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Brief an die Leser


Verehrte Leserin,

sehr geehrter Leser,


was Kultur aus Natur doch alles machen kann: Weil die Evolution nun einmal die sexuelle Reproduktion erfunden hat, müssen die Geschlechter zusehen, wie sie zueinanderfinden; und die im Tierreich weitverbreitete Werbung kulminiert bei uns Menschen gemeinhin im Verlöbnis. Lange Zeit war dies ein zeremonieller Akt, vor Zeugen zu vollziehen und durchaus nicht mit einem Handschlag des künftigen Eidams sowie der Umarmung der Auserwählten und dem im Jahre 336 von Kaiser Konstantin I. verbindlich gemachten Kuß abgetan. Eine Treugabe (Handschuh, Band, Ring, Schwert, Kleidung, Münze, Schuhe oder Tuch) sollte schon sein. Begründet wird mit alledem, zumindest nach juristischer Auffassung, ein Rechtsverhältnis, wenngleich keine einklagbare und vollstreckbare Verpflichtung zum Eingehen der Ehe. Aber das Verfahren bei Mißerfolg regeln immerhin sechs Paragraphen (1297 bis 1302) des Bürgerlichen Gesetzbuches; in Österreich und in der Schweiz gelten ähnliche Bestimmungen.

Soziobiologen muß seltsam anmuten, daß hingegen die gesellschaftliche Ausgestaltung des Brauchs, die Hochzeitsnacht mit einer Morgengabe zu besiegeln, vergleichsweise unterentwickelt ist. Dabei wäre doch gerade sie geeignet, ein besonderes Ehegut zur Vorsorge für die gemeinschaftlichen Kinder zu bilden oder – notfalls – dem Unterhalt der Witwe zu dienen.

In dieser Hinsicht sind uns Gliedertiere weit voraus, und zwar jene, die bei der Begattung erhebliche Komplikationen zu bewältigen haben. Sie passen nämlich körperlich nicht auf die übliche Weise zusammen; überdies findet die Befruchtung, wenn überhaupt, geraume Zeit nach der Besamung statt. Gälte strikt das von Charles Darwin postulierte Prinzip der Auslese der Bestangepaßten, sollten solche Individuen im Kampf ums Dasein unterlegen und längst ausgeschieden sein. Tatsächlich aber wurde der ergänzende Mechanismus der sexuellen Selektion um so wirksamer: Erst brachten die Männchen nur die Spermien an den Weibchen in einer Schutzhülle an. Diese fanden die proteinreiche Kapsel jedoch nahrhaft, was das Risiko heraufbeschwor, daß die männliche Erbsubstanz mitgefressen wurde. Die Lösung des Problems ist eben eine Morgengabe – ein zusätzliches leckeres Sekret der Männchen, das die Weibchen längere Zeit beschäftigt, damit die Zeugung von Nachkommen gelingt. Die Einzelheiten dieser Eskalation, wie sie sich insbesondere bei manchen Heuschrecken abgespielt hat, schildert Darryl T. Gwynne von Seite 82 an. Vorweggenommen sei warnend, daß manche Anpassungsleistungen auch ins Extrem getrieben werden können. So müssen bei den Schwarzen Witwen die zum Erbarmen mickrigen Männchen zwar nicht Futter für die dicke Partnerin produzieren, um ihre Vaterschaft zu sichern, indes häufig Leib und Leben dafür opfern – sie selber sind dann die Mahlzeit nach der Kopulation


Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 1997, Seite 3
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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