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Paläontologie: Der Aufbruch der frühen Menschen

Woher kommt der moderne Mensch, wie sahen unsere Urahnen aus, wie entwickelten sie sich weiter, und wie gestalteten sie ihr Alltagsleben? Eine Ausstellung in Mannheim gibt die Antworten.


Zahlreiche in den letzten Jahren gefundene Artefakte und Knochenreste haben ein neues Bild darüber entstehen lassen, wie sich der Mensch in der Altsteinzeit anschickte, Europa zu besiedeln und sich wechselnden Klimabedingungen und Landschaftsverhältnissen anzupassen. Die Ausstellung "MenschenZeit – Geschichten vom Aufbruch der frühen Menschen", die gegenwärtig in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim zu sehen ist, widmet sich mit unkonventionellen Inszenierungen diesem wichtigen Teil der Menschheitsgeschichte.

In mehreren Erlebnisräumen können sich die Besucher auf eine spannende Zeitreise durch die Welt unserer steinzeitlichen Vorfahren begeben. Wenn, wie in dieser Ausstellung, mit allen Sinnen erfahrbare Geschichten vom Aufbruch der frühen Menschen erzählt werden, verwandeln sich die Exponate gewissermaßen zu lebendigen Hauptdarstellern.

Unsere Kenntnis von der Frühgeschichte des Menschen in Europa hat vor rund hundert Jahren eine spektakuläre Erweiterung erfahren: In einer Sandgrube nahe der Ortschaft Mauer bei Heidelberg wurde im Oktober 1907 der Unterkiefer eines Urmenschen entdeckt. Otto Schoetensack, der an der Universität Heidelberg Urgeschichte lehrte und die Arbeiten an der Sandgrube jahrelang wissenschaftlich begleitete, beschrieb diesen Menschentyp als Homo heidelbergensis. Bis heute repräsentiert dieser Fund mit einem Alter von rund 700000 Jahren den ältesten Mitteleuropäer.

Eine nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen durch das Atelier Wildlife Art in Breitenau erstellte Büstenrekons­truktion vermittelt dem Ausstellungsbesucher, wie der Urmensch von Mauer ausgesehen haben könnte. Aus gutem Grund wird die Büste des Homo heidelbergensis ohne Körperfarben und -behaarung präsentiert. Denn diese Elemente sind aus Knochenfunden nicht zu erschließen und wären deshalb reine Spekulation und künstlerische Freiheit. Die Rekonstruktion der Weichteile hingegen ist recht gut möglich, denn die Ansatzstellen von Muskulatur und Gewebe lassen sich auf den Knochen erkennen. Daraus können auch Rückschlüsse auf die Stärke der Muskeln gezogen werden. Wer möchte, kann am Computer der Büste Augen- und Hautfarbe sowie Körperbehaarung hinzufügen und sich ein eigenes Bild vom Urmenschen von Mauer machen.

Über einen als Höhle gestalteten Erlebnisraum tauchen die Besucher in einen anderen Abschnitt der Menschheitsgeschichte ein: in die Welt der Neandertaler. Die Höhle ist eine Nachbildung eines der bedeutendsten urgeschichtlichen Höhlenfundorte der Welt, des "Hohle Fels" bei Schelklingen auf der Schwäbischen Alb. Die realistische Höhlenatmosphäre entsteht jedoch nicht nur durch den optischen Eindruck, der durch Abformungen des Originals erzeugt wird, sondern auch durch Einbeziehen der Gehör- und Geruchssinne. Tropfgeräusche und Halleffekte sowie ein speziell entwickelter Erdgeruch lassen die wirkliche Höhlenwelt perfekt nachempfinden. In die Höhlenwände und -gänge eingearbeitete Bereiche präsentieren anhand von Fundstücken und Rekonstruktionen lebensnahe Geschichten aus dem Alltagsleben der damaligen Jäger und Sammler: Wie wohnten die Wildbeuter, wie kleideten und ernährten sie sich, wie nutzten sie das Feuer, über welche Technologien verfügten sie, wie lebten sie zusammen, und wie gingen sie mit dem Tod von Mitmenschen um?

Am Ausgang der Höhle nimmt der Zeitreisende an einem Familientreffen der besonderen Art teil. An einem Spätsommer-Nachmittag vor etwa 30000 Jahren begegnen sich unter einem Felsdach eine Neandertalerfamilie und eine Familie des modernen Menschen. Während zwei Erwachsene an einer Feuerstelle das Abend­essen vorbereiten, spielen ein Neandertalerjunge und ein anatomisch modernes Mädchen mit einer Maus. Am Rande des Felsdaches hat eine Frau neue Klingen angefertigt, und aus dem Talgrund kehrt ein Neandertalermann mit einem erlegten Hasen von der Jagd zurück.

