschaft stützen, halten die Nahrungsmittelpreise künstlich niedrig. Zwar hat auch der technische Fortschritt die Preise gesenkt, doch ohne massive Subventionen wären Nahrungsmittel auf dem Weltmarkt sicherlich teurer.

Wie die Bevölkerungswissenschaftler Paul R. und Anne H. Ehrlich formulieren, ist der Mensch auf dem besten Wege, die Erde in eine gigantische menschliche Futterkrippe zu verwandeln. Um eine wachsende Bevölkerung zu ernähren, muss bisher brachliegendes Land erschlossen, müssen Bewirtschaftungsmethoden intensiviert werden. Darunter leidet die Umwelt: Entwaldung, Artensterben, Bodenerosion und Verseuchung durch Pestizid- und Düngemittelrückstände sind die Folgen. Die Umweltzerstörung möglichst gering zu halten ist durchaus machbar – aber teuer. Ganz offensichtlich wäre der einfachere Weg, das Bevölkerungswachstum in Grenzen zu halten. Lomborg streitet die ökologischen Folgekosten nicht ab, fragt aber nur hilflos: Welche Alternative bleibt uns mit mehr als sechs Milliarden Menschen auf der Erde?

Mit Recht nennt Lomborg die Armut als Hauptgrund für Hunger und Mangelernährung, doch er verschweigt, dass die Bevölkerungsexpansion selbst zur Armut beiträgt. Dieser Effekt kommt durch zwei verschiedene Mechanismen zu Stande. Zum einen führt eine hohe Geburtenrate zu einer jungen Bevölkerung mit bis zu fünfzig Prozent Minderjährigen unterhalb des erwerbsfähigen Alters. Diese Kinder und Jugendlichen müssen ernährt, untergebracht, bekleidet und erzogen werden; doch sie sind nicht produktiv und belasten die Volkswirtschaft.

Zum anderen brauchen all diese Menschen dringend zusätzliche Arbeitsplätze. Die verstärkte Nachfrage nach Arbeit, der ein viel zu geringes Angebot gegenübersteht, drückt auf die Löhne und verstärkt somit Armut und Ungleichheit. Es kommt zur Massenarbeitslosigkeit, und auch wer einen Job findet, lebt in armen Ländern häufig am Rande des Existenzminimums.

Diese beiden widrigen Folgewirkungen für die Volkswirtschaft sind durchaus umkehrbar – wenn es gelingt, die Geburtenrate zu senken. Weniger Kinder entlasten nicht nur die Schulen, sondern erhöhen auch das Verhältnis zwischen Verdienern und Nichtverdienern; zudem geht auf längere Sicht auch die Zahl der Arbeit Suchenden zurück. Diese vorteilhaften demografischen Effekte hatten ihren Anteil am "Wirtschaftswunder" in mehreren ostasiatischen Staaten. Derart deutliche Besserungen sind natürlich keineswegs garantiert; sie können sich nur in Staaten einstellen, die eine insgesamt vernünftige Wirtschaftspolitik treiben.

Die massive Abwanderung aus den Dörfern der Entwicklungsländer in die Großstädte findet Lomborg begrüßenswert. Gewiss, in der Stadt herrscht in der Regel ein höherer Lebensstandard als auf dem Dorf. Doch heute übersteigt die Flut der Migranten oft die Aufnahmekapazität der Städte, und so endet der Traum vom urbanen Leben für viele Zuwanderer im Elend eines Großstadtslums. In den ärmsten Ländern bröckelt der traditionelle Vorteil der Stadt, und in den Elendsvierteln herrschen häufig nicht weniger katastrophale hygienische Zustände als in den ländlichen Regionen. Daran zeigt sich ein weiteres Problem raschen Bevölkerungswachstums: Die Regierungen sind unfähig, für ihre zusätzlichen Landeskinder zu sorgen. Vielen Entwicklungsländern ist es wirtschaftlich unmöglich, ihre Investitionen in Gesundheit, Bildung und Infrastruktur der steigenden Einwohnerzahl anzupassen.

Zweifellos leben viele Menschen heute besser als noch vor wenigen Jahrzehnten, doch Lomborg unterschlägt, dass dieser positive Trend nicht zuletzt den intensiven Bemühungen einzelner Regierungen und der internationalen Gemeinschaft zu verdanken ist. Investitionen in die Entwicklung und Verbreitung der so genannten Grünen Revolution haben den Hunger gemildert; staatliche Gesundheitsprogramme senkten die Sterblichkeit, und Programme zur Familienplanung reduzierten die Geburtenraten. Doch trotz all dieser Fortschritte sind noch heute ungefähr 800 Millionen Menschen unterernährt, und 1,2 Millionen leben in äußerster Armut.

Diese unerträgliche Situation schreit geradezu nach effektiveren Hilfsmaßnahmen. Lomborg erinnert die entwickelten Länder an ihr Versprechen gegenüber den Vereinten Nationen, 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe zu spenden. Nur wenige Länder haben das Versprechen erfüllt. Die reichste Nation der Welt, die USA, ist auch eine der geizigsten: Sie spendet nur 0,1 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts. Die Tendenz der staatlichen Entwicklungshilfe zeigt abwärts statt nach oben. Leider verleitet das unablässige "Alles wird gut", das sich als Grundtenor durch Lomborgs gesamtes Buch zieht, eher zu Selbstgefälligkeit als zu entschlossenem Handeln.

Das Bevölkerungswachstum ist nicht der Hauptgrund aller Wirtschafts-, Umwelt- und Sozialprobleme auf der Welt, aber es hat einen wesentlichen Anteil da-ran. Wäre die Bevölkerung in der Vergangenheit langsamer gewachsen, ginge es uns heute besser; und wenn wir es schaffen, unser Wachstum zu bremsen, wird es künftigen Generationen besser gehen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 2002, Seite 41
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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