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Linguistik: Das große Sprachensterben

Wenn wir nicht bald etwas unternehmen, wird die Linguistik als eine Wissenschaft in die Geschichte eingehen, die gleichgültig zusah, wie ihr Gegenstand zu 90 Prozent verloren ging. Michael Krauss, "The World’s Languages in Crisis" (1992)


Vor zehn Jahren schockierte Michael Krauss seine Kollegen in der Sprachwissenschaft mit einer Vorhersage: Innerhalb dieses Jahrhunderts werde die Hälfte der 6000 auf der Welt gesprochenen Sprachen verschwunden sein. Im Jahr 1972 hatte Krauss, damals noch an der Alaska Universität, selbst das Alaska Native Languages Center gegründet. Sein Zweck: die verbleibenden zwanzig Eingeborenen-Sprachen dieses Staates der Nachwelt zu erhalten.

In lediglich zwei dieser Sprachen wurden noch Kinder unterrichtet. Andere existierten nur in der Erinnerung weniger betagter Sprecher, der Rest war im Begriff auszusterben. Die Situation in Alaska sei beispielhaft für einen globalen Trend, warnte Krauss damals. Neun Zehntel aller Sprachen der Menschheit gingen vermutlich für immer verloren, wenn nicht Wissenschaftler und Regierungsverantwortliche weltweit Anstrengungen gegen diese Entwicklung in die Wege leiteten.

Krauss’ Voraussage war seinerzeit noch ein eher wenig begründeter Verdacht. Jedoch lieferten bald auch andere anerkannte Sprachforscher ähnlich düstere Prognosen. Kenneth L. Hale vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) berichtete, dass acht Sprachen, über die er Feldstudien betrieben hatte, inzwischen von niemandem mehr gesprochen würden. Nach einer australischen Studie aus dem Jahr 1990 waren von neunzig Aborigines-Sprachen siebzig nicht mehr in allen Altersstufen gebräuchlich. Das Gleiche gelte für die 175 heute noch in den USA geläufigen Indianersprachen. Von diesen seien nur mehr zwanzig generell im Gebrauch, warnte Krauss 1992.

Auf den ersten Blick mag die Angleichung der Sprachen wie eine positive Entwicklung scheinen, mindert sie doch Spannungen zwischen Ländern oder Menschengruppen und erleichtert den Welthandel. Solche Vorzüge erkennen Linguisten durchaus an. Sie wissen auch, dass Sprecher von Sprachminderheiten (oft unbewusst) dazu neigen, einer dominierenden Sprache ihrer Umgebung den Vorrang zu geben – zumeist in der Hoffnung auf gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg.

Dennoch beklagen die Wissenschaftler den Verlust von Minderheitensprachen. Dies ist vor allem im wissenschaftlichen Selbstinteresse begründet: Einige fundamentale, teilweise ungeklärte Fragen der Linguistik betreffen die Grenzen der menschlichen Sprache. Forscher wollen auch verstehen, welche Aspekte von Grammatik und Vokabular universal und daher womöglich in jedem menschlichen Gehirn fest verankert sind. Andere Linguisten untersuchen Bevölkerungsmigrationen, Handelswege oder Machtbeziehungen, indem sie Wortanleihen zwischen ansonsten nichtverwandten Sprachen vergleichen. Für all diese Fälle gilt: Je mehr Sprachbeispiele, desto besser die Resultate.

Statt Geld nur leere Blicke


James Matisoff gilt als Spezialist für asiatische Sprachminderheiten an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Für ihn liegt der Wert einer Sprache eher im Menschlichen: "Sprache ist das wichtigste Merkmal einer Kultur oder Gemeinschaft. Stirbt sie aus, geht damit auch das Wissen um ihre Kultur und ein einzigartiges Bild der Welt verloren."

Im Jahre 1996 half Luisa Maffi, die Arbeitsgruppe Terralingua zu gründen. Damit wollte die Sprachwissenschaftlerin und Autorin des Buches "On Biocultural Diversity" ("Über biokulturelle Vielfalt") auf die Verbindung zwischen sprachlicher und biologischer Vielfalt hinweisen, wie sie oft in ein und demselben Land konzentriert anzutreffen ist. Eine andere internationale Gruppe erarbeitete 1996 eine ehrgeizige "Allgemeine Erklärung von Sprachenrechten". Der Antrag bei der Unesco wartet immer noch auf Antwort.