Diese Szenerie verbildlicht die aktuellen Fragen und Diskussionen um das Verschwinden der Neandertaler. Während noch Mitte der 1980er Jahre die Meinung vorherrschte, die "dummen" Neandertaler seien durch den "intelligenten" modernen Menschen ausgerottet worden, sind sich die Wissenschaftler heute einig, dass eine solche Ansicht völlig falsch ist. Funde belegen nämlich, dass Neandertaler und moderne Menschen mehrere tausend Jahre lang gemeinsam in Europa lebten. Sind die Neandertaler also aus weniger spektakulären Gründen ausgestorben, wie etwa durch eine erhöhte Kindersterblichkeit? Oder haben sie sich vielleicht mit den modernen Menschen vermischt und sind dadurch nach und nach in dessen Erbmaterial aufgegangen? Leben Neandertaler in gewisser Weise noch in unseren Genen fort (siehe "Der Ursprung lag in Afrika" auf S. 38)?

Im Jahr 1998 gelang die erste Analyse von Neandertaler-DNA. Das Erbmolekül hatte zuvor aus Knochenresten gewonnen werden können. Den Ergebnissen zufolge hatten sich die beiden Menschenformen nicht vermischt. Der letzte gemeinsame Vorfahre von Neandertaler und modernem Menschen sollte demnach vor rund 600000 Jahren gelebt haben. Mittlerweile wissen die Forscher aber, dass die bisherigen Analysen nicht ausreichen, um eine solche Aussage zu treffen.

Ebenfalls 1998 wurde unter einem Felsdach im Lagar-Velho-Tal in Portugal das 24500 Jahre alte Skelett eines Kindes entdeckt. Nach Ansicht einiger Wissenschaftler weisen anatomische Merkmale auf einen Mischling aus modernem Menschen und Neandertaler hin. Viele Forscher lehnen diese Interpretation jedoch ab. Die Diskussion um das Verschwinden der Neandertaler ist also noch immer offen.

Überleben am Ende der Eiszeit

Im Zusammenhang mit der Ankunft des modernen Menschen steht auch ein Seitengang der Höhle, in dem Musik und Kunst der Eiszeit lebendig werden. Knochen- und Geweihschnitzereien aus französischen Fundstellen zeugen von einer großen Kunstfertigkeit des damaligen Menschen. In einer außergewöhnlichen Lebendigkeit zeigen Figuren, Gravuren und Reliefs die bevorzugten Jagdtiere wie Wildziegen, Bisons, Rentiere und Wildpferde.

Eine von kalten Winden durchzogene, vegetationsarme Sand- und Kieslandschaft stellt den Lebensraum der Mammutjäger nach. Neben Wolf, Schnee-Eule, Wildpferd, Rentier und Vielfraß begegnen die Besucher hier auch einem Schädelabguss des größten Mammuts der Welt aus der letzten Eiszeit, gefunden in Siegsdorf bei Traunstein.

Wie zwei außergewöhnliche Holzfunde aus Mannheimer Kiesgruben belegen, verfügten die Menschen jener Zeit nicht nur über Geräte aus Stein und Knochen. Die Holzstücke weisen eindeutige Bearbeitungsspuren durch den Menschen auf. Solche Funde aus der jüngeren Altsteinzeit sind äußerst selten.

Vor etwa 12500 Jahren – kurz vor Ende der letzten Eiszeit – zogen jeden Sommer und jeden Winter Pferdeherden durch das Rheintal. Gruppen von Jägern hielten sich deshalb gerade zu diesen Jahreszeiten dort auf. Ihre Zelthütten bestanden aus einem Holzstangengestell, über das Pferdefelle gelegt wurden. Der Boden im Innenraum war mit Schieferplatten gepflastert. Eine Feuerstelle diente der Zubereitung von Nahrung und als Wärmespender. Reste von solchen Behausungen konnten in Gönnersdorf bei Koblenz ausgegraben werden; der Ausbruch eines Eifel-Vulkans hatte die Siedlungsspuren mit Bims überdeckt und dadurch für die neuzeitlichen Archäologen konserviert.

