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Winters' Nachschlag: Cöppecus & Co.

Imaginäre Gefährten schaden Kindern nicht - aber für die Eltern sind sie der reinste Albtraum!
Ich bin Inge Seiffge-Krenke zutiefst dankbar. Denn jetzt, nachdem ich in ihrem Artikel "Der Begleiter, den ich rief" auf S. 24 las, dass imaginäre Begleiter keine Anzeichen geistiger Störungen sind, können wir uns endlich offen zueinander bekennen: Cöppecus, Grotli, Sammy, Herr Yakuzi und ich.

Zwar geht es in Frau Seiffge-Krenkes Beitrag vorwiegend um gänzlich unsichtbare Kindheitsbegleiter, während meine in Gestalt von Puppen und Figuren auftreten. Dennoch passen sie perfekt in das beschriebene Profil. Wenn Sie wissen wollen, wie real solche Schattenwesen wirken können, fragen Sie am besten meine Eltern! Nicht nur, dass sie zeitweise das Gefühl gehabt haben müssen, sie hätten nicht zwei, sondern ein halbes Dutzend Kinder. Die von mir in die Familie eingebrachten "Personen" erwiesen sich obendrein fast ausnahmslos als divenhaft, unberechenbar und in jeder Hinsicht anstrengend.

Dabei war Cöppecus anfangs noch recht verträglich. Für den nicht einmal zwei Zentimeter großen, unansehnlichen Plastik-Urmenschen entwarf und baute mein Vater im Schweiße seines Angesichts ein komplettes Puppenhaus samt Dachgarten. Doch dann versank Cöppecus in eine schwere Depression. Der Grund: Sein Klo war zu groß, und er fiel immer hinein! Erst nachdem wir mühevoll einen Lokus im Maßstab 1 : 100 aufgetrieben hatten, war Cöppecus zufrieden – und der Familienfrieden wiederhergestellt.

Aber nur für kurze Zeit, dann trat Grotli auf den Plan. Der eiförmige Knautschtroll war gefräßig, vorlaut und immer auf den eigenen Vorteil bedacht. Wie alle meine Gefährten begnügte er sich nicht mit mir als Gesprächspartner. Vielmehr hielt er – durch mich mit seiner ganz eigenen Stimme sprechend – meine Mutter ständig auf Trab.

So aß Grotli beispielsweise keine Zwiebeln, denn aus denen würden angeblich neue Grotlis geboren. Nun ja, ohne mich selbst loben zu wollen: Anscheinend ist tatsächlich etwas dran an der Ansicht, dass "begleitete" Kinder über besonders viel Fantasie verfügen.

Dass imaginäre Gefährten bei Verlustsituationen helfen können, kann ich ebenfalls bestätigen. Als Grotli eines Tages verschwunden war, konnte mich nur Sammy trösten, eine überdimensionale Schlenkerpuppe dunkler Hautfarbe. Unter dem konzertierten Trommelfeuer meines Geheuls, der von Cöppecus beigesteuerten Verschwörungstheorien ("Das waren Außerirdische, die haben Grotli entführt!") sowie Sammys lautstarken Bettelns ("Nehmt mich mit!") gaben meine Eltern schließlich nach und zahlten den völlig überzogenen Preis für die Puppe.

Zum Glück tauchte Grotli auf wundersame Weise bereits am folgenden Tag in meinem Bettkasten wieder auf. Laut Cöppecus hatten die Außerirdischen ihn aus Angst vor Nahrungsknappheit auf ihrem Planeten wieder zurückgebracht. Ab da gerieten meine Eltern von drei Seiten unter Beschuss. Vier, wenn man mich mit einrechnete.

Die schier unendliche Geduld meiner Eltern mit den Eskapaden meiner Alter-Ego-Truppe wurde auf der Rückfahrt von einem Nordseeurlaub auf eine besonders harte Probe gestellt. Kurz vor Köln stellte ich nämlich fest, dass Grotli, Sammy und Cöppecus allesamt noch in der Autobahnraststätte nahe Amsterdam saßen. Die aus meiner damaligen Sicht übertrieben schlechte Laune, die mein Vater auf dem ungefähr sechsstündigen Umweg verbreitete, besserte sich nicht wesentlich, als Grotli nach seiner Rettung über starken Hunger klagte und laut nach Pommes brüllte.

In einem Punkt allerdings irrt Frau Seiffge-Krenke gewaltig: Nicht bei allen Kindern verschwinden die unsichtbaren Freunde bis zur Pubertät. Im Gegenteil, manchmal kommen bis ins Erwachsenenalter neue hinzu! So ist Herr Yakuzi, den ich erst vor sechs Jahren kennen lernte, aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken – schließlich ist der knuddelige rosa Stoffelch mein Ghostwriter.
Juni 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist Juni 2009

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