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Brief an die Leser


Verehrte Leserin,

sehr geehrter Leser,


in der Sandgrube Grafenrain von Mauer bei Heidelberg hatte am 21. Oktober 1907 der Arbeiter Daniel Hartmann an der steilen Abbauwand zu tun. Da gewahrte er 87 Zentimeter über der Grubensohle, etwa 24,50 Meter unter Geländehöhe, einen von Kalk verkrusteten Knochen mit Zähnen auf seiner Schaufel – den Unterkiefer eines Menschen, wie er gleich richtig erkannte. Für den Anthropologen Otto Schoetensack war dies ein seit langem erhoffter Beweis: Immer wieder waren aus den Ablagerungen in einer ehemaligen Neckar-Schleife Fossilien einer reichen Säugerfauna zutage gekommen, von Tieren, die offenbar in einer warmen Phase des letzten Eiszeitalters gelebt hatten; und ihnen, so die damals noch gewagte Annahme Schoetensacks, dürften bereits jagende Menschen auf der Spur gewesen sein. Er dokumentierte das Relikt eines so frühen Vertreters unserer Gattung Homo sorgfältig, unter anderem mit Röntgenaufnahmen, und ordnete es der neuen eigenen Art heidelbergensis zu.

Die Kinnlade stammt wahrscheinlich von einem Mann, gestorben im Alter zwischen l9 und 25 Jahren (die beiden inzwischen fehlenden Zähne gingen erst 1945 verloren). Er war durchaus ein Kulturwesen: In der Fundschicht wurden später 31 Hornstein-Artefakte entdeckt, darunter ein beidflächig retuschierter und ein gezähnter Schaber sowie vier zierliche, bohrerartige Spitzen. Die Formtypen lassen auf eine Entwicklungsstufe schließen, auf der die Individuen einer Familie wie auch die Gruppen der Population sich über die Funktionen von Gerätschaften verständigten und Muster technischer Errungenschaften tradierten, somit sozial recht hoch organisiert waren.

Wann genau war das? Dem geht ein 1988 gegründetes interdisziplinäres Team, geleitet von der Forschungsstelle Archäometrie der Heidelberger Akademie der Wissenschaften am Max-Planck-Institut für Kernphysik, auf den Grund. Befunde an Profilschnitten und Bohrkernen aus der längst aufgelassenen Sandgrube Grafenrain werden mit anderen Schichtsequenzen und Datenreihen korreliert. Demnach ist der Unterkiefer, wie anläßlich des 90. Jahrestages seiner Entdeckung ein Sammelwerk der vielfältigsten Untersuchungen belegen wird, in einer frühen Warmphase des mittleren Pleistozäns ins Neckar-Sediment gelangt – entweder zwischen 528000 und 474000 oder gar zwischen 621000 und 568000 Jahren vor der Gegenwart.

Neuerdings hat der Homo heidelbergensis Gesellschaft bekommen, nicht nur in Gestalt artgleicher Fossilien von weiteren Orten. Vielmehr wurde dieser Prototyp der ersten Europäer, jedenfalls einer führenden Theorie der Hominiden-Evolution zufolge, in Afrika auch zum Urahnen sowohl der Neandertaler wie aller anatomisch moderner Menschen – siehe Seite 64.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1997, Seite 3
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 6 / 1997

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