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Brief an die Leser


Liebe Leser,



Kernfusion – droht jetzt das endgültige Aus? – die bange Frage auf der Titelseite des Augustheftes von „Bild der Wissenschaft“ illustriert die prekäre Lage der internationalen Fusionsforschung. Die Idee, das Sonnenfeuer auf der Erde zu zünden und kontrolliert als nahezu unerschöpfliche, sichere und relativ saubere Energiequelle zu nutzen, ist nun schon 50 Jahre alt. Doch die Umsetzung hat sich als sehr viel schwieriger, langwieriger und kostspieliger erwiesen als einst gedacht. Immer weniger Regierungen sind bereit, ins Unermeßliche steigende Summen für die Entwicklung einer Technologie aufzuwenden, die wohl nicht vor Mitte des nächsten Jahrhunderts, wenn überhaupt, praktisch einsetzbar ist.

Nach etlichen nationalen und europäischen Projekten wie dem Joint European Torus (JET) einigten sich vor zehn Jahren Europa, Japan, die damalige Sowjetunion und die USA auf den Bau des Internationalen Thermo-nuklearen Experimental-Reaktors, der die Machbarkeit eines technischen Fusions-kraftwerks demonstrieren und erstmals mindestens soviel Energie liefern sollte, wie zur Zündung aufgewendet werden muß. Doch nach Abschluß der Entwurfs-phase beschloß der ITER-Rat angesichts von geschätzten 13 Milliarden Mark Bau- und gut 800 Millionen Mark jährlichen Betriebskosten, die Entscheidung über die Realisierung um drei Jahre zu verschie-ben. Nun wird es wohl eine abgemagerte, halb so teure Version geben, mit der sich die für den Betrieb eines Fusionskraftwerks wichtigen physikalischen und technischen Fragen klären lassen, ohne daß jedoch eine positive Gesamtenergiebilanz erreicht würde.

In diesem Heft propagiert der Fusionsforscher Gerold Yonas eine nur rund 700 Millionen Mark teure Maschine, die mit einer neuen Technik in einem Jahrzehnt Netto-Fusionsenergie erzeugen könnte. Öffnet sie einen Ausweg aus der verfahrenen Situation? Die Aussicht ist durchaus bestechend, eines der Hauptziele der Fusionsforschung mit erstaunlich geringem Aufwand so bald zu erreichen. Doch die Z-Pinch-Maschine wirft eigene Probleme auf. Sie funktioniert mit gigantischen Stromentladungen, die jeweils große Zerstörungen anrichten; die nötigen Reparaturen lassen derzeit nur einen Schuß pro Tag zu. Die kurzfristige Leistungsabgabe wäre zwar enorm; doch reichte die Energie aus einer Entladung gerade mal aus, eine Glühbirne einige Stunden zu betreiben. Nur wenn es gelänge, die Zerstörungen zu vermeiden und die Wiederholungsrate millionenfach zu steigern, erbrächte eine solche Maschine nennenswerte Dauerleistungen.

Der Weg zum Fusionskraftwerk bleibt also lang und steinig.



Ihr Gerhard Trageser


Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 1998, Seite 3
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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