Direkt zum Inhalt

Spieltheorie und Terrorismus: Das Täter-Opfer-Dilemma

Die Theorie der asymmetrischen Informationen lässt befürchten, dass bei Flugzeugentführungen künftig mörderische Verhaltensweisen vorherrschen werden.


Die Attentate auf das World Trade Center sind der schlagende Beweis für das eherne Gesetz, welches die condition humaine beherrscht: Ich sehe, was du machst, ich höre, was du sagst, aber ich weiß nicht, was du denkst. Eine Boeing 737 über Manhattan kann ein Linienflugzeug sein, das nach La Guardia unterwegs ist, aber auch eine Bombe, welche die Zwillingstürme ansteuert. Bis vor kurzem hatte man nur die erste Hypothese in Betracht gezogen, niemand beachtete die zweite. Nur die Entführer selbst kannten die Wahrheit.

Die moderne Ökonomie hat die Folgen asymmetrischer Informationen untersucht: John C. Harsanyi (der 1994 den Wirtschafts-Nobelpreis erhielt) hat eine solche Analyse auf Spiele angewandt; die diesjährigen Preisträger Joseph Stiglitz, George Akerlof und A. Michael Spence haben in ihren Arbeiten Märkte mit asymmetrischen Informationen erforscht (siehe Seite 24 in diesem Heft).

In einer Situation, an der mehrere Akteure beteiligt sind, hängen deren Handlungen ab von den Annahmen, die sie über die Absichten der anderen Beteiligten machen. Aus dieser Sicht ist das Schachspiel, wie übrigens auch alle anderen Gesellschaftsspiele, besonders einfach: Hier gibt es nämlich keinen Zweifel über die Absichten des Gegners, welcher die Partie gewinnen oder zumindest nicht verlieren will. Wird aber ein Flugzeug von seinem Kurs gezwungen, so ist die Situation schwieriger. Der Ausgang hängt davon ab, was die einen bezüglich der leider unbekannten Absichten der anderen vermuten.

Bis zum 11. September gingen Passagiere, Besatzung und Bodenpersonal davon aus, dass die Aggressoren soweit wie möglich Leben, insbesondere das ihrige, schonen wollen, um in den Besitz von Lösegeld zu gelangen. Deshalb ergab sich ein relativ friedliches Verhalten seitens der Opfer, das darauf abzielte, die Sicherheit des Flugzeuges möglichst nicht zu gefährden. Gehörten die Entführer zur klassischen Art, also zu jener, die etwas im Austausch bekommen wollte, so ergab sich eine informelle Übereinstimmung zwischen den Entführern und ihren Opfern auf der Basis von "Verhalte dich ruhig, und es wird dir nichts geschehen". So etwas nennt man in der Spieltheorie ein Gleichgewicht: Das ist eine Situation, in der jeder genau vorhersehen kann, was die anderen machen werden, und in der er durch sein eigenes Verhalten die Annahmen des anderen bestätigt.

Das große Verdienst von Harsanyi besteht darin, dass er als Erster erkannt hat, dass diese Analyse unzureichend ist. Will man eine menschliche Situation verstehen, so muss man die Annahmen berücksichtigen, die jeder bezüglich der Absichten der anderen hat. Und noch mehr: Auch die Ansichten, die man bezüglich der Ansichten der anderen über die eigenen Absichten hegt. Des Weiteren auch die Ansichten der anderen bezüglich der eigenen Ansichten über die Absichten der anderen und so weiter. Auf den ersten Blick erscheint dies als eine wahrhaft mathematische Idee, die viel komplizierter zu sein scheint als die Realität. Aber betrachten wir mal ein Beispiel:

Vier Flugzeuge starten; an Bord jeder dieser Maschinen befinden sich Piraten neuen Typs: Diese wollen das Flugzeug auf ein Ziel stürzen lassen. In drei der Flugzeuge gelingt es den Piraten, ihre Absichten bis zum bitteren Ende zu verheimlichen, und so ihr trauriges Anliegen zu verwirklichen. Im vierten indessen erfahren die Insassen durch ein Telefongespräch, was sie erwartet. Sie rebellieren, und das Flugzeug zerschellt am Boden, ohne seine Mission zu erfüllen.

