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Kinofilm: Das Experiment

Nach dem Roman „Black Box“ von Mario Giordano. Mit Moritz Bleibtreu, Christian Berkel, Edgar Selge, Andrea Sawatzki, Maren Eggert und anderen. 120 Minuten, Kinostart am 15. März 2001


Im Sommer 1971 führte der Psychologe Philip Zimbaro von der Stanford-Universität (Kalifornien) ein Experiment durch, das wegen seines völlig unerwarteten Verlaufs als "Stanford-Experiment" in die Psychologiegeschichte einging. Zimbaro hatte jungen, gesunden, psychisch unauffälligen Männern zum einen Teil die Rolle von Strafgefangenen, zum anderen Teil die der Aufseher in einem dafür hergerichteten "Gefängnis" zugewiesen und wollte beobachten, in welcher Art diese künstlich hergestellte Situation ihr Verhalten beeinflusste. Bereits nach sieben Tagen musste er sein Experiment abbrechen, weil die Teilnehmer nicht mehr zwischen ihrer zugewiesenen Rolle und ihrer wahren Identität unterscheiden konnten (siehe www.prisonexp.org).

Der Film "Das Experiment" verlegt diese Geschichte an den Rhein der Gegenwart. Per Zeitungsanzeige sucht das Psychologische Institut der Universität Köln zwanzig gesunde, nicht kriminelle oder drogenabhängige Männer, die bereit sind, für 4000 DM an einem 14-tägigen Experiment teilzunehmen. Die Kandidaten, die sich melden, werden mit zahlreichen Tests sorgfältig ausgelesen, damit nur gutartige, gesunde Menschen in dieser Extremsituation zusammengeführt werden.

Der Held der Story, Tarek Fahd (Moritz Bleibtreu), arbeitet augenblicklich als Taxifahrer und bewirbt sich, um mit einer Undercover-Story aus dem Versuchsknast sein Comeback als Journalist zu betreiben. Auf seiner letzten Taxifahrt trifft er – eine Romanze darf natürlich nicht fehlen – die schöne Dora (Maren Eggert) und verbringt mit ihr seine letzte Nacht vor dem Experiment.

Am Morgen des Experiments werden die 20 Teilnehmer per Zufall auf die Gruppe der Wärter und die der Strafgefangenen aufgeteilt und entsprechend ihrer Rolle eingekleidet. Die Aufseher bekommen Uniformen, die Häftlinge lediglich weiße Hängerchen ohne Unterwäsche mit ihrer Nummer. Während die Häftlinge zahlreiche Regeln zu befolgen haben, ist den Strafvollzugsbeamten lediglich untersagt, den Gefangenen Gewalt anzutun.

Bereits bei der Einkleidung beginnt die Entwürdigungszeremonie: Die Wär-ter reinigen die Gefangenen mit einem Gartenschlauch und machen sich über sie lustig. Strafvollzugsbeamte wie Insassen ziehen dennoch in einer ausgelassenen, partygleichen Stimmung in den videoüberwachten Zellentrakt des improvisierten Versuchsknasts ein. Big Brother lässt grüßen.

Professor Thon (Edgar Selge), seine Assistentin Dr. Jutta Grimme (Andrea Sawatzki) und eine studentische Hilfskraft überwachen und analysieren das Geschehen in ihrem Menschenzoo. Bereits nach zwölf Stunden verwandeln sich einige Wärter in autoritäre Tyrannen. Sie bestrafen die Häftlinge für die Nichteinhaltung von Regeln und quälen sie, um ihre eigene soziale Dominanz zu bestätigen. Tarek untergräbt mit seiner unkonventionellen Art immer wieder die Autorität der Aufseher, die zunächst ihn, dann auch alle anderen Insassen tyrannisieren. Er widersetzt sich der Geltungssucht der Strafvollzugsbeamten und unterstützt die Schwächeren, wie beispielsweise Schütte (Oliver Stokowski), der trotz Milchallergie gezwungen wird, seine Mahlzeit vollständig aufzuessen. Den Gefangenen setzen die extremen psychischen Belastungen durch die Beschneidung ihrer bürgerlichen Rechte zu. Psychosen und Autoaggressionen sind an der Tagesordnung.

Am fünften Tag entwickelt der Versuch eine nicht vorhersehbare Eigendynamik und wird zu einem Kampf auf Leben und Tod. Zwei profilneurotische Aufseher kidnappen die beobachtenden Wissenschaftler, degradieren sie zu Insassen des Versuchskäfigs und machen sie so zu einem Teil ihres eigenen Experiments. Der Held landet in einer licht- und schalltoten Blackbox, die eigentlich nur zur Abschreckung in dem improvisierten Gefängnis aufgestellt war. Trotz seiner Angst vor engen Räumen behält er die Ruhe, findet – höchst unwahrscheinlich – einen Schraubenzieher in der höchstens zwei Kubikmeter großen Zelle, kann sich aus ihr befreien und bewahrt die in das Experiment einbezogene Assistentin vor einer Vergewaltigung. Ihm und dem Major Steinhoff (Christian Berkel), der von der Bundeswehr als Spion eingeschleust wurde, gelingt dann ein spektakulärer Ausbruch.

Dieser Psychothriller verdeutlicht, dass nahezu jeder durch Veränderung seines sozialen Umfelds zur extremen Unmenschlichkeit oder zur totalen Unterwerfung und Deindividualisierung gebracht werden kann. Sanfte Männer werden zu Mördern ihrer Peiniger, unterdrückte Seelen missbrauchen die ihnen verliehene Macht. Nur Tarek bleibt, wie er ist, und wird erst dadurch zum eigentlichen Helden. Die Experimentatoren handeln steif und profillos, missachten in merkwürdiger Betriebsblindheit ethische Grundsätze und ignorieren die offensichtlichen Hilfeschreie der Insassen, statt zu intervenieren oder den Versuch vorzeitig zu beenden.

Es wirkt alles sehr fantastisch; aber wahrscheinlich ist dieser Film realitätsnäher, als es den Anschein hat. Neben dem Stanford-Experiment ist das Milgram-Experiment ebenfalls berühmt geworden: Nur durch die wissenschaftliche Autorität des Versuchsleiters veranlasst zeigten gewöhnliche Menschen sich bereit, ihresgleichen zu töten. Aus diesen Experimenten wissen wir, dass es bei den meisten Menschen nur eines relativ geringen Anstoßes bedarf, damit sie jegliche Mitleidsfähigkeit verlieren und blinden Gehorsam üben, statt sich zu widersetzen.

Neben dieser beklemmenden Botschaft verblassen einige unglaubwürdige Details. In der Realität hätte Dora ihrem One-night-stand mit Sicherheit nicht so hartnäckig und verzweifelt hinterhertelefoniert und auch noch seine Wohnung durchwühlt, wie sie das in dem Film der Spannung zuliebe tut.

Und der Film ist wirklich ungeheuer packend! Ich habe mich mit Jutta Grimme identifiziert und sehr darüber erregt, dass sie sich nicht über ihren Chef hinwegsetzt und das Experiment rechtzeitig abbricht. Hinterher habe ich noch eine ganze Weile gezittert.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2001, Seite 104
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2001

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