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Kommunikation: Das Festnetz der Bienen

Den Großteil ihres Lebens verbringen Honigbienen nicht im Freien mit Sammeln, sondern auf ihren Waben. In ihnen speichern sie ihre Nahrung und ziehen ihre Brut auf. Den wächsernen Strukturen kommt aber noch eine andere wichtige Funktion zu: als Medium für Kommunikationssignale.


Mit ihrem eindrucksvoll regelmäßigen Erscheinungsbild, das eher an Kristalle als an tierische Bauwerke erinnert, faszinieren die Waben der Honigbienen seit jeher den Menschen. Künstlern dienen sie als Vorbild für geometrische Ornamente, Ingenieuren als Modell für stabile Leichtbauweisen, Mathematikern sind sie eine Herausforderung für Optimierungsberechnungen. Es gab Zeiten, da wurde den Tieren sogar eine gewisse mathematische Begabung zugeschrieben – dürfen doch die Winkel zwischen den planen Seitenwänden der Wabenzellen höchstens um Bogenminuten voneinander abweichen.

Imkern sind die Waben als Speicherraum für Nektar und Pollen vertraut, ebenso als Kinderstube für die Larven und Puppen des Bienenstaats. Biologen aber bietet sich die einmalige Gelegenheit, diese Bauwerke als Stein gewordenes Verhalten zu analysieren. Das fängt beim Baustoff Wachs an und geht bis zu Fragen nach der Wechselwirkung zwischen versteinertem und natürlichem Verhalten – vor allem im Zusammenhang mit der Tanzsprache dieser Insekten. Erste verblüffende Einsichten konnten wir bereits gewinnen. Manche korrigieren oder widerlegen ältere Vorstellungen, nicht zuletzt auch dank ausgefeilter technischer Möglichkeiten.

Weltweit existieren schätzungsweise 20000 bis 40000 Bienenarten. "Unsere Biene schlechthin" gehört zum kleinen illustren Kreis der Honigbienen, zur Gattung Apis. Systematiker unterschieden derzeit neun getrennte Arten, von denen die meisten in den asiatischen Tropen und Subtropen beheimatet sind. Beim Wabenbau gibt es in diesem Kreis aber nur schlicht zwei Kategorien: Entweder hängen die Tiere nur eine einzige Wabe aus den typischen sechseckigen Zellen unter freiem Himmel auf, wie die südostasiatische Zwerghonigbiene, oder sie bringen mehrere Waben in einen geschützten Hohlraum unter.

Ihren Hauptbaustoff, das Wachs, stellen die Bienen selbst her: Fast sieht es so aus, als würden sie ihn aus den "Rippen schwitzen". Dazu kommen gesammelte Pflanzenharze. Die Höhlennister unter den Bienen verwenden dieses Material zusammen mit eigenen Sekreten als so genanntes Kittharz zum Abdichten ihrer Behausung. Afrikanische Honigbienen bauen damit sogar so etwas wie Gefängniszellen für eingedrungene räuberische Käfer, wie vor kurzem Peter Neumann von der Universität Halle gemeinsam mit Christian Pirk und Randall Hepburn von der Rhodes University in Grahamstown, Südafrika, beobachtete. Frei nistende Arten hingegen, die nur in warmen Klimazonen vorkommen, mischen das Kittharz ihrem Wachs bei, vermutlich als Schmelzschutz.

Bereits auf einer einzigen Wabe leben viele tausend Individuen zusammen. Angesichts der hoch entwickelten Kommunikation im Bienenvolk – man denke nur an die berühmte Tanzsprache – lag die Vermutung nahe, dass der gemein-same Boden unter den Füßen mehr ist als nur ein genial konstruiertes Raster von Behältern. Könnte er auch für Kommunikationssignale optimiert sein?

Honigbienen sind immerhin in der glücklichen Lage, volle Kontrolle über die Eigenschaften ihres Heims auszu-üben: Sie bestimmen sowohl dessen Baustoff Wachs als auch dessen Architektur. Im Zuge natürlicher Auslese könnten somit die hergestellten Waben besondere Merkmale erhalten haben, die im Dienste der Kommunikation stehen. Dann müsste es zum einen Bienensignale geben, die zu den Weiterleitungseigenschaften der Wabe passen und umgekehrt. Zum anderen müssten je nach Art der Kommunikation spezielle Verhaltensweisen der Bienen zu beobachten sein. Schließlich macht es einen Unterschied, ob jemand bloß die Gesprächspartner einer kleinen Tischrunde auf sich aufmerksam machen möchte oder gleich einen ganzen Saal voller Menschen. Und eine rein geschäftliche Mitteilung wird man anders übermitteln als etwa den Alarmruf "es brennt".

