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Interview: BSE und kein Ende

Nun hat der Rinderwahn auch die deutschen Viehställe erfasst. Prof. Dr. Detlev Riesner, Leiter des Instituts für Physikalische Biologie und Mitglied des Biologisch-Medizinischen Forschungszentrums an der Universität Düsseldorf, äußert sich zum Stand der BSE-Krise.


Spektrum der Wissenschaft: Ist die Aufregung um die ersten BSE-Fälle in Deutschland gerechtfertigt?

Professor Detlev Riesner: Ich kann sie nur teilweise nachvollziehen. Beunruhigend ist, dass BSE nicht hätte auftreten dürfen, weil seit sechs Jahren die Verfütterung von Tiermehl an Wiederkäuer verboten ist. Es gibt natürlich die marginale Möglichkeit, dass die Rinder spontan, also ohne äußeren Anlass krank geworden sind; aber das wäre eine unglaubliche Koinzidenz. Davon können wir nicht ausgehen.

Spektrum: Demnach hat das EU-Gesetz von 1994 offenbar nicht gegriffen. Ist das generelle Verbot von Tiermehl eine angemessene Reaktion?

Riesner: Ich würde nicht sagen, das Gesetz hätte nicht gegriffen. Aber es gab offenbar Löcher bei der Kontrolle. Für das nun beschlossene generelle Tiermehlverbot sehe ich keinen wissenschaftlichen Grund, nur einen ordnungspolitischen Anlass, nämlich durch dieses Gesetz die Verfütterung an Rinder effektiv zu verhindern.

Spektrum: Sinn würde das generelle Verbot für Tiermehl dann machen, wenn die Artenschranke leichter zu überwinden wäre als bisher bekannt, wenn also Prionen – jene Proteine, die Scrapie bei Schafen, BSE bei Rindern und die neue Variante der Creutzfeld-Jakob-Krankheit beim Menschen hervorrufen – auch Schweine, Geflügel oder Fische befallen könnten. Gibt es dazu neuere Erkenntnisse?

Riesner: Die Artenschranke ist prinzipiell nicht leicht zu überwinden. Sie ist zwischen Wiederkäuern wie Schaf und Rind geringer – und leider auch zwischen Rind und Mensch. Die Artenschranke etwa von Rind auf Schwein hat man bisher nur im Experiment überwinden können. Dabei erhielt jedoch das Schwein eine Injektion von infiziertem Material direkt ins Gehirn – auf eine solche Idee würde kein Bauer kommen. Selbst wenn ein Schwein mit infektiösem Tiermehl gefüttert wird, erkrankt es sehr wahrscheinlich nicht – zumal seine Lebenszeit für eine massive Ausbreitung des Erregers zu kurz ist.

Spektrum: Das Prion-Protein existiert in zwei Formen: einer natürlichen, die harmlos ist, und einer mit veränderter Struktur oder Konformation, die krank macht. Die veränderten Partikel infizieren die natürlichen, indem sie diese zum Umklappen in die falsche Konformation veranlassen. Weiß man inzwischen, wie dieser Vorgang genau abläuft?

Riesner: Der prinzipielle molekulare Mechanismus ist leider immer noch unbekannt. Viele Labors der Welt arbeiten daran, den Umklapp-Effekt in vitro, also im "Reagenzglas", nachzuvollziehen und damit die Prion-Hypothese wirklich molekular zu beweisen. Dann müsste man aber künstlich infektiöse Partikel erzeugen können, und das war bisher nicht möglich.

Spektrum: Können Prionen außer durch die Nahrung auch anders übertragen werden – etwa über Ausscheidungen, die als Naturdünger auf die Weide kommen?

Riesner: Bei Rindern ist ein Infektionsweg über die Weide unwahrscheinlich. Selbst wenn Weiderinder durch verunreinigtes Tierfutter infiziert wären, betrüge die Erregermenge in den Ausscheidungen nur einen sehr geringen Bruchteil derjenigen im Futter. Man hat in Großbritannien keinen epidemiologischen Zusammenhang mit einer Verseuchung von Weidevieh erkennen können. Beim Schaf ist das Risiko einer Infektion über die Weide dagegen hoch. Schafwiesen können verseucht werden. Anders als heute gab es dadurch früher auch in Deutschland Scrapie-Epidemien. Doch die Schafhalter befolgten damals einfach von sich aus empirische veterinärhygienische Regeln und brannten die Wiese ab. Und so haben sie wohl die Epidemie in den Griff bekommen. Eine Übertragung über die Weide ist auch dadurch möglich, dass ein ablammendes Mutterschaf die hochinfektiöse Nachgeburt dort zurücklässt und die anderen Tiere sie fressen. Zudem sind die Innereien des Schafes viel ansteckender als die der Kuh. Bei Rindern hat man Prionen nur in bestimmten Lymphknoten und im Enddarm gefunden, bei Schafen dagegen auch in der Milz und in anderen Organen. Schafe kratzen sich auch sehr stark an Zäunen und Pfählen; dadurch ist gleichfalls eine Übertragung möglich.