Trotz ständig geäußerter Klagen seitens der Sprachforscher ist in den letzten zehn Jahren deprimierend wenig für den Erhalt aussterbender Sprachen geschehen. "Eigentlich würde man eine konzertierte Aktion gegen diese traurigen Zustände erwarten", moniert Sarah G. Thomason, Linguistin an der Universität von Michigan in Ann Arbor. "Wenigstens den Versuch, diejenigen Sprachen auszusuchen, die gerettet und dokumentiert werden sollen, bevor sie dahinschwinden. Aber in meiner Branche hat man bisher nichts unternommen. Gefährdete Sprachen zu studieren, kam erst in den letzten Jahren auf."

Douglas H. Whalen von der Yale University an der amerikanischen Ostküste erinnert an die Zeit vor sechs Jahren: "Wenn ich bei Sprachforschern nachfragte, wo man dafür Gelder bekäme, erntete ich nur leere Blicke." Daraufhin gründete Whalen mit einigen anderen Linguisten einen "Fonds für gefährdete Sprachen", der aber bis 2001 lediglich Forschungsgelder in Höhe von 80000 Dollar aufbrachte. "Ich glaube nicht, dass sich die Situation in den letzten Jahren geändert hat", meint dazu der britische Linguist Nicholas Ostler. Steven Bird von der Pennsylvania Universität befürchtet, dass angesichts der geringen Forschungsmittel "jeder, der über gefährdete Sprachen forschen will, sich von einer lukrativen Karriere verabschieden muss."

Vielleicht wird sich die Situation aber bald ändern. Die Volkswagen-Stiftung in Hannover zum Beispiel fördert das Thema seit 1999, bis heute mit über fünf Millionen Euro. Mit diesen Mitteln konnte in den Niederlanden, am Max- Planck-Institut für Psycholinguistik, ein multimediales Archiv für Aufnahmen, Grammatiken, Wörterbücher und andere Datenträger gefährdeter Sprachen eingerichtet werden. Um das Archiv zu füllen, engagierte die VW-Stiftung Sprachforscher für Feldstudien. Sie sollen etwa die Sprachen Aweti (an die hundert Sprecher in Brasilien), Ega (etwa dreihundert Sprecher an der Elfenbeinküste) und Waima’a (einige hundert Sprecher in Osttimor) dokumentieren. Diese sowie ein Dutzend anderer Sprachen werden vermutlich dieses Jahrhundert nicht überleben.

Auch die Ford-Stiftung hat sich der Sache angenommen. Dank ihrer Unterstützung konnte ein Lehrer-Schüler-Programm, das Leanne Hinton 1992 in Berkeley mit anderen Sprachwissenschaftlern ins Leben gerufen hatte, wiederbelebt werden. Es war aus der Sorge um die etwa fünfzig Eingeborenensprachen in Kalifornien entstanden, deren Sprecherzahl bereits rapide zurückging. Das Programm beinhaltet, dass Sprecher, welche die Sprache noch fließend beherrschen, für 3000 Dollar ein jüngeres Familienmitglied (das ebenfalls ein Entgelt erhält) in ihrer Eingeborenensprache insgesamt 360 Stunden für die Dauer von sechs Monaten unterrichten. Bisher haben 75 solcher Gruppen das Programm zur Rettung von insgesamt zwanzig Sprachen durchlaufen.

"Es wäre jedoch verfrüht, hier von einer Sprachwiederbelebung zu sprechen", dämpft Hinton die Erwartungen. "In Kalifornien wird die Sterberate betagter Sprecher immer höher sein als die junger Sprecher, die bei diesem Programm mitarbeiten. Aber wir können zumindest erreichen, dass bestimmte Sprachen länger am Leben bleiben." Dies lässt den Sprachwissenschaftlern mehr Zeit, die Sprachen zu dokumentieren, bevor sie ganz verloren gehen.

Die Idee des Lehrer-Schüler-Programms hat sich außerhalb der USA leider nicht durchgesetzt, und Hintons Bemühungen sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Weltweit werden mindestens 417 Sprachen gerade noch von einer Hand voll alter Menschen gesprochen. So heißt es im Ethnologue, einem Sprachenkatalog, den das Summer Institute of Linguistics (SIL) in Dallas publiziert. Die meisten dieser Sprachen sind in ihrer Grammatik, ihrem Wortschatz, ihrer Aussprache und ihrem Alltagsgebrauch kaum oder überhaupt nicht erfasst.

