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Bewusstsein: Die Erfindung des Erlebens

Wahrnehmen ist ein kreativer Akt. Aus bruchstückhaften sensorischen Daten konstruiert unser Gehirn eine Wirklichkeit, die durch Erwartungen und Vorwissen geformt wird.
Bewusstsein von Joseph LeDoux

Ewald Hering, ein bedeutender Physiologe und Pionier der Wahrnehmungsforschung im ausgehenden 19. Jahrhundert, schrieb: »Das Gedächtnis verbindet die zahllosen Einzelphänomene unseres Bewusstseins zu einem Ganzen, und wie unser Leib in unzählige Atome zerstieben müsste, wenn nicht die ­Attraktion der Materie ihn zusammenhielte, so zerfiele ohne die bindende Macht des Gedächtnisses unser Bewusstsein in so viele Splitter, als es Augenblicke zählt.« Ungefähr zur gleichen Zeit schrieb William James: »Während wir einen Teil dessen, was wir von dem Objekt vor uns wahrnehmen, mit den Sinnen erfassen, so geht ein anderer Teil (und es mag der weitaus größere sein) von unserem eigenen Kopf aus.«

Ein Jahrhundert später brachte Gerald Edelman, ein mit dem Nobelpreis bedachter Immunologe und Neurowissenschaftler, das, was Hering und James gespürt hatten, auf einen Begriff, indem er Bewusstsein als »erinnerte Gegenwart« bezeichnete. Und der Neurowissenschaftler Richard F. Thompson, dessen Spezialgebiet die Gedächtnisforschung war, schrieb ganz ähnlich: »Ohne Gedächtnis kann es keinen Geist geben.« Kurzum, diese Autoren sagen, dass alles, was wir in einer bestimmten Situation sehen, denken und fühlen, von unseren Erfahrungen in der Vergangenheit abhängt – und wir die Gegenwart durch das Brennglas des Gedächtnisses erleben ...

Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen leicht bearbeiteten Auszug aus dem neuen Buch von Joseph LeDoux »Bewusstsein: Die ersten vier Milliarden Jahre«, das Ende September bei Klett-Cotta erschienen ist.

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