Spektrum: Kennt man noch andere Übertragungswege?

Riesner: Einigermaßen gesichert ist der vom Muttertier auf das Kalb. Die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung sechs Monate vor Krankheitsausbruch bei der Mutter liegt aber nur bei zehn Prozent, ist also sehr gering.

Spektrum: Wie groß ist das Risiko einer Verbreitung durch Insekten?

Riesner: Wir haben bei uns im Labor Maden von Fleisch fressenden Fliegen auf infiziertes Rinderhirn gesetzt. Nach dem Verpuppen der Maden konnten wir in ihren Innereien – mit der Zeit abnehmend – Infektiosität nachweisen. Wenn also die Puppen auf der Wiese gefressen werden, haben wir ein Problem. Jetzt wollen wir experimentell herausfinden, ob auch Fliegen Prionen übertragen können. Dazu müsste eine mögliche Infektiosität in der Puppe bis ins Fliegenstadium erhalten bleiben. In diesem Falle würde es gefährlich.

Spektrum: Könnte die neue Variante der Creutzfeld-Jakob-Krankheit durch Bluttransfusionen in Krankenhäusern übertragen werden?

Riesner: Bei der klassischen Variante ist dieser Übertragungsweg nie nachgewiesen worden. So haben Blutspender, die später krank geworden sind, epidemiologischen Untersuchungen zufolge keinen der Empfänger angesteckt. Bei der neuen Variante ist das nicht sicher. Diese Erreger-Stämme finden sich wohl vermehrt auch im peripheren Kreislauf, etwa in den Mandeln, und so besteht wohl eine Gefahr bei Bluttransfusionen.

Spektrum: Was weiß man über das Erkrankungsrisiko, über Dispositionen? In einer Herde erkrankt ja auch nicht jede Kuh ...

Riesner: Nur ein bis zwei Prozent der mit Prionen-verseuchtem Tiermehl gefütterten Rinder infizieren sich. Man kennt eine genetische Disposition: eine bestimmte veränderte Aminosäure im natürlichen Prion-Protein. Betrachten wir – nach der bisherigen empirischen Erfahrung mit vCJK-Patienten – die Disposition des Menschen, so sind 35 Prozent anfällig, 50 Prozent dagegen nicht, und bei den restlichen 15 Prozent weiß man es nicht. Das betrifft die Anfälligkeit, die direkt im Prion-Gen angesiedelt ist. Es gibt wohl auch eine gewisse Anfälligkeit, die von benachbarten Bereichen herrührt, aber sie ließ sich natürlich nur im Tiermodell feststellen, nicht beim Menschen.

Spektrum: Anbieter von BSE-Tests haben derzeit Hochkonjunktur. Sind diese Tests zuverlässig?

Riesner: Ja. Die Tests, die unter anderen die Schweizer Firma Prionics zur Zeit kommerziell anbietet, beruhen auf einer zehn Jahre alten, ausgereiften Technologie. Dabei werden Proteine aus Gewebeproben des Gehirns durch ein Enzym namens Protease abgebaut; nur das infektiöse Prion-Protein bleibt wegen seiner Stabilität intakt, und Antikörpertests weisen es dann nach. Allerdings können die Tests die krankmachenden Prionen erst anzeigen, wenn diese sich bereits stark ausgebreitet haben. Deshalb werden neue Verfahren für empfindlichere Tests entwickelt. Das Labor von Stanley Prusiner, dem Pionier der Prionenforschung, arbeitet an einem Test, der nicht das Endprodukt, sondern schon das Intermediär-Produkt, das viel früher erscheint, nachweisen soll. Dabei handelt es sich um eine bereits umgewandelte Form, die aber noch durch das Enzym Protease abgebaut wird. So ließe sich die Infektion nicht erst einen oder zwei Monate, sondern vielleicht schon ein Jahr vor Ausbruch der Krankheit feststellen. Auch wir arbeiten zusammen mit der Firma Evotec an einem neuen Test. Er arbeitet mit der so genannten Fluoreszenz-Korrelations-Spektroskopie und nutzt nicht die Protease-Beständigkeit der infektiösen Prionen aus, sondern ihre Fähigkeit, sich zu Aggregaten zu vereinigen, also praktisch zu verklumpen.