Relativ leise und intim sollte es in dem Winkel des dunklen Stocks unserer Honigbiene zugehen, wo sich der Tanzboden befindet. Erfolgreiche Sammle-rinnen teilen dort ihren umstehenden Nestgenossinnen tanzend die Lage der entdeckten Futterquelle mit. Der österreichische Zoologe Karl von Frisch (1886-1982) hatte in den 1940er Jahren erkannt, dass die Information über die Lage sich im zeitlich-räumlichen Auf-bau der Tanzfiguren versteckt. Ganz be-sonders gilt das für den so genannten Schwänzeltanz: eine Figur in Form einer Acht, bei der die Biene das Mittelstück durch ein auffälliges rasantes Schwänzeln hervorhebt. Die Zeitspanne für diese Schwänzelstrecke korreliert mit der Entfernung der Futterquelle – und die Körperrichtung beim Schwänzeln zeigt indirekt die einzuschlagende Flugrichtung gegenüber der Sonne an. Um diese Informationen aufnehmen zu können, drehen sich die anzuwerbenden neuen Sammle-rinnen im Stock als Nachtänzerinnen beim Ballett der Bienen mit.

Wie aber können Interessentinnen überhaupt auf eine Tänzerin aufmerksam werden und sie aufsuchen, wenn es im Stock buchstäblich stockdunkel ist. Eine pantomimische Aufforderung zum Tanz macht bei Stromausfall wenig Sinn – eine rhythmisch "stampfende" schon eher. Auf einem Tanzboden im Stock bewegen sich allerdings oft viele Tänzerinnen in Abständen von wenigen Bienenlängen voneinander. Um gegenseitige Störungen zu minimieren und um nicht zu viele Interessentinnen anzulocken – höchstens ein Dutzend finden um eine Tänzerin Platz –, dürfen es keine weit tragenden Signale sein. In der Dunkelheit des Bienenstockes kommen dafür vor allem mechanische Signale in Betracht.

In diese Richtung spekulierte bereits von Frisch, allerdings im Zusammenhang mit der Lageübermittlung. Der spätere Nobelpreisträger nahm an, dass eine Nachtänzerin die vorgetanzte Information regelrecht abgreift, indem sie mit ihren Antennen auf Tuchfühlung zur Vortänzerin geht. Es könne aber auch sein, schrieb er 1965, dass die Vibrationen des "Schwänzeltones" auf die Wabe übertragen und von den Nachläuferinnen durch sehr empfindliche Sinnesorgane in den Beinen wahrgenommen werde.

Lockender Tanz auf löchrigem Parkett

Kurz zuvor hatten unabhängig von-einander Harald Esch an der Universität München und Adrian Wenner an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara entdeckt, dass Bienentänzerinnen während der Schwänzelphase mit ihrer Flugmuskulatur ein leises Schnarren erzeugen. Dieser Schwänzelton ist aller-dings nur mit technischen Hilfsmitteln für uns zu hören. Da Bienen – anders als Menschen – auf Luftschall nicht ansprachen, vermutete von Frisch, dass feinste Bodenvibrationen eine Rolle spielen könnten.

Die scheinbar simple Frage zu entscheiden, ob die Nachtänzerinnen mit den Antennen tasten, mit den Beinen fühlen oder sich doch über andere Ka-näle informieren, erwies sich als harte Nuss. Dem wissbegierigen Forscher bleibt nur: potenzielle Signale zu messen und die Bienen zu befragen. Das setzt natürlich entsprechende technische Möglichkeiten voraus – und einen scharfen Blick für das, was die Tiere wann tun.

So stellte sich Ende der 1990er Jahre heraus, dass die Antennenkontakte intensiver und damit für den Informationstransfer wohl doch bedeutungsvoller sind als zwischenzeitlich gedacht. Zu dieser Erkenntnis verhalfen uns Videoaufzeichnungen in extremer Zeitlupe. Daraus ermittelte Kristin Rohrseitz in meinem Labor an der Universität Würzburg, dass Nachtänzerinnen immerhin für nahezu achtzig Prozent der Schwänzelphase mit den Antennen ihre Ballettmeisterin berühren. Auf solchen Aufnahmen ist auch zu sehen, dass echte Nachläuferinnen ihre Beine in ganz exakter Weise setzen – anders als zufällig kurz folgende Genossinnen, die kaum Tuchfühlung halten.