Um diesem Missstand zu begegnen, stellte der Lisbet Rausing Charitable Fund für ein gewaltiges Dokumentationsvorhaben dreißig Millionen Dollar zur Verfügung. Barry Supple, ein Berater dieser englischen Stiftung, rechnet damit, dass das Geld für die nächsten acht bis zehn Jahre reichen wird. Ein Teil der Mittel geht etwa an die "Schule für Orientalische und Afrikanische Studien" in London. Dort lernen Sprachforscher,wie man Feldforschung für aussterbende Sprachen durchführt. Der Hauptanteil wird aber für die Feldforschung selbst verwendet. "Wenn dieses Programm abgeschlossen ist", erwartet Supple, "werden wir etwa hundert gefährdete Sprachen dokumentiert haben."

Ein neuer Turm zu Babel


Das Rausing’sche Dokumentationsvorhaben übertrifft zwar sämtliche bisherigen Rettungsprojekte. Eine Nagelprobe wird aber die Frage sein, ob damit alle ausgewählten Sprachen auch konstant und sicher konserviert sowie zugänglich archiviert werden können. "Die Archive, die uns zur Verfügung stehen, sind zumeist ärmlich ausgestattet", sagt Steven Bird, der stellvertretende Direktor des Linguistic Data Consortium.

"Es gibt kein Archiv, das von einer Universität oder nationalen Forschungsstiftung auf unbegrenzte Zeit verwaltet wird, also für mindestens 25 oder 50 Jahre." Er warnt davor, dass Sprachen zwar registriert, aber ebenso wieder in Vergessenheit geraten könnten, wenn die gewählte digitale Aufzeichnungstechnik mit der Zeit veraltet.

Ebenso wenig kann es beruhigen, dass dutzende Institute auf der ganzen Welt jetzt digitale Bibliotheken für gefährdete Sprachen einrichten – das Fundament für einen neuen Turm zu Babel. Denn man beabsichtigt, Datei-Formate, Terminologien und sogar Sprachbezeichnungen einzusetzen, die häufig unkompatibel und womöglich bald schon überholt sind.

Gary Simons bei SIL und zahlreiche Mitstreiter bemühen sich darum, dieses Chaos zu ordnen, indem sie eine Open Language Archives Community (Olac; Gemeinschaft für offene Spracharchive) gründeten. Diese benutzt Metadaten – eine Art digitale Dateikarten –, um solche Inkonsistenzen auszugleichen. Olac begann mit seinen Aktivitäten in Europa wie auch in den USA in der ersten Hälfte dieses Jahres und umfasst bisher mehr als 17 Spracharchive – die meisten für gefährdete Sprachen. Wenn das System im kommenden Jahr in die operative Phase eintritt, können Forscher bereits ein umfangreiches Datenangebot anzapfen, um ihre Theorien zu testen: Wie entwickelten sich Sprachen? Wie spiegelt ein Zusammentreffen von Sprachen die Wanderungen der Völker wider?

Wo sind die Grenzen der menschlichen Sprache?


Mit dem Verlust seltener Sprachen steigt die Sorge, solche Fragen eines Tages nicht mehr beantworten zu können. Linguistik ist eine junge Wissenschaft, immer noch voller Geheimnisse. Nicholas Ostler nennt ein Beispiel: "Ica, eine Sprache im Norden Kolumbiens, scheint keinerlei Personalpronomina zu besit-zen, wie wir sie aus anderen Sprachen kennen – ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie. Ohne Ica hätte ich gedacht, dass dies für alle Sprachen gilt."

Zweites Beispiel: Verdopplungen – eine Eigenart zahlreicher Sprachen, um den Plural auszudrücken, also etwa Mausmaus für den Plural von Maus. Die fast gänzlich verschwundene Sprache Lushootseed im Gebiet von Puget Sound im US-Bundesstaat Washington, erläutert Bird, zeigt einmalige Besonderheiten. Verdopplungen treten bei ihr in drei Formen auf, als Präfix, Suffix und sogar als Wortstamm. "Wenn derartige Sprachen aussterben, werden wir niemals klären können, welche Verdopplungen es in natürlichen Sprachen gibt."

