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Das Milliarden-Dollar-Molekül

Aus dem Englischen
von Sebastian Vogel.
VCH, Weinheim 1996.
404 Seiten, DM 48,-.

Joshua Boger, Absolvent der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts) und auch sonst das, was sich Amerikaner gemeinhin unter einem Wunderkind vorstellen, sprang Anfang 1989 von einer sicheren Karriere beim Pharmakonzern Merck & Co ab, um eine eigene Firma zu gründen und mit ihr auf die Suche nach dem "Milliarden-Dollar-Molekül" zu gehen: einer verbesserten Version des wirksamen, aber zu toxischen Immunsuppressivums FK-506. Die Milliarden sollten bei der Nachbehandlung von Organtransplantationen verdient werden; und der Weg zu dem Molekül sollte ein völlig anderer sein als das übliche Durchmustern Tausender von Naturstoffen und ihrer Derivate: Boger wollte sein Medikament durch rationales Design auf der Grundlage der Strukturinformation über sein Zielmolekül finden (Spektrum der Wissenschaft, Juni 1996, Seite 98). Dafür sah er in den verkrusteten Strukturen der pharmazeutischen Großindustrie nicht genügend Spielraum.

Boger gründete am Ort seiner Hochschule eine Firma namens Vertex, schmückte ihren wissenschaftlichen Beirat mit etlichen Professoren der Harvard-Universität und beschaffte Geld für den Start in zweistelliger Millionenhöhe, anfangs über eine Vermittlungsfirma für venture capital (das in den USA gebräuchliche Wort venture bezeichnet zugleich Risiko, geschäftliche Operation und Glück), später auch über Abkommen mit großen Firmen und schließlich durch den Börsengang; er stellte Wissenschaftler ein, die zunächst die Struktur von FKBP, dem Zielprotein des FK-506, aufklären und dann ein neues Medikament entwickeln sollten, das die Wirksamkeit von FK-506 mit besserer Verträglichkeit verbinden würde.

Wie die Geschichte ausgeht, soll hier nicht verraten werden. Aber man kann sich schon denken, daß alles anders kam als geplant, denn weder Wissenschaft noch Wirtschaft bewegen sich geradlinig und kalkulierbar voran. Wer sich also auf ein in beiden Aspekten so riskantes Projekt einläßt, muß nicht nur ein Wunder-, sondern außerdem ein Glückskind sein, um Erfolg zu haben.

Der Journalist Barry Werth hat die ersten Jahre von Vertex vom Beginn bis zu den ersten Silberstreifen am Horizont Ende 1992 mit einer geradezu manischen Vorliebe für biographische Details nachgezeichnet. In einem kurzen Epilog skizziert er die weitere Entwicklung bis zum Redaktionsschluß der 1994 erschienenen Originalausgabe. Die Wissenschaft bleibt in der Darstellung stets im Schatten der Wirtschaft – was der Realität im Überlebenskampf einer neugegründeten Biotechnologie-Firma entsprechen mag. Über die potentiell milliardenschweren Moleküle erfahren wir nicht sehr viel, aber um so mehr über die manisch-depressiven Wissenschaftler (in der Gründergeneration ausschließlich männlichen Geschlechts), ihre merkwürdigen Arbeitszeiten, ruinierten Familien, Männerfreundschaften und Machtkämpfe. Nicht gerade die allerbeste Image-Werbung – doch scheinen nahezu alle Beteiligten Werths Arbeit bereitwillig unterstützt zu haben.

So hell ist das Schlaglicht, mit dem Werth das Leben der Vertex-Gründer bis in die kleinsten privaten Tragödien ausleuchtet, daß für andere Personen nicht viel übrigbleibt. Ein schwacher Abglanz fällt noch auf Stuart Schreiber, der als akademisches Pendant zu Boger seine nicht weniger spektakuläre Karriere auf derselben Molekülklasse aufbaute, auf Schreibers Lehrer, den Chemiker und Nobelpreisträger von 1965 Robert B. Woodward, sowie schließlich auf den Transplantations-Chirurgen Tom Starzl, der die (umstrittenen) Pionierarbeiten für die Verwendung von FK-506 geleistet hat.

Jenseits dieses Kreises geht die Allwissenheit des Autors schlagartig gegen null. Auf Seite 183 erwähnt er zum Beispiel, Woodward sei bei der Suche nach einer preiswerten und praktikablen Synthese für Cortison von einer "kaum bekannten" Firma in Mexico City geschlagen worden. Die Erwähnung von Carl Djerassi hätte hier zu Woodwards Ehrenrettung beigetragen, ganz zu schweigen davon, daß Djerassis Lebensgeschichte ("The Pill, Pigmy Chimps and Degas' Horses", deutsch unter dem Titel "Die Mutter der Pille" 1992 bei Haffmans erschienen sowie 1996 als Taschenbuch bei Heyne) ebenfalls mit einem Milliarden-Dollar-Molekül zusammenhängt und mindestens ebenso spannend ist wie die vorliegende. Auch andere Wissenschaftler wie Gunter Fischer aus Halle und Franz Xaver Schmid aus Bayreuth, die wesentliche Erkenntnisse über Immunophiline beigetragen haben, bleiben ungenannt.

Gelegentlich ergeben sich aus der sehr oberflächlichen Behandlung der wissenschaftlichen Grundlagen Verfälschungen oder zumindest Übertreibungen, etwa wenn Werth dem FKBP auf Seite 150 "proteinfaltende Aktivität" zuschreibt. Beim Prinzip der kernmagnetischen Resonanz versäumt er zu erwähnen, daß die "kleinen Stabmagneten" im Magnetfeld zwei diskrete Zustände besetzen können und der Übergang zwischen beiden mit elektromagnetischen Wellen im Megahertz-Bereich resoniert; so bleibt auf Seite 204 unklar, warum die Magnete auf einmal anfangen sollten zu "schwingen".

Die Übersetzung ist im allgemeinen gut lesbar und wird dem journalistischen Charakter des Werkes gerecht, bleibt allerdings an manchen Stellen zu nahe an der englischen Idiomatik, wodurch bisweilen merkwürdig klingende Formulierungen entstehen.

Alles in allem ist das Buch jedoch ein spannend geschriebener Report über den Kampf ums Dasein in der industriellen Pharmaforschung – sowohl über den Kampf der Wissenschaftler mit ihrem inneren Schweinehund und mit widerspenstigen Molekülen als auch über den der kleinen Firma Vertex und ihrer Manager mit nicht minder widerspenstigen Finanzmärkten. Man sollte gelegentlich das "Wall Street Journal" konsultieren, um zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1997, Seite 137
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 6 / 1997

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