In allerjüngster Zeit berichtete der dänische Biologe Axel Michelsen an der Universität Odense über eine weitere mechanische Signalkomponente: Die beim Bienentanz vibrierenden Flügel erzeugen Luftströmungen, die für kommunikative Zwecke gerichtet eingesetzt werden könnten.

Kommen den einzelnen Signalformen unterschiedliche Aufgaben zu? Oder sind sie einfach nur redundant – nach dem Motto: Doppelt genäht hält besser? Welche Rolle spielt das Schnarren bei der Kommunikation? Dass es eine Bedeutung haben muss, sogar eine erhebliche, konnte schon Esch belegen: Verlief ein Tanz "stumm", was sehr selten geschieht, blieb die Wirkung aus. Aber erzeugt eine schnarrende Tänzerin überhaupt Bodenvibrationen? Michelsen hatte Ende der 1980er Jahre noch keine feststellen können, als er mit Wolfgang Kirchner, heute Universität Bonn, dieser Frage nachging.

Der technische Fortschritt erlaubte uns mittlerweile einen High-Tech-Angriff auf das vermutete Telefonnetz der Bienen. Zuvor aber befragten wir – ganz in der Tradition des Nobelpreisträgers – schlicht und einfach die Honigbienen direkt, ob Wabenvibrationen für sie bei der Tanzkommunikation überhaupt eine Rolle spielen. Wir heißt: nebst Mitgliedern unserer Würzburger Arbeitsgruppe auch Martin Lindauer, ein Schüler Karl von Frischs, der mich von den Krebsen zu den Bienen bekehrte, sowie David Sandeman, ein Gastprofessor aus Sydney, den wir "Bienen-infizieren" konnten.

Ihren Tanzplatz richten Bienen in der Nähe des Flugloches auf möglichst leeren Waben ein. Aus menschlicher Sicht ein ziemlich löchriges Parkett: Die rund anderthalb Zentimeter hohen Wände einer sechseckigen Wabenzelle sind nur eine Drittel so dick wie ein durchschnittliches Menschenhaar. Ihre oberen Ränder tragen jedoch relativ kräftige Wulste, immerhin doppelt so dick wie ein Haar. Auf eben diesem Sechseckgitter spazieren und tanzen die Tiere.

Wir sorgten nun dafür, dass ihr Tanzplatz auf bereits versiegelten Brutzellen lag. Gefüllt mit je einer großen Larve, zudem mit einem Wachsdeckel verschlossen, kann ein solcher Untergrund feine Vibrationen zwangsläufig nur schlecht weiterleiten. Tatsächlich hatten Tänze auf glattem Parkett keinen sonderlichen Erfolg. Nur wenige rekrutierte Neulinge fanden sich an der künstlichen Futterstelle im Feld ein. Tanzten die werbenden Sammlerinnen dagegen auf den fragilen leeren Zellen, kamen bis zu viermal mehr neue Helfer an.

Dieses Ergebnis konnte theoretisch zweierlei bedeuten: Ohne "good vibrations" war entweder die Lageinformation, die im Tanz steckt, nicht gut genug zu ermitteln, oder die potenziellen Rekruten wurden schlechter auf die Tänzerin aufmerksam. Wir vermuteten eher Letzteres. Eine Tänzerin muss umstehende Bienen im dunklen Stock ja erst einmal irgendwie anlocken und zum Mittanzen auffordern. Dieser Aspekt wurde in früheren Untersuchungen vernachlässigt. Ein Blick in den Stock erhärtete unseren Verdacht. Die Distanz, aus der sich echte Interessentinnen der werbenden Biene näherten, war auf leeren Zellen etwa um eine Bienenlänge größer als auf gedeckelten Brutzellen.

Es lohnte also, den Bodenvibratio-nen intensiver nachzugehen. Nach welchen Frequenzen wir Ausschau zu halten hatten, war klar. Im Brustabschnitt des Bienenkörpers brummt ein Flugmotor mit Muskelkraft. Während der Schwänzelphase des Tanzes kontrahieren sich diese Muskelpakete mit derselben Frequenz wie beim Schlagen der Flügel: mit 200 bis 300 Hertz, also 200 bis 300 Schwingungen pro Sekunde. Im Tanz allerdings sind die Flügel weitgehend ausgekoppelt – als würde ein Autofahrer gleichzeitig auskuppeln und Vollgas geben. Sie zittern nur noch leicht mit. Der Motor, der letztlich den Schnarrlaut erzeugt, lässt die ganze Brust vibrieren, erzeugt aber nicht das Schwänzeln selbst.

