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Königtum: David und Salomo – nur ein Mythos?

Ein einziges Mal in ihrer Geschichte waren die Stämme Israels unter einem gemeinsamen Königshaus vereint. Obwohl dessen geschichtliche Wahrheit umstritten ist, prägte es die weitere Entwicklung noch nach dem Zerfall des Gesamtreichs.

Wer die Schriftzeugnisse des Alten Orients studiert, wird verblüfft feststellen, dass die mächtigen Könige David und Salomo offenbar nur den Autoren der Bibel bekannt waren – kein ägyptischer und kein mesopotamischer Text erwähnt sie. 1993 und 1994 entdeckte aber der israelische ­Archäologe Avraham Biran bei Grabungen in Tel Dan zumindest Fragmente einer aramäischen Königsinschrift aus dem 9. Jahrhundert v. Chr., die von einem "Haus Davids" sprachen. Der französische Epigrafiker André Lemaire vertrat 1994 zudem die Ansicht, auch an einer nur schlecht erhaltenen Stelle der so genannten Mescha-Inschrift sei sie zu lesen. Die Kombination des Wortes Haus mit dem Namen eines Dynastiegründers ersetzte in altorientalischen Texten häufig die Bezeichnung eines ganzen Landes. Zumal die letztgenannte Inschrift Eroberungen des Königs Mescha von Moab in Gebieten Israels und Judas rühmt, zweifelt kaum noch ein Experte an der historischen Wirklichkeit Davids und damit der Königtümer Israel und Juda im 11. und 10. Jahrhundert v. Chr.

Allerdings dürften beide bei Weitem nicht so glorreich gewesen sein, wie es die Bibel schildert. In der fraglichen Zeit lebten westlich des Jordans etwa 40 000 bis 50 000 Bauern, die dem Bergland kleine Ackerflächen abtrotzten sowie Schafe und Ziegen hielten. Ihr Leben war ärmlich, die Erträge reichten kaum zum Überleben. Ständig mussten sie Überfälle durch Beduinen und Habiru genannte bewaffnete Banden befürchten; zudem expandierten die Philister in die hoch gelegenen Gebiete. Eine feste, übergreifende politische Organisation gab es nicht. Zwar hatten sich mittlerweile die in der Bibel gelisteten Stämme herausgebildet: Ascher, Naftali, Sebulon, Issaschar, Manasse, Gilead, Machir, Ruben, Gad, Efraim und Benjamin. Sie bildeten aber nur ein loses Stammesbündnis namens Israel, in dem man einander nur dann half, wenn es sich für einen selbst lohnte. War beispielsweise der fragliche Kriegsschauplatz weit entfernt und drohte obendrein keine Gefahr für das eigene Territorium, dann hielt man sich gerne zurück. …

Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 4/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 4/2015

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