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Das intelligente Universum. Ein Blick zurück auf die Erde


Wer Kontakt zu außerirdischen Intelligenzen sucht, tut das in aller Regel nicht durch Ausstrahlen von Signalen, sondern durch Lauschen. Abgesehen davon, daß Senden erheblich teurer ist als Empfangen, spricht auch die Vorsicht dagegen: Wenn die Bewohner ferner Welten auch nur annähernd so egoistisch und gewalttätig sind wie unsereins, werden sie ihre – vielleicht überlegene – Technologie nutzen, uns zu erobern, sowie sie uns gewahr werden. Als der amerikanische Astronom Frank Drake, ein früher Verfechter des Projekts search for extraterrestrial intelligence (SETI), "eine einzige kurze Botschaft an einen 24000 Lichtjahre entfernten Sternhaufen übermittelte, beschwor der Direktor eines der britischen königlichen Observatorien, Sir Martin Ryle, ihn mit allem Nachdruck, nie wieder etwas so Übereiltes zu tun" (Seite 39).

Die gleichen Sorgen müßten sich allerdings auch unsere potentiellen Kommunikationspartner machen, mit dem Ergebnis, daß vielleicht Tausende technischer Zivilisationen, über die Galaxis verteilt, ihre Antennenschüsseln ins All richten - und alle nichts voneinander erfahren, weil sie zum Senden zu ängstlich sind.

Timothy Ferris, der an der Universität von Kalifornien in Berkeley Astrophysik lehrt, schildert in seinem Buch einen Ausweg. Ein Netz aus automatischen Sende-, Empfangs- und Datenspeicherstationen breitet sich - ursprünglich von irgendeiner Zivilisation in die Welt gesetzt – über das All aus: Jede Station ist so mit Daten ausgestattet und programmiert, daß sie ein Raumschiff bauen und zum nächsten Sternsystem schicken kann; das sucht sich dort einen rohstoffreichen Planeten, baut aus dessen Material eine weitere Station, die in Kontakt mit der Mutterstation tritt, und so weiter. Jede Station wickelt nicht nur den Funkverkehr zwischen verschiedenen Welten ab, sondern speichert auch alle Daten, deren sie habhaft werden kann.

Durch die verteilte Organisation ist das Netz so gut wie unzerstörbar. Selbst wenn ein Stern explodiert, ruiniert das zwar den lokalen Knoten, beeinträchtigt das Gesamtnetz aber nur mäßig. Es wäre auch für ängstliche Kulturen nutzbar, da man den Ursprungsort eines Signals, das sich in irgendeiner Folge von Station zu Station ausbreitet, verschleiern kann; und das Wichtigste: Es erlaubt eine – wenn auch einseitige - Kommunikation mit Kulturen, die während der Laufzeit des Signals untergegangen sind: "Man sollte den Wert einer solchen Anordnung nicht unterschätzen. Ich kann mich an einem Stück von Samuel Beckett erfreuen, der nicht mehr lebt, ohne mich zu sehr darüber zu ärgern, daß ich nicht mit ihm korrespondieren kann, und wenn ich ein Buch lese, einen Film sehe oder ein Computerprogramm ablaufen lasse, kommuniziere ich in gewisser Weise mit den Urhebern dieser Schöpfungen, egal ob sie tot sind oder leben" (Seite 45).

Ferris selbst ist SETI-Enthusiast und aktiver Lauscher; gleichzeitig ist er realistisch und ehrlich genug, einzugestehen, daß die Erfolgsaussichten jedes derartigen Projekts verschwindend gering sind. Wozu macht er es dann?

An dieser Stelle verläßt Ferris sein Thema für eine ausgedehnte Rundreise durch die populären Gebiete der Wissenschaft. Über das Seelenleben eines Hundes, den Aufbau des menschlichen Gehirns, dessen Funktion unter Stress, das Lachen, Todeserlebnisse und die Bedeutung globaler Katastrophen für die Evolution der Arten geht es bis zur profitablen und gleichwohl nachhaltigen Nutzung des Regenwaldes, zu zellulären Automaten, dem Human-Genom-Projekt und - wer hätte das gedacht - zur Heisenbergschen Unschärferelation. Was hat das alles miteinander zu tun?

Fast nichts, außer der Person des Autors. Der Rückweg von der Unschärferelation zum Titelthema gerät denn auch einigermaßen gewaltsam. Ferris zieht aus der berühmten Ungleichung der Quantenmechanik den üblichen Schluß, daß man einen physikalischen Prozeß nicht beobachten könne, ohne ihn zu beeinflussen. Andererseits zitiert er zustimmend den Physiker John Archibald Wheeler: "Keine Erscheinung ist eine Erscheinung, wenn sie keine beobachtete Erscheinung ist." Nur gehört für ihn zur Beobachtung zwingend, daß die zugehörige Information "an ein intelligentes Wesen übermittelt worden ist", was zwar dem umgangssprachlichen, nicht aber dem physikalischen Sinne des Wortes entspricht.

Wenn also morgen die Sonne "in die Luft fliegen und das gesamte Wissen der Welt vernichten" würde, dann wäre von aller menschlichen Wissenschaft am Ende nichts geblieben, und nicht nur das: Uns hätte es, da wir nicht beobachtet werden konnten, nie gegeben. "Wie vermeiden wir also die Sinnlosigkeit dieses trostlosen Abgangs? Indem wir das, was wir wissen, an fremde Intelligenzen übermitteln" (Seite 212).

Dieses Schlußkapitel ist Ferris persönlich wohl sehr wichtig; allerdings räumt er offen ein, "daß man es ohne irreparablen Schaden für seine geistige Entwicklung auslassen kann". Da muß ich ihm zustimmen.

Ich empfehle statt dessen, das Buch -unter Mißachtung des Titels - als eine Sammlung eigenständiger Essays aufzufassen. Für sich genommen sind die einzelnen Kapitel nämlich gut geschriebene und elegant übersetzte, in ihrer Eigenwilligkeit zum Teil sehr attraktive Mischungen aus Darstellung aktueller Forschung und Spekulation.

Im Kapitel "Der Interpret" beispielsweise beschreibt Ferris in geschickter Weise, daß es in unserem Gehirn eine Instanz gibt, die gewissermaßen nachträglich aus dem Durcheinander zahlreicher unabhängig arbeitender Komponenten des Geistes die Einheit der Person herstellt. Daß er auch noch spekulativ eine Analogie zur Benutzeroberfläche eines Computers oder seinem galaktischen Kommunikationsnetz zieht, schadet nicht, sondern bietet eher Anlaß, die eigene Phantasie weiterspielen zu lassen.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 1994, Seite 113
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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