Der Flugmotor läuft jedoch, was schon länger bekannt ist, nicht kontinuierlich während des ganzen Schwänzelns mit. Vielmehr treten Pulse von etwa 30 bis 50 Millisekunden Länge auf. Dank unserer modernen Möglichkeiten konnten wir ihr Timing beim Tanz bestimmen: Sie erscheinen in der Regel nur kurz vor jedem Umkehrpunkt eines vollen Schwänzelausschlags – als Tusch vorweg sozusagen.

Dieser Effekt half uns, die entsprechenden Wabenschwingungen aufzuspüren. Sie nämlich direkt um eine Tänzerin zu messen, erwies sich als extrem schwierig, weil die quirligen Aktivitäten des übrigen Volkes für einen enormen Rauschpegel sorgen. Parallel zur Vibrationsmessung mit berührungsloser Laser-Doppler-Vibrometrie machten wir deshalb Videoaufnahmen in extremer Zeitlupe. Dadurch konnten wir das Zeitfenster der Schwingungsanalyse sehr

exakt mit den Bewegungsphasen der Tänzerin abstimmen. Ergebnis: Die Vibrationen, die sie kurz vorm Umkehrpunkt generiert, äußern sich prägnant in seitlichen Auslenkungen des Netzes, das von den Randwülsten aller Wabenzellen im Umkreis gebildet wird. Hätten wir uns nur auf Vertikalschwingungen konzentriert und zudem über die gesamte Spanne des Schwänzelns gemittelt – wie andere Forscher es taten –, dann wären auch wir zu dem falschen Schluss gelangt, eine Tänzerin erzeuge keine Bodenvibration.

Beim Auswerten unserer Zeitlupenaufnahmen stießen wir auf eine weitere Überraschung. Von Frisch hatte das Tanzelement, bei dem die Biene schwänzelte, als Schwänzellauf bezeichnet. Seine Schemazeichnungen hierzu suggerierten eine relativ lange Laufstrecke – und so findet es sich auch in jedem Lehrbuch und Nachschlagewerk. Man kann daher vielleicht unsere Verblüffung nachfühlen, als wir feststellten, dass die Tänzerin in Wirklichkeit die meiste Zeit stand, irgendeinen Fuß zwar immer mal anhob, aber sogleich wieder aufsetzte. Ihr Körper schob sich dabei in der Luft kontinuierlich vorwärts, während er von vorn betrachtet gleichzeitig rasch hin und her schaukelte – ungefähr so, als würde man im Krätschstand den Rumpf abwechselnd nach rechts und links kippen und gleichzeitig vorbeugen. Eine Biene schwänzelt – oder besser: schaukelt – allerdings mit einer Frequenz von 15 Hertz und schnarrt dabei praktisch vor jedem Maximalausschlag mit 200 bis 300 Hertz. Versuchen Sie erst gar nicht, es nachzumachen. Kurzum: All dies weckt den Verdacht, dass die uns auffallende Schwänzelbewegung auch die wichtige Aufgabe hat, die Vibrationspulse der Flugmuskulatur effektiv an die Wabe anzukoppeln.

Heiße Rhythmen – heiße Bienen

Wir fragten uns natürlich sofort, wie gut die Wabe den Anforderungen als Kommunikationsnetz gerecht wird. Unter einigen vereinfachenden Annahmen hatte der dänische Biologe Jesper Storm im Labor von Michelsen berechnet, dass eine Tänzerin während des Schwänzelns nur eine Kraft von maximal einem tausendstel Newton auf die Ränder der Zellen ausübt. Mit dieser Kraft und dem von uns bei Bienen gemessenen Frequenz- und Zeitmuster haben wir dann künstlich die Zellenränder einer leeren Wabe angeregt. Technisch lässt sich das heute recht einfach mit Hilfe von Piezo-Kristallen bewerkstelligen. Tatsächlich leiten die Waben solche Signale am besten als horizontale Schwingungen des "Festnetzes" weiter. Es entstehen zwar noch andere Wellentypen, wie man sie auch von Erdbeben kennt. Doch keiner ist in dem kritischen Frequenzfenster so wirkungsvoll.

