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Hirnforschung: Das menschliche Gehirn

Eine Gebrauchsanweisung
Aus dem amerikanischen Englisch von S. Schuhmacher, R. Seuß und C. Trunk. Walter, Düsseldorf 2001. 478 Seiten, € 34,90


Zusammenhänge zu begreifen, die vernetzt und in sich rückbezüglich sind, fällt dem menschlichen Verstand schwer. Unser Denken sucht nach einfachen Regeln, linearen Kausalitäten und scheitert bereits bei sehr geringen Graden von Rekursivität. Schon was in einem künstlichen neuronalen Netz aus wenigen Schichten und ein, zwei Rückkopplungen abläuft, kann ein Forscher zwar ausrechnen lassen, aber nicht gedanklich nachvollziehen. Was im menschlichen Gehirn mit seinen Abermilliarden kreuz und quer untereinander vernetzten Neuronen geschieht, entzieht sich dem Verständnis eben dieses Gehirns vollständig. Unser Denkorgan, so scheint es, ist nicht dazu geschaffen, sich selbst zu ergründen.

Mindestens aber, so meint John J. Ratey, Professor für Psychiatrie an der Harvard Medical School, wird es mit herkömmlichen Konzepten nicht gelingen. Was wir bräuchten, seien neue, gewagte und zunächst gewöhnungsbedürftige Metaphern, um neue Denkweisen zu etablieren. Und er kündigt solch eine metaphorische Herangehensweise im Verlauf des Buches an. Ob er damit Recht und womöglich Aussicht auf Erfolg hat, sei dahingestellt. Der Versuch, der Komplexität des Gehirns mit einer selbst erfundenen, poetischen Redeweise nahe zu kommen, wäre jedenfalls ein sehr spannendes Unterfangen gewesen.

Doch nichts von alledem. Nach der Einleitung macht Ratey sich zunächst auf, das ganze riesige Feld der Hirnforschung zu pflügen. Er reißt die Gehirnentwicklung ab, ackert sich durch Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Bewegung, Gedächtnis, Gefühle, Sprache, aber er kratzt dabei nur an der Oberfläche und fördert keinen der Schätze zu Tage, die er versprochen hat.

Mehr noch: Im Kapitel "Entwicklung" bekennt er sich zu Gerald Edelmans Theorie des "Neuronalen Darwinismus" und stellt zwei Grund- und Leitsätze auf: "Gemeinsam feuernde Neuronen verschalten sich auch" und "Was nicht benutzt wird, geht verloren".

Dass diese Sätze nirgendwo fassungsloses Staunen oder wilde Begeisterung hervorrufen werden, ist nicht tragisch. Schlimm ist, dass weder Edelmans Theorie noch diese beiden – immerhin als "wichtigste Grundsätze des Buches" bezeichneten – Aussagen auf den folgenden 400 Seiten je wieder eine Rolle spielen. Es gibt keinen roten Faden, kein leitendes Erkenntnisinteresse, keine Spannung, keinen Vorwärtstrieb. Selbst die titelgebende Idee mit der Gebrauchsanweisung, aus der man durchaus etwas hätte machen können, kommt nie wieder vor. Nirgendwo auch nur ein Schimmer von Brillanz, nirgends eine eigene Idee. Die Führung durch das spannendste Organ unseres Körpers wird schon bald quälend langweilig. Ratey hat nichts zu sagen. Aber er hat ein großes Mitteilungsbedürfnis.

Dabei ist seine Darstellung der Neuropsychologie durchaus kundig und umfassend. Ratey kennt sein Fach, er ist in vielen Forschungsbereichen auf dem neuesten Stand und versteht offensichtlich, wovon er redet – auch wenn häufige Unsauberkeiten oder kleine Fehler die Lektüre ärgerlich machen. Für ein Lehrbuch oder eine Einführung jedoch ist die Fülle kurzer Abschnitte zu unübersichtlich; selbst innerhalb eines Kapitels ist keine Linie zu erkennen. Ratey bietet Wissensbrocken, keine Zusammenhänge. Überdies sind die Grafiken für ein Lehrbuch viel zu spärlich und auch nicht sonderlich instruktiv.

Kurz vor Schluss immerhin kommt Ratey doch noch dazu, eine neue, eigene Metapher für die Arbeitsweise des Gehirns vorzustellen: Die vier Funktionsbereiche des Gehirns – "Wahrnehmung", "Aufmerksamkeit, Bewusstsein, Kognition", "Zentralfunktionen" sowie "Identität und Verhalten" – seien vier Theater, die in genannter Reihenfolge an einem Fluss liegen, auf welchem die Information fließt. Diese Verquickung zweier Bildwelten, die nichts miteinander zu tun haben, ist beinahe komisch. Und es wird nicht klar, weshalb Ratey Theater gewählt hat, denn die Aspekte von Bühne und Beobachter, die dem "kartesianischen Theater" einen Platz in der Neurophilosophie verschafft haben, spielen bei ihm überhaupt keine Rolle. Vor allem aber ist die Linearität eines Flusses als Bild für das hochgradig rekursive Gehirn denkbar unangemessen. Ratey braucht nicht einmal eine Seite, um das selbst zu bemerken und die Metapher durch unmögliche Zusatzannahmen (aufwärts fließende Ströme) so zu zerhauen, dass man sich fragt, warum er sich nicht von vornherein etwas Besseres ausgedacht hat.

Wenn so die versprochene neue Metaphorik aussieht, dann werden wir das Gehirn wohl nie verstehen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 2002, Seite 103
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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