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Schrift: Hieroglyphen: Zwei gegensätzliche Genies

Für die Entzifferung der Schrift der alten Ägypter mussten zwei Persönlichkeiten kooperieren, die unterschiedlicher nicht sein konnten: Wem gebührt heute Ruhm und Ehre?

Wem der Ruhm für eine herausragende wissenschaftliche Leistung gebührt, lässt sich leider selten mit Bestimmtheit sagen, auch nicht in der Archäologie. Ein besonders faszinierender Fall entspinnt sich allerdings um die Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen. Diese Großtat aus den 1820er Jahren wird üblicherweise – und völlig zu Recht – dem französischen Linguisten und Archäologen Jean-François Champollion zugesprochen, der seitdem als Begründer der Ägyptologie gilt. Andererseits ist weithin anerkannt, dass die entscheidenden ersten Schritte bei der Entzifferung einem anderen Mann zu verdanken sind: dem englischen Universalgelehrten Thomas Young.

Nachdem ich Biografien über beide Persönlichkeiten verfasst habe, bin ich davon überzeugt, dass Young – wohlhabend, besonnen und mit einem Blick für das Ganze ausgestattet – die Saat der Erkenntnis in den detailfixierten, heißblütigen und mittellosen Champollion pflanzte. Hätten sie ihre Kräfte vereint, statt sich durch Napoleon Bonaparte, einem Förderer Champollions, entzweien zu lassen, wäre das Rätsel der Hieroglyphen wohl wesentlich eher gelöst worden.

In krassem Gegensatz zu Champollion, der sich seit jeher voll und ganz auf Ägypten konzentrierte, war Young zunächst Arzt, erreichte dann aber größte Bekanntheit für seine Leistungen in der Physik: Er entwickelte das Doppelspaltexperiment, an dem sich die Wellennatur des Lichts ablesen lässt, und beschrieb den nach ihm benannten Youngschen Modul, eine Eigenschaft elastischer Körper. Als Physiologe wiederum entwickelte er Hypothesen über das Farbensehen des Auges, und als Linguist arbeitete der polyglotte Young an einem Vergleich von rund 400 Idiomen. Ihm verdankt auch die indoeuropäische Sprachfamilie ihren Namen.

Seine Faszination für altägyptisches Schrifttum entwickelte Young im Jahr 1814, als er sich an der Entzifferung des Steins von Rosette versuchte. Auf dieser 1799 von Napoleons Truppen gefundenen Stele steht ein und derselbe Text in drei verschiedenen Schriften – in Hieroglyphen, Demotisch und Griechisch, von denen die ersten beiden zur damaligen Zeit noch nicht gelesen werden konnten. Zahlreiche Gelehrte stürzten sich auf die Neuentdeckung, darunter auch Champollions Lehrer, der französische Orientkundler Silvestre de Sacy, und dessen schwedischer Student Johan Åkerblad. ...

Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 3/2014

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 3/2014

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  • Quelle

Robinson, A.: Wie der Hieroglyphen-Code geknackt wurde: Das revolutionäre Leben des Jean-François Champollion, Philipp von Zabern, Darmstadt 2014