In der natürlichen Situation kann das Signal freilich im Untergrundrauschen versteckt sein. Schließlich gehen auf einer Wabe zahlreiche Artgenossinnen einer Beschäftigung nach. Doch schon am bloßen Verhalten der gefilmten Bienen, die in der Nähe einer Tänzerin stehen oder gehen, sieht man, dass sie diese sehr zuverlässig im Dunkeln erkennen. (Beim Filmen verwenden wir infrarotes Licht, für das Bienen blind sind.)

Wie lösen die Tiere dieses Signal-Rausch-Problem? Mit ihren sechs Beinen verfügen sie im Stand über sechs simultan arbeitende Sensoren, deren Input verrechnet werden kann. Für uns ergab sich das Problem, dass wir keinen Forscherkollegen kennen, der über sechs vollkommen identische Laser-Doppler-Vibrometer für eine Simultanmessung verfügt. Jerome Casas, ein französischer Kollege an der Universität Tours, konnte jedoch mit zweien aufwarten. An einer leeren, künstlich angeregten Wabe ließ sich so messtechnisch nachvollziehen, was zumindest zwei der sechs Bienenbeine gleichzeitig wahrnehmen können.

Die Spurweite des Insekts entspricht in etwa der Breite einer Zelle. Wir maßen deshalb an den beiden gegenüberliegenden Wänden jeder Zelle einer Reihe. Bei der bestübertragenen Frequenz schwangen sie in die gleiche Richtung – mit einer Ausnahme: In jeder Reihe fand sich eine einzige Zelle, deren Wände in ex-akter Gegenphase schwingen, also einen Schwingungsknoten einschließen. Je nach Position des Anregungspunktes, ob eher am Rand oder zur Wabenmitte hin, lag der Knoten bis zu sieben Zellen entfernt. Die auf dem Gitterwerk stehenden oder gehenden Bienen könnten diese besondere Zelle erkennen und als Nähe zu einer Tänzerin deuten. Den maximalen Abstand, aus dem Interessentinnen noch von einer Tänzerin angelockt werden, kennen wir von unseren Verhaltensexperimenten. Er beträgt 35 Millimeter, was wieder genau sieben Zellen entspricht.

Sehr wahrscheinlich nutzen Interessentinnen noch andere Hinweise, um die Tänzerin im Dunkeln zu lokalisieren. In Frage kommen gerichtete Luftbewegungen durch die Flügelvibrationen sowie die höhere Temperatur der Tänzerin, vielleicht auch Geruchsstoffe. Auf einem Tanzboden geht es nämlich heiß her: Mit Wärmekameras konnten wir sehen, dass eine tanzende Biene immer wieder regelrecht aufglüht.

Was die Wabenvibrationen anbelangt, so vermuten wir inzwischen, dass sie selbst nur begrenzt oder gar keine Detailinformationen über die Lage einer Futterstelle vermitteln. Für eine zuverlässige genaue Übermittlung erscheinen uns die Schwingungsmuster als zu we-nig differenziert, im Zeitverlauf ebenso wie in ihrer räumlichen Ausdehnung. Dafür kommt ihnen aber wohl die sehr wichtige Aufgabe zu, den anderen Bienen auf dem schummrigen Tanzboden zu signalisieren, wo eine Mitbewohne-rin gerade gute Kunde überbringt. Haben die angesprochenen Bienen die Tänzerin erreicht und mit ihr Kontakt aufgenommen, könnten dann die anderen Signalformen intime Einzelheiten der Tanzbotschaft vermitteln. Dabei wird offensichtlich der direkte Draht bevorzugt: die Antennen.

Ganz gleich, wie heftig eine Biene auch schwänzeln mag, sie bringt natürlich nicht gleich die ganze Wabe zum Beben. Das soll sie ja auch gerade nicht. Ein Typ von Nachricht, der dagegen sehr rasch möglichst viele Mitglieder einer Bienenkolonie erreichen sollte, betrifft die Warnung vor einer Bedrohung des Volkes. Bei der asiatischen Zwerghonigbiene lebt das ganze Volk auf einer einzigen Wabe im Freien. Das Bauwerk hängt an einem Ast herab und umschließt ihn oben mit einer kleinen Plattform. Regelrechte Leimringe halten Ameisen ab, die sich gerne an Süßem vergreifen. Vor größeren Räubern schützt diese Maßnahme allerdings nicht. Dass in solchen Fällen die Zwergbienen ihre Wabe als Übertragungsstrecke für Alarmsignale verwenden, entdeckten mein Kollege Stefan Fuchs und ich bei einem Studienaufenthalt als Gäste von Raghavandra Gadagkar im indischen Bangalore.