Worin besteht der Unterschied? Wohl gemerkt ahnten die Opfer im ersten Fall nichts von ihrem Schicksal; sie verhielten sich folglich gemäß den Regeln, die gegenüber klassischen Luftpiraten Anwendung finden. Im vierten Fall hingegen wussten die Insassen, dass ihre Entführer Piraten neuen Typs waren. Nach Harsanyi ist dies aber noch nicht ausreichend: Man muss nämlich die Situation auch aus Sicht der Piraten betrachten. Im ersten Fall wussten die Piraten um die Unwissenheit der Passagiere; im letzten Fall wussten sie aber nicht um die Kenntnis der Opfer (genauer gesagt: sie wussten nicht, dass ihre Opfer wussten). Um den Unterschied zu verstehen, stellen wir uns eine dritte Situation vor: In dieser wissen die Opfer, und die Piraten wissen, dass die Opfer wissen. Dann bleibt den Piraten als einzige Reaktion, alle Passagiere zu töten, denn es gibt für diese nur die Option, die Piraten möglichst schnell außer Gefecht zu setzen.

Aber das ist nicht immer hinreichend: Man muss auch die Annahmen der Opfer bezüglich der Absichten, welche die Piraten ihnen zuschreiben, berücksichtigen. In der Tat zerfällt Fall 3 in zwei Unterfälle, sagen wir 3a und 3b. In beiden Unterfällen wissen die Opfer, und die Piraten wissen, dass ihre Opfer wissen. Im Fall 3a aber wissen die Opfer nicht, dass die Piraten wissen, dass sie wissen (etwa weil ein Passagier einen Telefonanruf erhält, von dem er glaubt, er sei seitens der Piraten unbemerkt geblieben, obwohl diese ihn bemerkt haben). Im Fall 3b wissen die Opfer, dass die Piraten wissen, dass sie wissen (etwa weil das Fernsehen an Bord die Bodenprogramme weiterhin empfangen hat, in denen der Absturz der anderen Flugzeuge als Sondermeldung gebracht wurde). Es sei dem Leser überlassen zu überlegen, welche Verhaltensweisen in diesen Fällen angezeigt sind, wobei man wissen sollte, dass diese wahrscheinlich unterschiedlich sein werden.

Kurz gesagt: Weil wir nicht in die Köpfe der anderen schauen können, sind wir stets darauf angewiesen, Hypothesen über das, was in diesen Köpfen vorgeht, aufzustellen und nach diesen zu handeln. Die anderen stellen ebenfalls ununterbrochen Hypothesen über die Vorgänge in unserem Kopf auf und handeln demgemäß. Die meisten dieser Hypothesen werden durch die Handlungen bestätigt, die sich aus ihnen vernünftigerweise ergeben: den Begriffen der Spieltheorie zufolge ein Gleichgewichtszustand. Allerdings sind diese Gleichgewichtszustände größtenteils konventionell in dem Sinne, dass sie auf unseren Hypothesen beruhen, das heißt auf unseren Annahmen, die anderen betreffend. Ändert man diese Annahmen, so ändern sich die Handlungen. So ändert sich nach und nach die ganze Struktur, bis man ein anderes Gleichgewicht erreicht.

Flugzeugentführungen werden in Zukunft nie mehr so sein wie früher. Das alte Gleichgewicht ist zerstört, weil die Opfer nie mehr die Hypothese vernachlässigen können, dass es sich um Selbstmordattentäter handelt. Schlimmer noch: Immer nach dem Prinzip "Ich sehe, was du machst, ich höre, was du sagst, aber ich weiß nicht, was du denkst" können die Piraten, selbst wenn sie vom klassischen Geiselnehmertyp sind, ihre Opfer hiervon nicht mehr überzeugen, obwohl das im Interesse aller Beteiligten wäre! Sollte es zu neuen Flugzeugentführungen kommen, so besteht grundsätzlich die Gefahr, dass sie blutig verlaufen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 2001, Seite 90
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

Kennen Sie schon …

Spektrum der Wissenschaft – Mathematische Spiele und Strategien: Mathematische Spiele und Strategien

Ziegenproblem: Ist hinter der nächsten Tür eine Ziege oder das Auto? • Gefangenendilemma: Kooperieren, betrügen oder ganz aussteigen? • Strategien der besten Wahl: Wie lange soll die Prinzessin auf den Traumprinzen warten?

Gehirn&Geist – Sternstunden der Psychologie: Sternstunden der Psychologie

Modelllernen: Wann Kinder Gewalt imitieren • Macht der Gruppe: So leicht manipulieren uns andere • Freier Wille: Entscheidet Ihr Hirn, bevor Sie es tun? • Dissonante Gedanken: Wie wir uns täuschen, ohne es zu merken

Spektrum Kompakt – Hass - Wie er die Gesellschaft spaltet

Eine kritische Bemerkung, und ein Shitstorm droht. Ein anderes Aussehen, eine andere Meinung, ein anderer Lebensstil: Sofort greifen Kritiker ungehemmt an. Hass ist ein gefährliches und zerstörerisches Gefühl. Wie geht man selbst, wie geht eine Gesellschaft damit um?

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!