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Brief an die Leser


Verehrte Leserin,

sehr geehrter Leser,



Brasilianische Hautfarben umfassen alle Abstufungen von Schwarz über Braun und Beige bis Weiß, das Gelb japanischer Immigranten und sogar ein nobles Olivgrün, wenn der düster-bleiche portugiesische Teint ein wenig mit einer afrikanischen Tönung untermischt worden war. Was gemeinhin fehlt, ist das Rot der Stammbevölkerung; sie ist von ehedem einigen Millionen Menschen auf rund 350000 dezimiert worden.

Nachdem Pedro Alvares Cabral am 22. April 1500 die Küste Südamerikas bei dem nachmaligen Pôrto Seguro gesichtet hatte, fanden die Europäer dort keine urbanen Hochkulturen vor wie in Mittelamerika und in den Anden. Die Ureinwohner Brasiliens, vorwiegend Tupí-Guaraní-Gruppen, bauten Maniok und Süßkartoffeln an und sammelten, jagten und fischten das sonst zur Existenz Nötige. Bis auf etwas Keramik (seit 1000 vor Christus) und Relikte von Grubenhäusern (seit 500 nach Christus) haben sie nur wenige Spuren hinterlassen. Sie verstanden also, was zivilisierte Gesellschaften nicht mehr zu lernen vermögen – im Einklang mit der Natur zu leben.

Insbesondere das Refugium ihrer letzten Nachfahren, der Regenwald des Amazonas-Beckens, ist zum Paradigma dafür geworden, daß das derzeit generelle Muster von Ressourcen-Verbrauch die Grundlagen des Lebens zunehmend und bereits global beeinträchtigt. Nicht von ungefähr fand die Konferenz über Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen letztes Jahr in Rio de Janeiro statt. Seither aber ist klarer denn je, daß der Schutz von Ökosystemen in den Dritte-Welt- und Schwellenländern nicht ohne Rücksicht auf ihr angestrebtes ökonomisches Wachstum durchzusetzen ist.

Mit gezielten Studien vor Ort suchen nun Wissenschaftler nach Nutzungskonzepten, die sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich und sozial verträglich sind. Meine New Yorker Kollegin Marguerite Holloway hat für ihren Report darüber (Seite 70) zahlreiche solcher Außenposten praktischer Forschung besucht. Vieles angelesene Vorwissen half ihr wenig, etwa als ein Kayapó-Häuptling ihr per Video dokumentierte, wie weiße Abenteurer Männer seines Stammes massakriert und Frauen vergewaltigt hatten. Und als sie gemeinsam mit dem Biologen Thomas E. Lovejoy in die Welt der Duschen und Diners zurückkehrte, vermochte sie sich nicht gleich comme il faut zu benehmen: „Am ersten Abend in Belém“, berichtet sie, „waren wir bei dem Gouverneur des Bundesstaates Pará eingeladen; aber wir kratzten uns unablässig den von Insekten überall zerstochenen Körper und schoben uns zwischen dem Tafelgeschirr immer wieder die Cortisonsalbe zu.“


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1993, Seite 3
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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