Der Trial des Ngan’gitjemerri


Drittes Beispiel: Pluralregeln. Im Englischen und in vielen anderen Sprachen gibt es für fast alle Wörter eine Singular- und eine Pluralform. Früher gab es im Indogermanischen den Dual (die Mehrzahl von zwei). Aber bereits im Gotischen war der Dual nur noch für die erste und zweite Person möglich. Im Bayerischen ist ein Rest davon noch zu erkennen. In 'enk‘ für 'euch‘ und 'es‘ für 'ihr‘ ist der ehemalige Dual sozusagen gestrandet. Beide Wörter haben heute nicht mehr den ursprünglichen Sinn des Duals, sondern den des Plurals. Im Paar ist davon das gedankliche Muster noch bewahrt.

In wenigen Sprachen wie beispiels-weise in Ngan’gitjemerri, einer Aboriginessprache Australiens (vielleicht gerade ausgestorben), gibt es neben Singular und Plural noch den Dual und sogar den Trial, die Mehrzahl für drei. Sprechern des Sursurunga, Tangga und Marshallese stehen sogar fünf Pluralformen zur Verfügung. Wo ist die Grenze? Vielleicht werden wir das nie mehr erfahren.

Selbst wenn eine Sprache vollständig dokumentiert ist, hinterlässt sie nach dem Tod ihres letzten Sprechers nur noch ein fossiles Skelett zusammenhangloser Merkmale. Fallen diese dem Linguisten in die Hände, kann er der verlorenen Sprache lediglich einen vagen Umriss entlocken und eine grobe Einordnung im Stammbaum der Sprachenevolution vornehmen. "Wie beginnen Leute eine Unterhaltung? Wie sprechen sie mit Babys? Wie sprechen Partner miteinander?" fragt die Soziolinguistin Leanne Hinton. "Das sind die ersten Dinge, die man wirklich wissen muss, um eine Sprache wiederzubeleben."

Es gibt eben noch keinen Wissenschaftszweig der "Erhaltung" von Sprache, wie es ihn vergleichsweise für die Biologie gibt. Fast alle bisherigen Konservierungsanstrengungen sind zweischneidig, sie gelingen und scheitern zugleich. Ein Beispiel: Vor zwanzig Jahren richteten die Maori in Neuseeland so genannte Sprachnester ein, mit denen Vorschüler an die Eingeborenensprache herangeführt wurden. In der Grundschule und in weiterführenden Klassen wurden dem Lehrplan weitere Maori-Klassen hinzugefügt. Ein ähnlicher Ansatz wurde in Hawaii versucht – nicht ohne Erfolg. Die Anzahl der Sprecher hat die ursprüngliche Zahl von eintausend bereits überschritten, berichtet Joseph Grimes, der für SIL über die Oahu-Sprache arbeitet. Studenten dort können das ganze Studium in Hawaiisch (ka ‘Ùlelo Hawai‘i heißt 'die Sprache‘) bestreiten. Englisch lernen sie ebenfalls.

Sprachnester als Rettungsinseln


Noch ist es zu früh zu sagen, ob die erste Generation der "Sprachnester" die Eingeborenensprache auch zu Hause ihren Kindern weitergeben wird. In anderen Regionen stießen Schulen dieser Art bisher nicht immer auf Akzeptanz, ja sogar auf Widerstand. Lediglich die Eingeborenensprache der Navajos in den Vereinigten Staaten wird nach Auskunft des Zentrums für angewandte Sprachen noch in dieser Form weitergegeben. Die Leupp-Grundschule im Navajo-Reservat Arizonas begann ein Förderprogramm, nachdem man festgestellt hatte, dass nur noch sieben Prozent der Studenten Navajo fließend beherrschten. Die Kinder (anfangs im Kindergartenalter, aber jetzt auch bis zur 4. Klasse) benutzen die Sprache bei der Schafzucht, bei ihrer Gartenarbeit, wenn sie Tänze aufführen oder etwas über ihre Kultur lernen. Aber die Organisatoren suchen verzweifelt nach qualifizierten Lehrern, Büchern und Prüfungsvorlagen in Navajo sowie Unterstützung durch die Gemeinden.

Ofelia Zepeda von der Universität von Arizona, vielleicht die prominenteste Streiterin für die Wiederbelebung der Eingeborenensprachen in den Vereinigten Staaten aus den Reihen der Ureinwohner Amerikas, berichtet über ähnliche Probleme mit ihrer eigenen Sprache, Tohono O’odham: "Jeder Stamm steht vor demselben Problem, dass eine ganze Generation von Kindern die Sprache ihrer Eltern nicht mehr beherrscht. Die Behörden unterstützen zwar allgemein das Engagement für die Sprachen, aber die Finanzen sind ein Problem. Wir mussten drei Jahre warten, bis unsere Projekte anliefen." Und dann, so sieht es die kleine Gemeinschaft dieses Stammes, "sind wir im Grunde doch machtlos. Wir müssen mehr Einfluss auf unsere Gemeindeschulen bekommen".