Spektrum: Die Firma Vetmedica, eine Tochter des Pharmakonzerns Boehringer-Ingelheim, hat angeblich einen Bluttest entwickelt, mit dem sich die Infektion schon am lebenden Tier nachweisen lässt. Wie funktioniert er? Und bringt er den Durchbruch für eine optimale Kontrolle?

Riesner: Bisher konnten im Blut erkrankter Tiere keine Prionen nachgewiesen werden. Vielleicht stützt sich der erwähnte Test auf einen Faktor im Blut, der die Infektion indirekt anzeigt. Die äußerst spärlichen Informationen von Boehringer-Ingelheim reichen für eine Bewertung derzeit nicht aus. Ein zuverlässiger Test am lebenden Tier wäre natürlich ein gewaltiger Fortschritt. Mit allzu optimistischen Erwartungen sollte man aber im Moment noch vorsichtig sein.

Spektrum: Bisher war die Creutzfeld-Jakob-Krankheit unheilbar. Wie beurteilen Sie die Aussichten auf eine Therapie?

Riesner: Es gibt bisher nur einige Ansätze dazu. Sie laufen darauf hinaus, die Umfaltung und das anschließende Aggregieren – also Verklumpen – der Proteine mit der falschen Struktur zu verhindern. So kennt man Peptide, die sich spezifisch an das natürliche Prion-Protein anlagern und sein Umklappen in die falsche Konformation hemmen können. Bis zum praktischen Einsatz ist es aber noch ein weiter Weg.

Spektrum: In Großbritannien haben sich Forscher laut über die Ignoranz der Politiker beschwert. Haben die offiziellen Gesundheitshüter auf schon skandalöse Weise versagt, oder waren die Wissenschaftler zu leise?

Riesner: Was die britischen Wissenschaftler schon früh an Erkenntnissen gewonnen hatten, hätte die britische Regierung allemal wissen können. Sie hat aus politischer Opportunität aber nicht auf die aktuellsten Berichte und Gutachten zurückgegriffen, sondern sich viel zu lange auf den Southwood-Report gestützt, der das Risiko für den Menschen als verschwindend gering einschätzte. Auf einer Konferenz in England 1991 antwortete Prusiner auf die Frage, ob BSE auf den Menschen übertragbar sei, wir Wissenschaftler müssten ehrlicherweise zugeben, dass wir es nicht wüssten. Darauf bemerkte der Chief Medical Officer, Keith Meldrum, BSE könne ganz sicher nicht übertragen werden. Wer definiert wissenschaftliche Erkenntnis: ein Politiker oder eine anerkannte wissenschaftliche Größe? Eine solche Anmaßung der Politik ist schlimm.

Spektrum: Haben Sie in den letzten Jahren Ihre Risiko-Einschätzung revidieren müssen, oder entspricht die momentane Entwicklung Ihren Erwartungen?

Riesner: Ich habe immer vorausgesagt, dass wir in Deutschland auch ein paar Fälle der neuen Creutzfeld-Jakob-Variante bekommen würden – allein schon durch die Reisen Deutscher nach England. Ich bin von ein paar Prozent der britischen Fälle ausgegangen; glücklicherweise sind es bisher sehr viel weniger, aber die Statistik schützt uns noch nicht. Was die BSE-Fälle bei Rindern in Deutschland betrifft, war ich schon vor den Routine-Tests davon überzeugt, dass bei entsprechend rigorosen Überprüfungen einige infizierte Kühe gefunden würden. Derzeit rechne ich mit maximal so vielen wie in Frankreich, wahrscheinlich weniger, und bestimmt werden wir keine britischen Verhältnisse bekommen. Aber es gibt auch eine negative Erfahrung: Die britische Epidemie geht nicht so schnell zurück wie vorausgesagt. Vielleicht müssen wir in der Tat mehr mit anderen Übertragungswegen rechnen.

Spektrum: Essen Sie noch alles?

Riesner: Ich würde Hirn heute auch in Deutschland nicht essen. Was Fleischprodukte wie Wurst angeht, hat die heimische Fleischindustrie leider versäumt, klar zu sagen, dass sie dafür kein Hirn mehr verwendet – und natürlich müsste das auch wirklich stimmen. Bei einem Steak habe ich sicher keine Bedenken.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 2001, Seite 16
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 2001

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