Die nächsten Schritte in der Ausstellung "MenschenZeit" führen in einen Birkenwald. Die Klimaerwärmung am Ende der letzten Eiszeit hatte diesen Landschaftswandel möglich gemacht. Die Jagd mit Pfeil und Bogen war verbreitet, und der Fischfang spielte eine nicht unerhebliche Rolle. Wie sich die damaligen Fischer als Insassen eines Einbaums fühlen mochten, kann selbst ausprobiert werden.

Der Übergang von den Jägern und Sammlern zu den Bauern und Hirten verlief fließend. Einerseits wurde hier und da schon in der Mittelsteinzeit auf kleinen Flächen Getreide angebaut, andererseits gab es auch zu Beginn der Jungsteinzeit noch Menschengruppen, die als Wildbeuter lebten. In der Ausstellung spiegelt sich dieser Übergang visuell und akustisch in der Rauminszenierung wider. Fast unmerklich wird der Zeitraum 7500 Jahre vor heute betreten. Schnell fällt der Blick auf einen Mann, der von einer zwei Keramiktöpfe tragenden Ziege begleitet wird. Vorbei an einem verlandeten Flusslauf mit quakenden Fröschen führen sie ihre Schritte über einen Pfad durch ein Kornfeld auf ein Dorf zu. Die Geräusche eines geschäftigen Treibens von Menschen und Tieren klingen herüber. Der Mann kommt aus dem Südwesten und ist ein Händler der La-Hoguett-Leute. Diese waren Bauern, ebenso wie die Bandkeramiker aus dem Dorf, jedoch stellten sie ihre Keramik in einer anderen Technik her. Zum Zweck von Tausch und Handel kam es in der Ober­rheinebene immer wieder zum Kontakt zwischen beiden Gruppen. Zahlreiche Werkzeug- und Keramikfunde aus der Umgebung von Mannheim sind Zeugnisse aus dem Alltag der ersten Bauern und Hirten, für deren Ernährung Jagen und Sammeln noch wichtig waren.

Auch für die Menschen der Jungsteinzeit war Feuerstein ein unentbehrlicher Rohstoff. Da dieser jedoch nur in bestimmten Regionen in gewünschter Qualität, Farbe und Eigenschaft vorkommt, entstanden an solchen Orten regelrechte Feuersteinbergwerke. Je nach Geländeform und Beschaffenheit des Untergrundes sowie der Lage des Feuersteinvorkommens gab es unterschiedliche Bergwerkstypen. Wie vor etwa 5000 Jahren der Feuersteinabbau erfolgte, ist Inhalt der letzten Geschichte vom Aufbruch der frühen Menschen. Am Hang eines Hügels war im Tagebau eine Terrassenfläche ausgegraben worden. Von dieser aus trieben die Bergleute anschließend mit Geweihhacken und Geröllschlägeln etwa ein Meter hohe Gänge – so genannte Weitungen – zwei bis drei Meter tief in den Berg. Der Abbau der Feuersteinlagen und -knollen erfolgte beim Gangvortrieb. Zur Stabilität ließ man zwischen einzelnen Weitungen Felsstützpfeiler stehen, teilweise waren sie durch Quergänge miteinander verbunden. Der in der Ausstellung gezeigte Abbau nimmt Bezug auf den Fundort Pleigne "Neumühlefeld III/Löwenburg" im Schweizer Kanton Jura.

Einhergehend mit den Bergwerksstandorten entwickelte sich quer durch ­Europa ein Handelsnetzwerk, in dem neben Feuerstein auch andere Waren wie Schmuck und Keramik gehandelt wurden – bis schließlich mit den Metallen Gold, Kupfer und Bronze gänzlich andere Werkstoffe auftauchten, die für eine neue Wende in der Kulturentwicklung sorgten.


Menschenzeit


Die Ausstellung "MenschenZeit: Geschichten vom Aufbruch der frühen Menschen" ist bis 18. Mai in den Reiss-Engelhorn-Museen, D5, 68159 Mannheim, zu sehen; geöffnet täglich 11–18 Uhr, montags geschlossen.

Der gleichnamige Ausstellungsführer, herausgegeben von A. Wieczorek und W. Rosendahl, ist im Verlag Philipp von Zabern erschienen und als Museumsausgabe für 11,80 oder über den Buchhandel (ISBN 3-8053-3132-0) für 15,80 erhältlich.

Informationen über das Begleitprogramm sind unter (0621)2933151 oder unter www.reiss-engelhorn-museen.de erhältlich.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2003, Seite 90
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2003

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