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Das Einstein-Forum in Potsdam

In der sich neu formierenden Wissenschaftslandschaft Brandenburgs hat sich ein neuer Fokus für disziplinübergreifende Erkenntnisvermittlung und internationale Zusammenarbeit zwischen Natur- und Geisteswissenschaften gebildet.

Glauben Sie nicht, daß hier durch eine freie Verbindung von Personen, die durch ihr bisheriges Schaffen und Wirken eine Garantie für ihre Fähigkeiten und die Lauterkeit ihres Wollens bieten, Wandel geschaffen werden könnte? Diese Gemeinschaft von internationalem Charakter... könnte... auf die Lösung politischer Fragen einen bedeutenden und heilsamen moralischen Einfluß gewinnen.

Albert Einstein

in einem Brief an

Sigmund Freud über die

Bildung "einer geistigen

Gemeinschaft von Rang".

Die Basis für eine solche freie Verbindung ist etabliert: Ende vergangenen Jahres hat das Brandenburger Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur die Stiftung Einstein Forum gegründet.

"Das Vermächtnis Albert Einsteins", so erinnerte als Gründungsbeauftragter der amerikanische Philosophiehistoriker Gary Smith, "umfaßt nicht allein seine Umwälzung physikalisch-kosmologischer Grundannahmen, sondern auch nachdrückliche Stellungnahmen zu entscheidenden moralischen, politischen und religiösen Problemen seiner Zeit."Dementsprechend, betonte der Gründungsvorsitzende des Kuratoriums, der Literaturwissenschaftler Eberhard Lämmert von der Freien Universität Berlin, sei das Forum "ernsthafter Erkenntnissuche über politische Grenzen und kulturelle Schwellen hinweg“ verpflichtet.

Angesiedelt ist diese Institution in Potsdam, dem Ort, in dessen Nähe Einstein (1879 bis 1955) sein Sommerhaus und sein Segelrevier während der Tätigkeit am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin hatte, nachdem er 1921 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden war und bevor er 1933 der nationalsozialistischen Machtergreifung wegen über Belgien und England in die USA emigrierte. Sitz der Stiftung ist ein spätbarocker Bau am Potsdamer Neuen Markt. Kleinere Gesprächskreise sollen sich im ehemaligen Sommerhaus Einsteins in Caputh treffen, das der Deutschamerikaner Konrad Wachsmann (1901 bis 1980) gebaut hat und nun unter Denkmalschutz steht (Bild).

Die Gestaltung der Forumsarbeit orientiert sich an Einrichtungen wie dem Harvard University Center for European Studies, dem Zentrum für interdisziplinäre Forschung Bielefeld und dem Boston Colloquium for the Philosophy of Science; eine enge Kooperation ist auch mit der Hebräischen Universität Jerusalem vereinbart, die Einsteins Nachlaß aufbewahrt. Die wesentlichen Ziele sind eine dichtere Vernetzung von Aktivitäten an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen des Landes Brandenburg sowie die Förderung internationaler Kontakte, aus denen sich Studien über lebenswichtige Probleme der Gegenwart und ein öffentlicher Gedankenaustausch ergeben sollen.

Themen und Kommunikationsformen

Geleitet von Grundfragen, die Einstein beschäftigt haben, begann das Forum mit vier thematischen Schwerpunkten seine Tätigkeit – das Verständnis der Natur, Wissenschaft und Weltanschauung, ethische und politische Aspekte der Wissenschaften sowie Formen der Wissensvermittlung.

Unterschiedliche Veranstaltungen sind je nach Zweck vorgesehen, wobei angestrebt wird, traditionelle Formen der wissenschaftlichen Kommunikation wie Vortrag und Diskussion mit Möglichkeiten moderner Medien zu kombinieren und auch die interessierte Öffentlichkeit einzubeziehen:

– Für die Caputher Gespräche werden jährlich mehrmals Wissenschaftler zu einem Vortrag eingeladen, denen ein Gremium ein Thema mit enger Verbindung zu ihrer Arbeit vorschlägt. Daran schließt sich – nach Möglichkeit in Einsteins Sommerhaus – das Gespräch mit drei weiteren Wissenschaftlern an, das mitunter von Funk und Fernsehen übertragen werden soll.

– Einmal jährlich versammelt die Stiftung zehn bis zwölf Wissenschaftler zu einer Arbeitskonferenz. Diese Veranstaltungen sollen multidisziplinäre Überblicke zu einem vorgegebenen Thema im Rahmen der Schwerpunkte ergeben und neue Richtungen und Prioritäten der Forschung aufzeigen. Nach dem Beispiel der Dahlem-Konferenzen sind dies mehrtägige Klausuren, deren Ergebnisse in einem Bericht zusammengefaßt und wie auch die Caputher Gespräche publiziert werden.

– Zu den Schwerpunkten werden überdies Studiengruppen gebildet, die sich regelmäßig zu Vorträgen und Symposien treffen. Außer deutschen, insbesondere brandenburgischen Wissenschaftlern und Doktoranden können auch ausländische eingeladen werden, die sich bereits – wie Gastdozenten oder Humboldt-Preisträger – in der Bundesrepublik befinden und nicht eigens von weither anreisen müssen.

– Da viele Forscher nicht längere Zeit ihren Lehr- und Arbeitsplatz verlassen können, will das Forum Gäste für jeweils vier bis sechs Wochen verpflichten, die einmal wöchentlich ein Kolloquium mit brandenburgischen Wissenschaftlern sowie einen öffentlichen Vortrag halten.

Die erste Veranstaltungsfolge fand im Mai dieses Jahres unter dem Titel "Variationen des Chaos – eine theoretische Herausforderung an die Geistes- und Naturwissenschaften" statt. Das Caputher Gespräch darüber zwischen Benoît Mandelbrot, dem Begründer der fraktalen Geometrie, dem Göttinger Zeitforscher Friedrich Cramer und dem in Paris lehrenden Komponisten und Architekten Iannis Xenakis, moderiert von dem Essener Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz, wurde auch im Fernsehprogramm des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg gesendet.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1993, Seite 112
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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