Nur weil eine Sprachgemeinde klein ist, heißt das aber noch lange nicht, dass das Schicksal ihrer Sprache besiegelt sein muss. Nach letzten Berichten sprachen beispielsweise ganze 185 Menschen die brasilianische Eingeborenensprache Karitiana, erinnert sich Akira Yamamoto von der Universität von Kansas. Aber sie leben alle im selben Dorf Brasiliens, das ohnehin nur 191 Einwohner zählt. Also sind es 96 Prozent der Sprecher, die ihre Muttersprache an ihre Kinder weitergeben. Und nur weil bei den Erhebungen über gefährdete Sprachen eher die Anzahl der verbleibenden Sprecher Beachtung findet, "haben eine Reihe von Sprachforschern ihren Untergang prophezeit, um sie dann zwanzig Jahre später noch bei bester Gesundheit anzutreffen," sagt Sprachforscher Patrick McConvell von der Canberra Universität in Australien.

Nach dem Ansatz des Linguisten Hans-Jürgen Sasse von der Universität zu Köln gibt es einen Faktor, der beim Ableben einer Sprache immer eine Rolle spielt: nämlich wenn die Sprecher beginnen, "die Nützlichkeit ihrer Sprachloyalität zu bezweifeln". Wenn sie einmal ihre eigene Sprache gegenüber der Sprache der Mehrheit als unterlegen ansehen, hören sie auf, diese in allen Alltagssituationen zu benutzen. Ihre Nachkommen übernehmen dann dieses Verhalten und bevorzugen zunehmend die Sprache der Mehrheit.

"Meist ist dies den Sprechern gar nicht bewusst, bis sie plötzlich feststellen müssen, dass ihre Kinder die Sprache ihrer Eltern nicht mehr benutzen, nicht einmal zu Hause", klagt Sprachforscher Douglas H. Whalen. So ging es auch mit dem Schottischen, bedauert Hans-Jürgen Sasse. Nicholas Ostler nennt das Beispiel des Irischen, das seit der Gründung des Irischen Staates trotz seines Status als Amtssprache von immer weniger Iren gesprochen wird.

"Die Antwort auf das Sprachensterben ist die Mehrsprachigkeit," behauptet Berkeley-Forscher James Matisoff. "Sogar Analphabeten können mehrere Sprachen erlernen, solange sie damit im Kindesalter beginnen", betont er. In der Tat sprechen die meisten Menschen auf der Welt mehr als eine Sprache. In Gebieten wie Kamerun (mit 279 Sprachen), Papua-Neuguinea (823) oder Indien (398) ist es völlig normal, dass man drei oder vier verschiedene Sprachen beherrscht, dazu noch ein oder zwei Dialekte.

Linguist Joe Grimes vom SIL registriert mit Bedauern, dass "die meisten Amerikaner und Kanadier westlich von Quebec die Tatsache als peinlich empfinden, wenn ein Mensch in ihrer Anwesenheit eine andere Sprache spricht". Genauso sei es in Australien oder Russland. "Nicht zufällig verschwinden in diesen Regionen Sprachen am schnellsten."

Der erste Schritt zur Rettung gefährdeter Sprachen wäre, dass die Mehrheiten der Welt es ihren Minderheiten gestatten, sich untereinander in ihrer eigenen Sprache zu verständigen.

Literaturhinweise


Lost Languages – The Enigma of the World’s Undeciphered Scripts. Von Andrew Robinson. McGraw-Hill, New York 2002.

The Green Book of Language Revitalization in Practice. Von Leanne Hinton und Kenneth Hale (Hg.). Academic Press, 2001.

On Biocultural Diversity. Von Luisa Maffi (Hg.). Smithsonian Institution Press, 2001.


