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Das schleichende Übel

Patienten im mittleren Alter verlieren Zähne eher durch Parodontitis als infolge von Karies. Denn oft wird die Krankheit zu spät erkannt.


Es beginnt ganz harmlos mit ein wenig Zahnfleischbluten beim Zähneputzen. Ohne gute Mundhygiene bilden sich im Laufe von etwa zwanzig Jahren Zahnfleischtaschen, ohne dass der Patient dies wahrnimmt. Häufig schwindet dann auch das Zahnfleisch und die empfindlichen Zahnhälse liegen mehr und mehr frei. Im fortgeschrittenen Stadium beginnen schließlich die Zähne zu wackeln, und manchmal wandern sie sogar einige Millimeter zur Seite oder nach vorne. Am Schluss fallen sie aus oder müssen gezogen werden.

Dieser Prozess der Parodontitis, fälschlicherweise meist "Parodontose" genannt, kostet Menschen im mittleren Alter mehr Zähne als die eher beachtete Karies. Dabei ist diese Entzündung des Zahnhalteapparates (fachlich "Parodont") im frühen Stadium sehr leicht zu behandeln, in späteren allerdings nur mit erheblichem Aufwand.

Ursache ist ein bakterieller Belag, der sich auf der Oberfläche der Zahnwurzel, also unterhalb des Zahnfleischrandes bei schlechter Mundhygiene ausbildet. Insbesondere regelmäßiges Reinigen der Zahnzwischenräume kann dem entgegensteuern.

Diese Mikroorganismen produzieren Enzyme und Giftstoffe, die wiederum die bindegewebeartige Wurzelhaut angreifen, die ein elastisches Kissen um die Wurzel bildet und mit Kollagenfasern den Zahn im Kieferknochen verankert. Zudem "verkalkt" der Biofilm auf der Seite der Zahnwurzel zu Zahnstein, dessen raue, zerklüftete Oberfläche weiteren Bakterien das Anheften und Bewachsen erleichtert.

Auch das Zahnfleisch ist durch Bindegewebsfasern mit dem Zahnhals verbunden. Die Lockerung dieser Struktur bringt eine Tasche hervor, in der sich nun die weitere Entzündung abspielt. Das Immunsystem versucht, die Infektion in den Griff zu bekommen, und sei es durch Opfern des Zahns, also weiteren Abbau des Halteapparates. Wie sinnvoll dieses Vorgehen ist, zeigen medizinische Studien der letzten zehn Jahre. Die relativ große Wundfläche der Infektionsherde wirkt nämlich auf den gesamten Organismus und fördert beispielsweise Herz-Kreislauferkrankungen; Schwangere mit unbehandelter Parodontitis gebären häufiger untergewichtige Kinder als gesunde.

Behandlung tut also Not, zumal auch der Kieferknochen durch wiederholte Entzündungen Substanz verlieren kann – daher das Wandern von Zähnen. Die Devise lautet schlicht: Entfernen von Biofilm und Zahnstein, damit der Halteapparat, unterstützt durch sorgfältige Mundhygiene und Nachsorge, ausheilt.

Wer im frühen Stadium der Erkrankung den Arzt aufsucht, kommt mit einem "minimal-invasiven" Eingriff davon: Unter örtlicher Betäubung nutzt der Therapeut die Zahntasche als Eingang, um den Biofilm und Zahnstein mit so genannten Küretten zu entfernen. Das sind schmale scharfe Löffel, mit denen der Zahnstein "weggekratzt" und die Wurzel schabend gereinigt wird. In schwereren Fällen muss er das Zahnfleisch von der Wurzel ablösen, zurückklappen und nach der Reinigung wieder festnähen. Etwa 95 Prozent der Fälle lassen sich so erfolgreich behandeln. Die restlichen fünf Prozent benötigen noch aufwendigere Techniken.

Den sehr fest haftenden Zahnstein mit der Kürette zu entfernen, kostet einiges an Kraft. Deshalb kamen 1955 Ultraschallscaler auf den Markt. Sie sollten den Belag durch Vibrationen zertrümmern. Elektrisch angetrieben schwingt eine schlanke konische Spitze 25000- bis 40000-mal pro Sekunde. Diese Geräte wurden in den letzten Jahren weiterentwickelt, jedoch ist auch mit neueren nur im oberen Taschenbereich die vollständige Zahnsteinentfernung möglich.

Nachteil dieser Geräte ist, dass die hohen Frequenz von den Patienten als eher unangenehm empfunden werden und dass sich die Spitze stark erwärmt. Dem wirkt eine Wasserspraykühlung entgegen, doch der Spraynebel (fachlich Aerosol) kann Bakterien in der Raumluft verteilen, sodass eine gute Luftabsaugung durch die Zahnarzthelferin erforderlich ist. Als weiteres Gerät zu mechanischen Zahnsteinentfernung durch Vibrationen sind Airscaler im Gebrauch, die mit niedrigeren Frequenzen um 3000 bis 6000 Schwingungen pro Sekunde (Hertz) arbeiten. Diese werden pneumatisch, ähnlich wie eine Zahnarztturbine angetrieben. Die Vor- und Nachteile sind mit den Ultraschallgeräten vergleichbar.

Bei fortgeschrittener Erkrankung muss bei beiden Systemen das Zahnfleisch weggeklappt werden, um den Zahnstein erreichen zu können. Problematisch erweisen sich insbesondere die schwer zugänglichen Mehrfachwurzeln von Backenzähnen. Dafür werden seit 1988 Airscaler mit Arbeitsspitzen verwendet, die mehrfach abgewinkelt sind und eine diamantierte verdickte Spitze zur gezielten Wurzelbearbeitung besitzen. Ein neuartiger Ultraschallscaler mit linear schwingender Arbeitsspitze und geringerer Wärmeentwicklung wurde an der Universität Tübingen entwickelt.

Der Wunschtraum wäre natürlich ein Scaler, der den Zahnstein geräuschlos ohne jeden mechanischen Druck und möglichst selektiv abträgt. Seit etwa 1990 sind entsprechende Lasersysteme in der Erprobung. Durch eine Heranführung des Laserlichtes über keilförmige Lichtleiter an die Wurzeloberfläche lässt sich auch tief liegender Zahnstein erreichen. Nur die innersten Wurzelbereiche großer Backenzähne bereiten auch hier noch Probleme. Lichtpulse aus einem Erbium-YAG-Laser, die im Wasser des Zahnsteins stark absorbiert werden, bringen den Zahnstein sozusagen zur Explosion, und zwar bei richtiger Anwendung ohne die darunter liegende Wurzel stark zu beschädigen. Es werden nur geringe Rauigkeiten erzeugt, die für die Heilung nicht von Nachteil sind. Langzeitstudien stehen aber noch aus.

Alle technischen Raffinessen können aber nur eines: Den akuten Prozess stoppen. Ein erneutes Aufflammen muss die regelmäßige Nachsorge und die tägliche Mundhygiene des Patienten verhindern. Die Nachsorge wird in der Schweiz seit fast dreißig Jahren durch speziell ausgebildete zahnärztliche Fachhelferinnen, so genannte Dentalhygienikerinnen, durchgeführt. In Deutschland oder Österreich sind diese für die Behandlung unersetzlichen Fachkräfte leider nur vereinzelt in den Praxen tätig (in Deutschland weniger als hundert). Das Wichtigste für den Langzeiterfolg der Behandlung ist jedoch die tägliche Reinigung der Zahnzwischenräume durch den Patienten und hier zählen Deutschland und Österreich noch zu den Entwicklungsländern.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2001, Seite 90
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2001

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