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Brief an die Leser


Verehrte Leserin,

sehr geehrter Leser,


verstörend diese Szene bei der Trauerfeier für die drei türkischen Opfer eines mörderischen Brandanschlags in Mölln, bei der in Hamburg am 27. November 1992 mehr als 10000 Menschen ihre Teilnahme bekundeten. Ermutigend der Blick in Klasse 6A der Hostato-Schule in Frankfurt am Main, die im selben Jahr Kinder aus 21 Nationen besuchten; fast 300 der rund 500 Grund- und Hauptschüler dort hatten Eltern ohne deutschen Paß.

Extreme sind zwar gerade nicht typisch. Und Momentaufnahmen geben allenfalls einige starre Pixel eines großen, sich unablässig wandelnden Bildes wieder. Trotzdem bestimmen sie private und öffentliche Dispute über ein so komplexes Geschehen wie die Zuwanderung nach Deutschland entscheidend mit. Denn Photos wie diese zeigen exemplarisch den akuten Zwiespalt in unserer Gesellschaft auf – einerseits Scheu vor allem und allen Fremden, die sich oft zu abschottender Angst, mitunter zu Haß und Gewalt steigert, andererseits pragmatische oder einfühlsame Offenheit, die sich, auf die Probe gestellt, zumeist in unspektakulären Integrationshilfen erweist. Kaum jemand, der noch indifferent bleiben könnte.

Haben wir nicht Schwierigkeiten genug damit, daß das Verschwinden der innerdeutschen Grenze schneller, als ein Flüchtling über einen Zaun zu klettern vermag, nahezu 17 Millionen DDR-Bürger aus dem zerbröselnden Ostblock in den westlichen Kapitalismus versetzte? Der Schock nach dem Einheitstaumel wird beidseits noch lange nachwirken. Was Wunder, daß die echte Migration um einiges problematischer ist: der Zuzug jener, die hier die Heimat einst emigrierter Vorfahren oder Arbeit oder sonst bloß irgendein Auskommen zu finden erwarten, wie auch jener, die nur erst einmal dem zu großen Elend, der zu harten Unterdrückung oder einem Krieg in ihrem angestammten Lebensraum zu entkommen suchen. Ganz gleich, ob in der Hoffnung auf zeitweiliges Asyl, auf gesetzlich gesicherte Bleibe, auf Eingliederung oder auf illegalen Unterschlupf – den Massen, die bereits da sind, werden weitere Massen folgen; derweil wachsen schon die zweite und die dritte Generation lange ansässiger Migranten-Minderheiten heran.

Politik und Rechtssystem, Wirtschaft und Wohlfahrtseinrichtungen der Bundesrepublik sind auf den erwartbaren Ansturm, der auch neue soziale und kulturelle Konflikte auslösen dürfte, schlecht vorbereitet: Seite 56.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1997, Seite 3
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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