In Kürze


- Die neueste, 14. Ausgabe des Ethnologue-Lexikons aus dem Jahr 2000 (www.ethnologue.com) führt weltweit 6809 lebende Sprachen auf, von denen 417 als fast ausgestorben gelten. Übereinstimmend erwarten die Experten, dass bis zum Ende des Jahrhunderts mehr als die Hälfte dieser Sprachen verschwunden sein werden.
– Nur wenige der Sprachen sind gut genug dokumentiert, um Grundfragen der Linguistik untersuchen zu können: Universalität der Grammatik, Sprachevolution sowie Themen der Migration und Anthropologie.
– Erst seit kurzem bemühen sich Linguisten in aller Welt, aussterbende Sprachen vor dem Verschwinden zu retten. Die Volkswagenstiftung beispiels-weise hat diesem Programm seit 1999 bisher 5,3 Millionen Euro zur Verfügung gestellt (www.mpi.nl/DOBES). Der britische Lisbet Rausing Charitable Fund hat für die nächsten zehn Jahre sogar 30 Millionen Euro gestiftet.

Ein neuer Rosette-Stein im Computer


Die Sprache der altägyptischen Hieroglyphen galt so lange verschollen, bis Napoleons Truppen 1799 im Dorf Rosette im Nildelta auf ein tausend Jahre altes Stück Basalt-Gestein stießen. In die schwarze Fläche des 114 x 72 x 28 Zentimeter großen Artefakts waren drei Versionen ein und desselben Textes eingemeißelt: in Demotisch, in Griechisch und in ägyptischen Hieroglyphen. Mit diesem Übersetzungsschlüssel konnten die Forscher den Blick auf eine jahrtausendelang verborgene Geschichte richten.

Zwar war der Rosette-Stein nur durch Zufall erhalten geblieben, doch regte er eine eingeschworene Gruppe von Ingenieuren und Wissenschaftlern dazu an, ein modernes Artefakt zu schaffen, das Grundkenntnisse der Sprachen der Welt für Anthropologen auch der fernen Zukunft erhalten sollte. Jim Mason, der das Rosette-Projekt für die Long Now Foundation in San Francisco, Kalifornien (im Web unter www.longnow.org), leitet, kündigte die Fertigstellung des ersten "Steins" in Kürze an.

Wie das Original wird auch der moderne Rosette-Stein parallele Texte enthalten (das erste Kapitel der Genesis). Und für den Fall, dass eine Sprache über keine Schriftform verfügt, wird sie in Lautschrift konserviert. Das Konzept sieht vor, weit größere Datenmengen bereitzustellen als auf dem historischen Vorbild: Für jede der tausend Sprachen sollen 27 Seiten Text neben einer in Englisch gehaltenen Beschreibung der jeweiligen Sprache stehen. Die Seiten werden als mikroskopisch kleine Bilder auf eine runde Nickelscheibe mit knapp acht Zentimeter Durchmesser geprägt. Eine Landkarte in der Mitte dient als Ortsangabe. Um diesen Mikrodruck lesen zu können, genügt ein Mikroskop mit tausendfacher Vergrößerung.

Masons Team plant eine Massenproduktion der Scheiben, die, ver-packt in Stahlbehältern, vor Beschädigung geschützt werden. Dann sollen sie über den gesamten Globus verteilt werden. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass der Nachwelt wenigstens eine Scheibe erhalten bleibt. Der wichtigste Teil des Rosette-Projekts wird aber weniger diese analoge Scheibe sein, sondern eine digitale Datenbank von Wortlisten für 4000-5000 Sprachen, welche die Gruppe demnächst fertig stellen will. "Digitale Wortlisten sind bereits für 2000 Sprachen erstellt", erläutert Mason, "die Hälfte davon steht schon im Internet. Die Wissenschaftler des Santa-Fe-Instituts, spezialisiert auf interdisziplinäre Projekte, warten bereits auf diese Daten, um ihre Analysen zu Sprachwandel und Migration von Bevölkerungsgruppen zu verbessern."

Um Lücken in der Datenbank zu füllen, stellte das Rosette-Team vergangenes Jahr eine Website (www.rosettaproject.org) ins Internet. Erforscher und Sprecher von Minderheitensprachen können dorthin Wortlisten, Tonaufnahmen und Grammatiken liefern oder vorhandene Dokumente überprüfen. Bis Juni haben 648 Freiwillige (darunter nach Masons Schätzung ein Viertel Sprachwissenschaftler) Material geliefert. Theoretisch können so die Sprecher von Sprachen, die im Aussterben begriffen sind, ihr Wissen zum Nutzen künftiger Generationen beisteuern. Praktisch gesehen sind derartige Sprecher leider zumeist alt, arm und in Computerdingen unerfahren. Kaum einer dieser letzten Zeugen ihrer Art verfügt über einen Zugang zum Internet.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 2002, Seite 64
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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