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Zukunft der Computer: Computer übernehmen die Macht.

Vom Siegeszug der künstlichen Intelligenz. Hoffmann und Campe, Hamburg 1999. 352 Seiten, DM 49,90.


Hans Moravec, ein renommierter Roboter-Fachmann, ist der Öffentlichkeit durch sein Buch "Mind Children" bekannt geworden, in dem er voraussagt, dass in absehbarer Zeit intelligente Roboter an die Stelle der Menschen treten werden. Sein neues Buch zum selben Thema lässt ähnlich provokante Überlegungen erwarten – und man wird nicht enttäuscht.

Es fängt ganz harmlos an: Moravec erzählt von den Anfängen der künstlichen Intelligenz, einschließlich persönlicher Anekdoten, etwa wie ihm durch Missgeschick ein Robotfahrzeug über eine Rampe abstürzte. Unerwartet schwierig und rechenaufwendig war es, die über Sensoren eingehenden Informationen aus der Umgebung richtig zu interpretieren. Im Laufe der Zeit ließ sich die Effektivität der Methoden und damit der Computerprogramme steigern; gleichwohl waren damals – um 1980 – die Grenzen von Rechengeschwindigkeit und Speicherkapazität noch schmerzlich spürbar. Viele dieser Probleme haben sich durch den enormen Leistungszuwachs der Chips inzwischen von selbst erledigt.

In Erwartung weiterer Leistungszunahme prophezeiht Moravec für die Zukunft vier Generationen von Universalrobotern in Abständen von jeweils zehn Jahren: Die erste ist durch einen Raumsinn auf dem Niveau von Eidechsen gekennzeichnet, die zweite durch eine mit jener von Mäusen vergleichbare Anpassungsfähigkeit, die dritte weist die Vorstellungsgabe von Affen auf, die vierte schließlich das Denkvermögen des Menschen. Bereits um 2040 werde ein handelsüblicher Heimcomputer die Verarbeitungsgeschwindigkeit des menschlichen Gehirns erreichen, die Moravec mit 100 Millionen Mips (100 Billionen Instruktionen pro Sekunde) einschätzt.

Diese Entwicklung weist Analogien zur biologischen Evolution auf und könnte diese ablösen, weil sie weitaus schneller verläuft und somit den langsamen biologischen Prozessen keine Zeit zur Entfaltung mehr lässt.

Um seine Voraussagen plausibel zu machen, geht Moravec mit einiger Ausführlichkeit auf die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft ein; er beschreibt die Auswirkungen der Technisierung und in diesem Zusammenhang speziell der Computer und Automaten. Seiner Meinung nach werden intelligente technische Systeme heute noch von Menschen bewältigte Tätigkeiten immer mehr übernehmen, sodass diese sich weitgehend dem Müßiggang hingeben könnten – vorausgesetzt, der Roboter als willfähriger Dienstbote hat nichts anderes im Sinn, als seinem Herrn zu dienen.

Wenn sich allerdings im Bereich der Chips und Programme so etwas wie eine Evolution vollzieht, dann ist das keineswegs selbstverständlich. Durch verschiedene Einflüsse, beabsichtigt oder zufällig, könnten sich die künstlichen Intelligenzen ihrer ursprünglichen Aufgabe entziehen und nicht nur selbstständige Aktionen durchführen, sondern auch ihre Entwicklung selbst bestimmen. Dadurch würde ein lawinenartiger Prozess in Gang kommen, der – unter anderem – eine geradezu unvorstellbare Zunahme an Wissen und Denkvermögen hervorbringt.

Da die Unzulänglichkeiten des Menschen wie die begrenzte Lebensdauer und die schwache Konstitution keine Bedeutung mehr haben, steht dann auch der Weltraum für die weitere Expansion zur Verfügung. Moravec beschreibt das Szenario einer solchen ferneren Zukunft mit hinreichender Deutlichkeit, einschließlich der – schon von anderen geäußerten – Spekulationen auf dem Boden der Relativitäts- und der Quantentheorie, die für sich genommen schon unglaublich genug sind, wie Zeitreisen durch Schwarze Löcher oder die Existenz multipler Welten. Im Zusammenhang mit möglichen, nicht an menschliche Gehirne gebundenen Superintelligenzen gewinnen solche Gedanken an Wahrscheinlichkeit.

Die aufregendsten Konsequenzen der "die Macht übernehmenden Roboter" liegen allerdings im Bereich der Informatik selbst. Menschen, die sich mit dem ewigen Müßiggang nicht zufrieden geben, können sich in ein äquivalentes, alle ihre Eigenschaften codierendes Datenaggregat umwandeln lassen. Die nicht mehr an Materie gebundene Intelligenz, Symbiose aus Mensch und Programm, verbreitet sich mit Lichtgeschwindigkeit in den Weltraum; sie bedient sich bei Bedarf eines ferngesteuerten Ersatzkörpers, mit dem sie sich so identifiziert wie heute jeder Mensch mit seinem Körper. Schließlich kann man die reale Welt völlig beiseite lassen und sich einen Cyberspace schaffen, in dem die bekannten physikalischen Gesetze nicht mehr gelten und volle Freiheit herrscht. In der Tat sieht Moravec die totale Überführung der Realität in virtuelle Welten als letztes Stadium der Entwicklung an.

Ist das ernsthafte Zukunftsforschung, eine persönliche Vision des Autors oder ein technisches Märchen, science fiction? Der Autor selbst weist darauf hin, dass die Zukunft durch Voraussagen und vor allem Zielvorstelungen über die Zukunft beeinflusst wird. Genau das macht absolute Prognosen unmöglich. Da mag jeder selbst entscheiden, ob ihm eine solche Zukunft wünschenswert erscheint oder nicht.

Andererseits ist die Beschreibung der Erwartungen – oder Wunschvorstellungen – von Hans Moravec außerordentlich anregend, gerade weil er mit seinen Ideen alle heute überblickbaren Horizonte hinter sich lässt. Unsere Fähigkeit, die Zukunft zu gestalten, reicht zweifellos über diese Horizonte hinaus. Was sich dahinter verbirgt, mag vielleicht ganz anders sein als der beschriebene "Siegeszug der künstlichen Intelligenz" – aber warum nicht ebenso phantastisch?

Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 2000, Seite 109
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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