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Brief an die Leser


Verehrte Leserin,

sehr geehrter Leser,



Unmensch – die Sprache signalisiert unfaßbare Abscheu. Sie hat zudem das Untier hervorgebracht, bemerkenswerterweise jedoch keine Unpflanze.

Insofern ist Kritik an dem Begriff Unkräuter, den manche Feinfühligen gern durch Wildkräuter oder Ackerbegleitflora ersetzt sehen möchten, wohl etwas unbedacht: Zwar geht die Vorsilbe un..., verwandt zum Beispiel mit griechisch a(n)... und lateinisch in..., mit Entsprechungen in anderen indogermanischen Sprachen auf eine Wortnegation (n–) zurück; sie muß aber nicht unbedingt verneinen, obwohl sie das in einer Unmenge von Fällen von abänderlich bis zweifelhaft tut (indes sie Menge eher unmäßig steigert), sondern kann auch lediglich „das Abweichen von einer Idealvorstellung“ („Duden“) im Sinne von unangebracht bedeuten. In dieser Zeitschrift sollte Unkraut, zumal als Thema eines ganzen Artikel-Komplexes (Seite 92), denn auch nicht als Urteil verstanden werden, daß die Natur derart abqualifizierte Organismen besser gar nicht erst hätte entstehen lassen.

Im Gegenteil. Uns schien dringlich, mit deutlichen Worten statt mit nomenklatorischen Spielen auf die bereits geschehene oder bevorstehende Ausrottung vieler Unkräuter hinzuweisen. Dabei sind sie Geschöpfe des Menschen, Kulturfolger, deren Erscheinungsformen sich großenteils erst im Zusammenhang mit der zehn Jahrtausende währenden Züchtung und Pflege der Nutzpflanzen herausgebildet haben.

Die Korn-Rade (Agrostemma githago) etwa, seit der Jungsteinzeit auch in Deutschland heimisch, stammt aus dem Mittelmeergebiet; die Gattung umfaßt wenige ostmediterrane Arten. Weit verbreitet und schließlich sogar bis nach Australien verschleppt wurde sie, weil die Samen eine ähnliche Form und Größe wie Getreidekörner haben. Da sie giftig sind, entwickelten die Bauern eigens Radensiebe. Durch die moderne Saatgutreinigung ist das einjährige, 30 Zentimeter bis ein Meter hohe, graufilzige Nelkengewächs mit den langen Kelchzipfeln, die über die trüb-purpurne Krone hinausragen, mittlerweile so selten geworden, daß es auf der Roten Liste steht.

Grund, solches Unkraut zu bekämpfen, hatten die Landwirte gewiß. Aber sie haben es ehedem nicht mit totalem Vernichtungswillen überzogen. Das griechische stemma im Gattungsnamen erinnert noch daran, daß auch die Blüten der Korn-Rade in den Kranz gewunden wurden, der sommers, vor der Ernte, den Hof oder doch eine Mägdekammer schmückte.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1993, Seite 3
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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