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China - Entwicklungsland oder drittgrößte Volkswirtschaft?

Ohne Zweifel ist China immer noch ein Entwicklungsland. Aber gemessen an der gesamten Kaufkraft ist die Volksrepublik überraschenderweise nach den USA und Japan die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt.

Zum Zwecke internationaler Vergleiche der Wirtschaftskraft von Staaten und Kontinenten war es in der Vergangenheit üblich, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eines jeweiligen Landes über den Wechselkurs in eine gemeinsame Währung umzurechnen. Demnach stand China vor kurzem noch auf Platz zehn der Weltrangliste.

In jüngster Zeit ist diese Berech-nungsmethode zunehmend kritisiert worden, weil Wechselkurse in Währungseinheiten je Dollar erheblich von den Kaufkraftparitäten (dem Verhältnis von Warenkorb in Währungseinheiten zum Warenkorb in Dollar) abweichen können. Wenn dem so ist, und vieles spricht dafür, dann spiegeln die per Wechselkurs umgerechneten Bruttoinlandsprodukte nicht die wahre Produktivkraft der Länder wider.

Ein Beispiel mag diese Kritik verdeutlichen: Ein durchschnittliches junges Ehepaar mit einem Kind in Shanghai verdient 600 Yuan monatlich, oder – mit dem Wechselkurs von 3,5 Yuan pro DM umgerechnet – 171 DM. Die monatliche Miete für das Anderthalb-Zimmer-Apartment beträgt 10 Yuan, also rund 3 DM. Wenn man die nach dem Wechselkurs umgerechneten Beträge in DM betrachtet, entsprechen weder die absoluten Zahlen noch das relative Verhältnis denen in Deutschland. Es ist das Preissystem in der Volksrepublik, das ein Leben mit DM 171,– im Monat möglich macht.

Dem hat der Internationale Währungsfond generell Rechnung getragen. Im Falle Chinas bedeutete das den Sprung auf Platz drei in der neuesten Ausgabe des „World Economic Outlook“, was international viel diskutiert wurde.

Als Gründe für eine Abweichung der Wechselkurse von ihren Kaufkraftparitätsgegenwerten werden spekulative Schwankungen auf den Devisenmärkten angegeben, Interventionen auf diesen Märkten seitens der Zentralbanken, zeitlich unterschiedliche Anpassungen der Ungleichgewichte auf Güter- und Kapitalmärkten oder gesamtwirtschaftliche Instabilitäten. Bei den Entwicklungsländern kommen Unterschiede in den relativen Preisen für handelbare und nichthandelbare Güter hinzu; so sind die Preise für Dienstleistungen und Mieten, gerechnet in ausländischen Währungseinheiten, sehr niedrig, was die auf dem Wechselkurs basierende Bewertung des Lebensstandards negativ verzerrt. Und für manche dieser Länder existieren nicht einmal auf Markttransaktionen basierende Wechselkurse. Infolge des – ganz anders als in den Industrienationen – dominierenden Gewichts der Sektoren mit nichthandelbaren Gütern bilden sich somit Wechselkurse am Markt, die im Vergleich zu ihren Kaufkraftparitäten unterbewertet sind.

Eine Alternative dazu ist der Vergleich nach der realen Kaufkraft des BIP des jeweiligen Landes. Für die Berechnung wird zunächst ein repräsentativer Warenkorb zusammengestellt, den eine durchschnittliche Familie für das normale Leben braucht; beispielsweise gehören dazu eine Wohnung in bestimmter Größe sowie Kleidung und Lebensmittel in bestimmten Mengen. Dann ermittelt man die Aufwendungen für die Anschaffung dieses Warenkorbs in den jeweiligen Ländern. Das Verhältnis zwischen den beiden Beträgen in Landeswährung wird als Kaufkraftparität bezeichnet.

Nehmen wir wieder das eingangs erwähnte Beispiel. Stellt man etwa fest, daß für die Anschaffung des repräsentativen Warenkorbs für das normale Leben in Deutschland 2500 DM und in China 500 Yuan aufgewendet werden müssen, dann entspricht das Verhältnis der realen Kaufkraft der DM zum Yuan 1 zu 0,2. Diese Kaufkraftparität weicht erheblich vom Wechselkurs von 1 zu 3,5 ab. Im Vergleich zu der konventionellen Berechnungsmethode hat die nach der Kaufkraftparität den Vorteil, daß die reale Kaufkraft des anscheinend niedrigen Einkommens in den Entwicklungsländern – und damit das gegebene Preissystem des Landes – berücksichtigt wird.

Seit der Einführung der Wirtschaftsreform 1978 hat China ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von jährlich 9 Prozent erzielt, es war also um 6,5 Prozentpunkte höher als das in den Vereinigten Staaten. Wenn diese Differenz weiter anhält, würde China kurz nach 2010 die USA überholen und die größte Wirtschaftskraft der Welt sein. Auf jeden Fall steht schon fest, daß Hongkong bereits in vier Jahren in das Hoheitsgebiet Chinas zurückkehren und die Volksrepublik bald direkte Wirtschaftsbeziehungen mit Taiwan aufnehmen wird; beides dürfte der chinesischen Wirtschaft weitere Schubkraft geben. Schon in den letzten drei Jahren hatte das Land einen Handelsüberschuß; auf den Einbruch in der ersten Jahreshälfte mit einem Defizit von gut 3,5 Milliarden Dollar reagierte die Führung sofort mit dem Appell, die für 1993 geplante Exportsteigerung um 11,8 Prozent müsse noch erzielt werden.

Trotz der neuen Berechnungsmethode bleiben das immer noch niedrige durch-schnittliche Pro-Kopf-Einkommen wie auch die tiefe Kluft im Lebensstandard zwischen den hochentwickelten Großstädten und Wirtschaftssonderzonen einerseits und dem relativ unerschlossenen Hinterland andererseits. Dies räumt auch die chinesische Regierung bei allem Stolz über den Ranglistensprung ein. Denn als Entwicklungsland kann die Volksrepublik zinsfreie Kredite von der Weltbank in Anspruch nehmen – 1992 immerhin 2,5 Milliarden Dollar –, die nur armen Staaten gewährt werden.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1993, Seite 100
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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