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Depersonalisation: Das entfremdete Selbst

Sie erleben sich und ihre Umwelt als unwirklich und fremd: Menschen mit Depersonalisations-Derealisations-Syndrom. Der Psychologe Marco Canterino und der Mediziner Matthias Michal von der Universitätsklinik Mainz erklären, wie es dazu kommt und warum die Depersonalisationsstörung oft unerkannt bleibt.

Die Depersonalisationsstörung

1 Menschen mit Depersonalisationsstörung empfinden sich selbst oder die Welt um sie herum als unwirklich und fremdartig.
2 Da über die Erkrankung bislang wenig bekannt ist, wird sie oft fehldiagnostiziert und nicht angemessen therapiert.
3 Die größten Erfolge erzielten Psychologen und Ärzte mit einer Behandlung, welche die Körper- und Gefühlswahrnehmung der Patienten schärft.

"Die vertraute Welt ist verschwunden, und nicht nur sie erscheint diffus, sondern auch meine gesamte frühere Identität. Ich habe kein Selbst mehr, mit dem ich mich identifizieren könnte. Ich bin innerlich wie tot, könnte einen Menschen umbringen oder Millionen im Lotto gewinnen – es würde mich nicht berühren. Ich habe auch das Gefühl für meinen Körper verloren. Alles ist so abgestumpft und unwirklich. Die Farben der Welt, der blaue Himmel, die Sonnenstrahlen lassen mich kalt. Ich kann sie nicht spüren."
Mit diesen Worten schildert Thomas Martens den seltsamen Bewusstseinszustand, der ihn seit mehr als drei Jahren quält. Der 27-Jährige ist Patient in unserer Klinik und leidet unter einem Phänomen, das Psychologen als Entfremdungserleben oder Depersonalisation bezeichnen. Die Betroffenen nehmen sich selbst verändert wahr und fühlen sich wie abgelöst von ihrem Selbst. Erreicht dieser Zustand ein klinisch relevantes Ausmaß, spricht man von einer Depersonalisationsstörung.

Symptome der Depersonalisationsstörung

Die Symptome können vielfältiger Art sein, und den Betroffenen fällt es oft schwer, sie in Worte zu fassen. Manche berichten, sie erlebten sich nur noch als reine Beobachter ihrer eigenen Handlungen und fühlten sich roboterhaft. Meistens wirkt auch die Umgebung auf die Patienten irreal – so als lebten sie in einer Traumwelt. Wegen der oft parallel verlaufenden Entfremdung von Ich und Umwelt nennen Psychologen und Mediziner die Störung auch "Depersonalisations-Derealisations-Syndrom"(kurz: DP-DR).

Unwirklich wie in einem Film

Allerdings verlieren die Betroffenen nicht in dem Maß das Gefühl für die Realität wie Patienten mit Psychosen; bei ihnen steht vielmehr das Gefühl des "Als ob" im Vordergrund. "Ich fühle mich so leicht, als ob ich keinen Körper hätte." Oder: "Es kommt mir vor, als ob es der Schmerz eines anderen wäre, alles wirkt so unwirklich, als ob ich in einem Film mitspielte." Das sind typische Aussagen von Menschen mit DP-DR. Psychotiker hingegen haben keinen Bezug mehr zur Wirklichkeit und sind davon überzeugt, ihre Empfindungen würden von außen gesteuert. Patienten mit Depersonalisations-Derealisations-Syndrom neigen zudem dazu, sich zwanghaft selbst zu beobachten und zu katastrophisieren. So deuten sie etwa jede Symptomverstärkung als schwere hirnorganische Erkrankung, beginnenden Wahnsinn oder gar als "Auflösung der Seele". Häufig berichten die Betroffenen auch, keine Gefühle empfinden zu können, obwohl sie nach außen meist unauffällig wirken. Sie lachen und weinen, fühlen sich aber gleichzeitig völlig unbeteiligt.

Momente des Fremderlebens

Flüchtige Momente der Depersonalisation und Derealisation haben wohl die meisten von uns schon einmal erlebt – etwa, wenn wir das Gefühl hatten, "neben uns zu stehen" oder "nicht ganz bei uns zu sein". Auslöser können Müdigkeit und Erschöpfung sein, Stress, eine fremde Umgebung, Drogenkonsum oder plötzliche Angst und Erschrecken. So ein Fremdheitserleben dauert aber in der Regel nur einige Sekunden bis wenige Minuten. Doch bei manchen Menschen hält dieser Bewusstseinszustand über Wochen, Monate oder sogar Jahre hinweg an. Sie bedürfen einer psychotherapeutischen Behandlung ...
Mai 2011

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist Mai 2011

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  • Quellen
Erratum:
Leider ist uns in dem Artikel über De­personalisation bei der Beschriftung einer Hirnaufnahme ein Fehler unterlaufen: Bild A zeigt keine Aktivierung des Hippocampus, wie in Heft 5/2011 auf S. 74 behauptet. Stattdessen ist diese hauptsächlich im ­anterioren Hypothalamus oberhalb des Hypophysenstiels lokalisiert. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen, und danken Herrn Erwin Lemche für den Hinweis.


Quellen

Baker, D. et al.: Depersonalisation Disorder: Clinical Features of 204 Cases. In: British Journal of Psychiatry 182, S. 428-433, 2003

Lemche, E. et al.: Cerebral and Autonomic Responses to Emotional Facial Expressions in Depersonalisation Disorder. In: The British Journal of Psychiatry 193, S. 222-228, 2008

Mantovani, A. et al.: Temporo-Parietal Junction Stimulation in the Treatment of Depersonalization Disorder. In: Psychiatry Research 186, S. 138-140, 2011

Michal, M., Beutel, M. E.: Weiterbildung CME: Depersonalisation / Derealisation - Krankheitsbild, Diagnostik und Therapie. In: Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie 55, S. 113-140, 2009

Michal, M. et al.: Prevalence, Correlates and Predictors of Depersonalization Experiences in the German General Population. In: The Journal of Nervous and Mental Disease 197, S. 499-506, 2009

Michal, M. et al.: Screening nach Depersonalisation-Derealisation mittels zweier Items der Cambridge Depersonalisation Scale. In: Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie 60, S. 175-179, 2010

Michal, M.: Wie oft wird die Depersonalisations-Derealisationsstörung (ICD-10 F48.1) in der ambulanten Versorgung diagnostiziert? In: Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie 56, S. 74-83, 2010

Sierra, M. et al.: Depersonalization in Psychiatric Patients: A Transcultural Study. In: The Journal of Nervous and Mental Disease 194, S. 356-361, 2006

Sierra, M. et al.: Autonomic Response in the Perception of Disgust and Happiness in Depersonalization Disorder. In: Psychiatry Research 145, S. 225-231, 2006

Simeon, D., Abugel, J.: Feeling Unreal - Depersonalization Disorder and the Loss of the Self. Oxford University Press, Oxford 2006