Beim Beobachten der Tiere und ihrer Kommunikation war uns ein zartes, nur hin und wieder ertönendes Piepen aufgefallen. Auf der Tonspur von Videoaufzeichnungen, die automatisch ohne unsere Anwesenheit am Nest gemacht wurden, war nichts dergleichen zu hören. Also hatten wohl wir Beobachter dieses Verhalten ausgelöst. Daraufhin installierten wir in der Wabe Beschleunigungsmesser, die noch feinste Schwingungen registrieren können, und hatten am Ende folgende Geschichte beisammen:

Wenn Sammelbienen beim Rückflug nahe am Nest eine potenzielle Gefahr, etwa einen Menschen oder einen großen Vogel, bemerken, landen sie auf der oberen Plattform der Wabe und pressen ihre Brust auf geeignete Abschnitte. Kurz danach ist über die Luft ein schwaches Piepen zu hören. Diese Bienen suchen danach sofort eine neue Stelle auf, piepen wieder und so fort. Dieses kaum hörbare Fiepen ist aber nur ein Teil eines einmaligen Dialogs, der sich zwischen der Alarm schlagenden Sammlerin und dem gesamten übrigen Volk entspannt. Die einzelnen Piep-Laute werden bereits nach wenigen Malen von der gesamten Kolonie mit einem zischenden Rauschen beantwortet, das als Luftschall ebenfalls nur schwach hörbar ist, aber wie das Piepen sehr gut als Wabenschwingung erfasst werden kann.

Was die informierten Bienen tun, hat mein Mitarbeiter Christian Werber durch gründliche Analyse unserer mitgebrachten Videobänder ermittelt. Postiert sich ein Mensch in der Nähe eines Nestes, wird er offenbar als Störung gewertet, da dies den Warndialog auslöst. Sofort wird der Tanzbetrieb komplett eingestellt, und solange der Dialog anhält, verlassen auch keine Bienen mehr die Kolonie. Das Volk steht quasi Gewehr bei Fuß. Das Startverbot für Einzelflieger macht aber noch in anderer Hinsicht Sinn. Sie wären leichte Beute für Vögel, die das Nest als ergiebige Quelle rasch entdecken, aber nicht direkt angreifen, sondern, wie wiederholt von uns beobachtet, sich in dessen Nähe auf einen Ast platzieren, um heimkehrende Sammle-rinnen mit ihrer Fracht abzufangen.

Aus all diesen neueren Erkenntnissen wird klar, dass die Erforschung der Biokommunikation einen methodisch extrem breiten Ansatz erfordert. Insbeson-dere die quantitative Erfassung der Signale und ihrer Ausbreitung steht und fällt mit dem technischen Stand. Der Einsatz zeitgemäßer Methoden hat gezeigt, wie hervorragend Honigbienen im Laufe ihrer Evolution die einzelnen kommuni-kativen Faktoren aufeinander abgestimmt haben: die produzierten Vibrationssignale, deren Weiterleitung über die Waben und die jeweils gewünschte Publikumsgröße.

Literaturhinweise


Telefonnetz und chemisches Gedächtnis: Wachs als vielseitiges Kommunikationsmedium der Honigbiene. Von J. Tautz und M. Lindauer in: Akademie-Journal, Heft 1, S. 15, 1999.

How do dancing honeybees attract the attention of their audience? Von J. Tautz et al. in: Journal of Experimental Biology, Bd. 204, S. 3737, 2001.

Transmission of vibration across honeycombs and its detection by bee leg receptors. Von D.C. Sandeman, J. Tautz und M. Lindauer in: Journal of Experimental Biology, Nr. 199, S. 2585, 1996.


In Kürze


- Der Schwänzeltanz der Bienen ist das höchstentwickelte Kommunikationsmittel unter Insekten. Welche verblüffenden Verständigungsmöglichkeiten da-bei die mitschwingende wächserne Wabe bietet, ermitteln Forscher erst jetzt mit ausgefeilten Techniken.

- Der Tanzboden entpuppt sich als eine Art telefonisches Festnetz für Mitteilungen geschäftlicher Art bis hin zum Gefahrenalarm.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 2002, Seite 60
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
8 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 8 / 2002

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