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Winters' Nachschlag: Das Reinhard-Mey-Kartoffelexperiment

In manchen Familien haben geistige Überflieger einfach keine Chance.
Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum es in der Geschichte der Menschheit so wenige wirkliche Genies gegeben hat? Die bittere Wahrheit lautet: Es gibt tatsächlich viel mehr Menschen, die im Prinzip zu außerordentlichen intellektuellen Leistungen fähig wären, aber tragischerweise bleiben diese Anlagen im Ansatz stecken. Ein besonders bemitleidenswertes Opfer dieses Umstands – Sie ahnen es schon – bin ich selbst.

Nun gut, ich komponierte nicht wie Mozart im Kindesalter meine ersten Opern. Immerhin dilettierte ich eine Zeit lang auf Geige und Blockflöte, bis die Lackmanns von nebenan mit Klage drohten. Dennoch stand mir mit Sicherheit eine große Zukunft als Universalgenie bevor – bis das Schicksal zuschlug in Gestalt der Epigenetik, die Christian Wolf in seinem Artikel ab S. 28 vorstellt. Genauer gesagt, manifestierte es sich als ein Kartoffelexperiment, das ich als Elfjähriger durchführte.

In einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift hatte ich gelesen, dass sich Pflanzen besser entwickeln, wenn man sie mit klassischer Musik beschallt. Getrieben von jugendlichem Entdeckerdrang konstruierte ich im Hobbykeller unverzüglich einen Versuchsaufbau, bestehend aus einem Blumentopf (Geranie raus, aus der Küche geklaute Kartoffel rein) und dem Kassettenrekorder meines älteren Bruders Stephan. Alles streng wissenschaftlich, inklusive einer Kontrollkartoffel im Heizungskeller.

Zusätzlich hatte ich aus einem alten Wecker und einem zerschnittenen Netzkabel eine Zeitsteuerung für den Rekorder gebastelt. Schließlich sollte die Beschallung nicht ununterbrochen laufen, damit die Kartoffel nicht gegenüber der Musik abstumpft. Mein missgünstiger Bruder zweifelte aus fadenscheinigen Gründen an der Relevanz meines Experiments: Geschälte Kartoffeln würden nicht mehr wachsen, Reinhard Mey sei kein Vertreter der klassischen Musik, und so weiter. Unbeeindruckt von solch kleinlichen Einwürfen wartete ich fieberhaft auf den nächsten Morgen, der meine Thesen mit Sicherheit bestätigen würde.

Pustekuchen! Meine Familie stellte anderntags unter Beweis, dass in ihr jede geniale Regung erbarmungslos ausgemerzt wird. Aus dem wutschäumenden Geschimpfe meines Vaters rekonstruierte ich folgenden Ablauf der Ereignisse in der vorigen Nacht: Etwa Viertel nach drei hatte eine ohrenbetäubende Endlosschleife des Reinhard-Mey-Songs "Gute Nacht, Freunde" die Lackmanns geweckt, deren Schlafzimmer dummerweise direkt an den Hobbykeller grenzte.

Nachdem die Nachbarn Sturm geklingelt und meine Eltern aus dem Bett geholt hatten, war mein Vater in den Keller gerannt, um mein Experiment zu unterbrechen. Dabei hatte er von der Zeitschaltung einen saftigen Stromschlag einkassiert. Zu meinem Entsetzen musste ich schließlich auch noch feststellen, dass meine Mutter die Kartoffeln in den Kompost entsorgt und ihre Geranien wieder sorgfältig in den Blumentopf eingepflanzt hatte.

Was das alles mit Epigenetik zu tun hat? Na, ich habe immer noch keinen Nobelpreis! Warum, das beantwortet der genannte Artikel bis ins letzte biochemische Detail: Durch die traumatischen Folgen meines Kartoffelexperiments müssen sich Methylgruppen an die für Genialität zuständigen Gene in meinem Erbgut angelagert haben. Dadurch sind nun diese Gene auf Dauer blockiert worden – was alle bahnbrechenden Entdeckungen, die mir bereits auf der mentalen Zunge lagen, für alle Zukunft vereitelte.

Wie mir erst kürzlich klar wurde, hat diese Tragödie sogar eine familiäre Dimension. Mein Großvater erzählte mir einmal, auch er habe von seinen Eltern nichts als Verachtung geerntet, bloß weil sein genialer Grüßautomat dem Onkel Herrmann einen Finger ins Auge gestochen habe! Damit steht wohl eins fest: Hätte meine Familie Albert Einstein hervorgebracht, wäre der nie aus seinem Schweizer Patentamt herausgekommen.
November 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist November 2009

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