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Chipkarte für Diabetiker



Vier Millionen Diabetiker in Deutschland, das sind fünf Prozent der Bevölkerung: Diabetes gehört schon heute zu den häufigsten chronischen Erkrankungen. Und bis zum Jahr 2030 wird sich diese Zahl mindestens verdoppeln, so die Vorhersagen der International Diabetes Federation (IDF) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Der Diabetes zieht oft schwere Folgeerkrankungen nach sich. Besonders häufig kommt es zu Herz- und Kreislaufproblemen, Nierenversagen oder gestörten Nervenfunktionen. Außerdem ist Diabetes in den industrialisierten Ländern die häufigste Ursache für Erblindung und für Amputationen im Bereich der Beine.

Die Prognose des Diabetes, sein klinischer Verlauf und die Entwicklung von Spätkomplikationen sind in entscheidendem Maße von der Versorgungsqualität abhängig. Leider gilt diese in Fachkreisen allgemein als mangelhaft. Ein Aktionsprogramm der Europäischen Union (EU) soll nun helfen, die Betreuung von Diabetikern in Europa zu verbessern. Bereits 1989 hatten WHO und IDF Europe zusammen mit Patientenverbänden, Diabetologen, Kostenträgern und Politikern in der sogenannten St.-Vincent-Deklaration für die europäischen Länder und die WHO Fünf-Jahresziele zur Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Diabetes formuliert, Wege dazu aufgezeigt und sich schriftlich zu deren Umsetzung verpflichtet.

Es gibt kaum eine Krankheit, bei der die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten so wenig in die Praxis umgesetzt werden. Dies hat verschiedene Ursachen: So wird der Krankheitsverlauf oft als schicksalhaft hingenommen, Kontrolluntersuchungen verschleppt oder gar nicht erst durchgeführt und zusätzliche Risikofaktoren kaum beachtet. Meist sind verschiedene Ärzte, Labors und Krankenhäuser an Diagnose und Therapie beteiligt, Befunde werden jedoch oft gar nicht oder unvollständig weitergeleitet. Die Folge hiervon sind unnötige Doppeluntersuchungen, verschleppte Therapien, verunsicherte Patienten und letztlich deutlich höhere Behandlungskosten. Nach Angaben der gesetzlichen Kranken- und Ersatzkassen werden etwa 20 Prozent der Ausgaben für vermeidbare und überflüssige Leistungen aufgebracht. Allein für das Jahr 1995 errechneten sie einen Betrag von nahezu 50 Milliarden Mark.

Um die Mängel in der Diabetesversorgung zu beheben, sind neue Organisationskonzepte erforderlich. Dazu gehören auch neue Technologien für Information und Kommunikation. Die Chipkarte bietet sich als elektronische Krankenakte an, die der Patient bei sich trägt. Eine solche Karte könnte die durch die Einführung der Krankenversichertenkarte geschaffene Infrastruktur nutzen. Diese Überlegungen waren Ausgangspunkt für DIABCARD, ein auf Chipkarten basierendes medizinisches Informationssystem für Patienten mit Diabetes. An dem von der EU im Rahmen des Telematik-Gesundheit-Programms geförderten Projekt beteiligen sich Forschungseinrichtungen, Krankenhäuser, praktische Ärzte und Industrieunternehmen aus Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, Spanien und Österreich.

Im Gegensatz zur Krankenversichertenkarte, die lediglich acht Datenfelder (für Name, Adresse, Geburtsdatum und Kassenzugehörigkeit) aufweist, sind auf der zu DIABCARD gehörigen Chipkarte alle wesentlichen medizinischen Daten (über Herz, Nieren, Augen, Füße, Nervensystem, Monitoring, Medikation, Schulung, Diät und Schwangerschaft) des Patienten gespeichert. Außer diesen diabetesspezifischen Angaben beinhaltet der Datensatz auch die durch die EU in der "European Health Card Interoperability Feasibility Study" quasi-standardisierten administrativen und Notfalldaten. Die Prozessorchipkarte, eine sogenannte Smartcard, bietet neben der hohen Speicherkapazität auch die nötige Datensicherheit.

Um die Daten eingeben, lesen und sinnvoll nutzen zu können, entwickelten die am Projekt beteiligten Forscher ein komplexes Informationssystem, das die Schnittstelle zwischen Arzt und Karte bildet. Es kann als Stand-alone-Software genutzt oder als Modul in ein bestehendes System eingebunden werden. Im Mittelpunkt des Informationssystems steht die elektronische Patientenakte, einerseits in Form der Chipkarte, andererseits als wichtiger Bestandteil des medizinischen Dokumentationssystems. Auch dessen weitere wichtige Komponenten wie das Aktenarchiv, die Dokumente sowie die Informationen über den Besuch und die medizinischen Maßnahmen sollen den Arbeitsablauf und die Behandlung des Patienten unterstützen. Speziell entwickelte Module, das Data Interface und der Server, basierend auf den aktuellen Industriestandards, machen das Informationssystem unabhängig von Kartenbetriebssystemen, Sicherheitsalgorithmen sowie Dateistrukturen der Karte und ermöglichen es somit, Karten und Lesegeräte verschiedener Hersteller zu verwenden.

Das Interface ist ganz auf den behandelnden Arzt zugeschnitten: Nach dem Öffnen des elektronischen Krankenblattes wählt er die Art der Untersuchung, registriert die durchgeführten Maßnahmen und erstellt die notwendigen Dokumente. Standardisierte Dokumente, wie zum Beispiel der Gesundheitspaß Diabetes und das Basis-Informationsblatt (BIS), sind integriert.

In der aktuellen Version des Servers sind die medizinischen Daten durch eine PIN (Personal Identification Number) des Patienten – vergleichbar mit der Geheimnummer einer Eurocheque-Karte – geschützt. Der Arzt muß sich gegenüber dem System durch eine gesonderte Zugriffskarte ausweisen. Nur Notfalldaten können problemlos und schnell eingesehen werden. Weitere Sicherheitsmechanismen wie die Verschlüsselung der medizinischen Daten und die Verwendung einer elektronischen Unterschrift sind bereits in der Architektur vorgesehen.

Die DIABCARD-Chipkarte wurde in Feldversuchen in Barcelona (Spanien), Perugia (Italien) und Athen (Griechenland) mittlerweile getestet: Zwar waren Ärzte und Patienten mit der Karte durchweg zufrieden, doch stellen die Ärzte an die Funktionalität und Einsatzbreite des Dokumentationssystems hohe Ansprüche. Das neu entwickelte, hier beschriebene DIABCARD-System kommt daher – zunächst als Betaversion – schon bald zum Einsatz. In den nachfolgenden Monaten muß es sich dann europaweit bewähren.

International geht die Chipkarte im Gesundheitswesen derzeit unterschiedliche Wege: Zum einen werden in immer mehr Ländern Versichertenkarten vergleichbar der deutschen Krankenversichertenkarte eingeführt. Zum anderen kommen Chipkarten als Zugriffskarten für Ärzte und Krankenhauspersonal zum Einsatz. Hierbei spielt Frankreich eine Vorreiterrolle.

Die mit DIABCARD gesammelten Erfahrungen kommen auch dem Aufbau ähnlicher Systeme für andere chronische Krankheiten, wie etwa Herz- und Kreislaufleiden, zugute. Noch ist Europa im Bereich Gesundheitskarten weltweit führend. Damit dies so bleibt, sollte die (Weiter-)Entwicklung von Anwendungen mit intelligenten Chipkarten für das Gesundheitswesen auch zukünftig gefördert werden.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1999, Seite 924
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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