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Brief an die Leser


Verehrte Leserin,

sehr geehrter Leser,


Hans-Uwe Erichsen, Dagmar Schipanski, Joachim Treusch, Hans-Jürgen Warnecke, Wolfgang Frühwald und Hubert Markl – diese Sitzordnung hatte sich zufällig ergeben. Ohnehin bilden die Präsidenten und Vorsitzenden der Institutionen des staatlich geförderten deutschen Forschungssystems eine sehr partnerschaftliche Allianz. Sie reden trotzdem nicht unisono; aber sie vertreten entschieden und vorsorglich vorausschauend unser aller Sache: Erstmals äußerten sie sich nun gemeinsam öffentlich zu der Krise der Innovationsgrundlagen in der Bundesrepublik (Seite 30). Quintessenz: Politik in Bund und Ländern wie auch die Wirtschaft gefährden schon seit längerem durch kurzsichtige Entscheidungen und Sparmaßnahmen das im Grunde noch überaus leistungsfähige Gesamtgefüge von universitärer und außeruniversitärer Forschung; zukunftssichernde anwendungsbezogene Entwicklungen unterbleiben oder werden nicht genutzt, und der begabte Nachwuchs findet immer weniger Möglichkeiten der kreativen Entfaltung.

Auf kargere Zeiten nach den achtziger, den vergleichsweise fetten Jahren hat sich die Gesellschaft schlecht eingestellt. Inzwischen besteht das Risiko, daß der Elan zu strukturellen Erneuerungen vollends erschlafft. Denn noch zehrt es sich in unserer Exportnation von früheren Erfindungen recht gut. Doch auf die Ideen, mit denen wir den Wettbewerb von morgen zu bestehen haben werden, müssen wir heute kommen. Je mehr Schaden jetzt die Stätten der Erkenntnissuche leiden, desto schwerer wird der permanente, gegenwärtig sich scharf beschleunigende globale technologische und soziale Wandel mitzuvollziehen sein. Die wichtigste Ressource dieses Landes sind nun einmal bestens geschulte gescheite, einfallsreiche Köpfe.

Die Wissenschaft hat freilich keine starke Lobby. Um so alarmierender müßte wirken, daß die führenden Manager ihrer Organisationen die bisherige distinguierte Zurückhaltung aufgeben. Einige von ihnen hatten bereits, als wir das in dieser Ausgabe publizierte Gespräch vorbereiteten, mit einem Manifest deutlich Priorität für Bildung und freie Forschung, entsprechende antizyklische Investitionen und den Abbau von bürokratischen Hemmnissen dringlicher Reformen angemahnt. Zwar meint Prof. Frühwald, "wenn man solche Aufrufe alle vier Wochen wiederholt, hört kein Mensch mehr hin". Wir haben gleichwohl aus guten Gründen darauf Bezug genommen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1997, Seite 3
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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