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Brief an die Leser


Mettmann, 4. Sept. Im benachbarten Neanderthal, dem sogenannten Gesteins, ist in den jüngsten Tagen ein überraschender Fund gemacht worden. Durch das Wegbrechen der Kalkfelsen, das freilich vom pittoresken Standpunkte nicht genug beklagt werden kann, gelangte man [an] eine Höhle, welche im Laufe der Jahrhunderte durch Thonschlamm gefüllt worden war. Bei dem Hinwegräumen dieses Thons fand man ein menschliches Gerippe, das zweifelsohne unberücksichtigt und verloren gegangen wäre, wenn nicht glücklicherweise Dr. Fuhlrott von Elberfeld den Fund gesichert und untersucht hätte.
Nach Untersuchung dieses Gerippes, namentlich des Schädels, gehörte das menschliche Wesen zu dem Geschlechte der Flachköpfe, deren noch heute im amerikanischen Westen wohnen, von denen man in den letzten Jahren auch mehrere Schädel an der oberen Donau bei Stigmaringen [sic] gefunden hat. Vielleicht trägt dieser Fund zur Erörterung der Frage bei: ob diese Gerippe einem mitteleuropäischen Urvolk oder blos einer (mit Attila?) streifenden Horde angehört haben.

Liebe Leser,

mit dieser heute kurios anmutenden Meldung verkündete das Barmer Bürgerblatt am 9. September 1856 die Entdeckung eines Skelettrestes, der als "Neanderthaler" (später ohne h) schließlich einer eigenen Menschenform den Namen gab.

Das Bild, das man sich nach und nach von ihr machte, war bis Mitte unseres Jahrhunderts von einer mißglückten Rekonstruktion eines anderen Exemplares geprägt: des am dritten August 1908 entdeckten "Alten von La Chapelle-aux-Saints". Eine Osteoarthritis hatte zu Lebzeiten seine Wirbelsäule stark deformiert, und die linke Hüfte wies ausgeprägte Abnutzungserscheinungen auf. Zwar versuchte der französische Paläontologe Marcellin Boule zu rekonstruieren, wie der fälschlich als Fünfziger eingeschätzte Mann ohne diese Veränderungen ausgesehen hätte. Heraus kam in seiner Interpretation aber eher ein menschenaffenähnliches Wesen: brutales Äußeres mit kräftigem schwerfälligen Körper, eingesackten Knien und einer Wirbelsäule, die nur eine gebeugte Haltung und einen schleppenden Gang zugelassen hätte; lediglich rudimentäre geistige Fähigkeiten wurden ihm zugebilligt. Wieviel der Neandertaler inzwischen an Menschlichkeit gewonnen hat, spiegelt sich in dem abgebildeten, mit gerichtsmedizinischen Methoden rekonstruierten weiblichen Exemplar im Neanderthal Museum in Mettmann wider.

Entstehen und Verschwinden dieser einst so erfolgreichen europäischen Menschenform ist allerdings trotz neuer Funde und Erkenntnisse eher ein Kriminalfall mit lückenhaften Indizien. Mehr darüber von Seite 56 an.
Ihre
Inge Hoefer


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1998, Seite 3
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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