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Das mathematische Mitmach-Museum

Staunen, spielen, schwatzen: Das neu eröffnete »Mathematikum« in Gießen zeigt, wie anregend Mathematik sein kann.


Johannes hat durchaus gemischte Erinnerungen an seinen Mathematikunterricht. Sein Lehrer präsentierte den Schülern die bekannte binomische Formel als »klim plus bim in Klammern zum Quadrat«, um sie mit der rechten Seite der Gleichung »klim Quadrat plus zwei klim bim plus bim Quadrat« zum Lachen zu bringen. Na ja – öfter als zweimal kann man über den »Klimbim« nicht lachen. Der Lehrer hat aber den Witz immer wieder gebracht; und sonst ist ihm zum Motivieren auch nicht viel eingefallen.

Inzwischen ist der kleine Johannes Bundespräsident und lässt für die Journalisten zwei Holzkugeln gleichzeitig auf zwei verschiedenen Bahnen herunterrollen, einer geraden und einer längeren, gekrümmten. Dann kommt die Überraschung: Die Kugel mit dem längeren Weg ist zuerst am Ziel. Ob der Herr Bundespräsident sich vorstellen könne, warum? Nicht wirklich. Dafür hat das Interesse an der Mathematik nicht gereicht, siehe oben.

Die richtige Erklärung würde auch eine Weile dauern und eine reichliche Dosis Variationsrechnung samt Zubehör erfordern. Das Schöne ist: Man muss es sich nicht unbedingt erklären können. Das Phänomen handgreiflich zu erfahren und zu bestaunen ist auch gut. Die Abstraktion, die formale Durchdringung des Gegenstandes, das, was die Mathematik »eigentlich« ausmacht: Das kann nachkommen, muss es aber nicht.

Dies ist das Grundprinzip des neuen mathematischen Mitmach-Museums »Mathematikum« in Gießen, das am 19. November 2002 in Gegenwart des Bundespräsidenten und weiterer hoher Gäste feierlich eröffnet wurde. Damit konnte Albrecht Beutelspacher, Professor für Mathematik in Gießen und Gründer des Museums, den spektakulären Erfolg seiner langjährigen Bemühungen feiern.

Seit 1994 hat seine Wanderausstellung »Mathematik zum Anfassen« an mehr als hundert Orten mit großem Publikumserfolg gastiert und ist dabei ständig weiterentwickelt worden (Spektrum der Wissenschaft 8/1998, S. 104). Auf dem interna­tionalen Mathematikerkongress 1998 in Berlin erhielt sie so etwas wie den Segen der Fachwelt.

Seitdem fand das Projekt eines Mathematikmuseums zunehmend Unterstützung. Die Stadt Gießen erwarb das ehemalige Hauptzollamt und stellte es dem Museum mietfrei zur Verfügung; 500000 Euro kommen vom hessischen Wissenschaftsministerium und 1,4 Millionen von der Europäischen Union. Weitere Einnahmen kommen aus privaten Spenden und aus der Wanderausstellung, die neben dem Museumsbetrieb fortgeführt werden soll. Im laufenden Betrieb soll das Museum ohne Zuschüsse auskommen.

Kinder bringen ihre Eltern mit

Inhaltlich hatten Beutelspacher und sein Team Pionierarbeit zu leisten, denn ein Museum, das ausschließlich der Mathematik gewidmet ist, gab es bisher nicht. Immerhin konnten sich die Museumsmacher das Grundkonzept bei diversen »Science Centers« in aller Welt abschauen: der Phänomenta in Flensburg, dem Experimentarium in Kopenhagen, dem Technorama in Winterthur und dem Exploratorium in San Francisco.

Die bislang etwa fünfzig Exponate sind äußerst solide gebaut, damit sie dem täglichen Ansturm von Schulklassen mit Acht- bis Dreizehnjährigen standhalten. Nachmittags und am Wochenende kommen die Kinder wieder und bringen ihre Eltern zum Staunen mit, so die Erfahrung aus den Wanderausstellungen – und die Wunschvorstellung für die Zukunft des Hauses, die bislang über die Maßen in Erfüllung geht. Unter großem Gedränge und mit entsprechendem Lärm machen sich die Besucher über die Zusammensetz-Aufgaben am Knobeltisch her, spielen mit dem Zahlenball, der durch den kraftvollen Luftstrom eines Ventilators in der Schwebe gehalten wird, und bewundern die wenigen Exponate, die nicht zum Anfassen sind. Darunter ist auch – die Bemerkung sei dem Spektrum-Redakteur gestattet – das fraktale Ikosaeder aus 1728 Dreiecks-Zwanzigflächnern, das die Teilnehmer unseres Geometriewochenendes in München im Januar 2001 aus Karton zusammengebastelt haben (Spektrum der Wissenschaft 3/2001, S. 96). »Wahnsinn« ist der Standard-Kommentar der Besucher.

Das Museum verfügt über weitere Flächen zum Ausbau. Seine unmittelbaren Nachbarn sind auf der einen Seite das Liebig-Museum, auf der anderen Seite die leer stehende alte Hauptpost, die ebenfalls einen hervorragenden Platz für ein Wissenschaftsmuseum zum Anfassen abgäbe.

Information

Mathematikum, Liebigstr. 8 (in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs), 35390 Gießen, Tel. 0641-9697970, Fax 0641-97269420, www.mathematikum.de. Geöffnet Montag bis Freitag 9–18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr, Samstag, Sonn- und Feiertage 10–18 Uhr. Eintritt 5,– (3,–) Euro.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2003, Seite 98
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2003

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