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Der Brockengarten - ein botanisches Kulturdenkmal

Im Hochharz wurde der älteste Gebirgspflanzengarten Europas nach langer Zwangspause wieder angelegt. im Mittelpunkt stehen der Arten- und Naturschutz sowie die Renaturierung.

Ausflügler erwartet auf dem höchsten Berg Norddeutschlands auch eine Schausammlung von derzeit etwa 1300 Hochgebirgspflanzenarten. In diesem Teil des rund 6000 Hektar umfassenden Nationalparks Hochharz ist ein Areal von zwei Hektar für einen alpinen botanischen Garten ausgegrenzt.

An sich ist die Anlage mehr als 100 Jahre alt; allerdings ruhte der Betrieb von 1914 bis 1934, zwischen 1945 und 1950 und wiederum ab 1971 bis zur Auflösung der DDR, als der Brockengipfel – dicht östlich der früheren innerdeutschen Grenze gelegen – militärisches Sperrgebiet war, mit entsprechenden Folgen nicht nur für die Anlage, sondern für die Natur des Plateaus überhaupt.

Am 8. Juni 1890 gründete der Direktor des Botanischen Gartens der Universität Göttingen, Albert Peter, auf dem flach kuppelförmigen Granitmassiv des 1142 Meter hohen Brockens den ersten deutschen Alpenpflanzengarten. Das Gelände hatte das Fürstenhaus Stolberg-Wernigerode der Universität unentgeltlich überlassen.

Die Sammlung, die nicht nur Lehr- und Forschungszwecken dienen, sondern von Anfang an auch Besucher mit der Hochgebirgsflora vertraut machen sollte, war weltweit die erste Einrichtung dieser Art. Oberhalb der Baumgrenze, die im Harz schon bei 900 Metern beginnt, hatte Peter einen Versuchsgarten konzipiert, in dem sich unter den besonderen Standortbedingungen der Brockenhochfläche alpine Pflanzen in ihrer Vielfalt und ihren besonderen Anpassungsmöglichkeiten darstellen und untersuchen ließen, um Aufschluß über deren Lebensgeschichte und Ökologie zu erhalten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte der Brockengarten 1951 in die Obhut der Universität Halle. Bevor das Militär das Gebiet übernahm und die gärtnerische Arbeit aufgegeben werden mußte, umfaßte die Sammlung – nach einer Zählung von 1961 – rund 1400 Arten.

Gleich mit der Gründung des Nationalparks Hochharz im Jahre 1990 wurde der Wiederaufbau des Alpenpflanzengartens beschlossen, wobei der Botanische Garten der Universität Halle-Wittenberg mit dem Neuen Botanischen Garten der Universität Göttingen und der Nationalparkverwaltung in Wernigerode kooperierte. (Der ältere Nationalpark Harz liegt auf westdeutschen Gebiet im gleichnamigen Naturpark.)

Die fast zwanzigjährige Unterbrechung hatte von dem ehemaligen Bestand wenig übriggelassen. Lediglich 90 der nicht bodenständigen Pflanzenspezies ließen sich noch nachweisen. Viele der fremden Sippen waren sicherlich verschwunden, weil sie mit der ansässigen Flora wie auch mit einigen durchsetzungsfähigen fremden Arten ohne spezielle Pflege nicht konkurrieren konnten – natürliche beziehungsweise naturnahe Vegetation hatte nahezu die gesamte Gartenfläche zurückerobert. Hinzu kam, daß weite Teile der Brockenkuppe durch Baumaßnahmen und Straßenanlagen beeinträchtigt worden waren. Besonders desolat für die an sauren Boden angepaßten Pflanzen- und Tiergesellschaften waren die allein auf dem Gartengelände ausgebrachten 50 Tonnen Kalkschotter. Insgesamt hatten die DDR-Grenztruppen 120000 Tonnen Gestein unter anderem zur Straßenbefestigung auf den Brocken gebracht, der auch der auf dem Plateau heimischen kalkmeidenden Flora stark zusetzte.

Zu den ersten Maßnahmen gehörte deswegen, den Kalkschotter gegen bodenständiges Gestein und Erdreich auszutauschen und wieder ökologisch vielfältige Pflanzorte zu schaffen wie auch den angestammten, oftmals gefährdeten Sippen ihnen gedeihliche Bedingungen zu bieten. Der größere Teil des Areals, rund 1,5 Hektar, ist als Refugium für bedrohte einheimische Arten vorgesehen – unter anderen die Brockenanemone (Pulsatilla alba, Bild 2), das Alpen-Vermeinkraut (Thesium alpinum) und die Scheiden-Segge (Carex vaginata). Rund ein Fünftel der Fläche, immerhin noch 0,4 Hektar, wird gärtnerisch bearbeitet und ist öffenlicher Schaugarten. Hier präsentieren sich dem Besucher Hochgebirgspflanzen der ganzen Welt. Bezogen wurden sie außer von den genannten Universitäten beispielsweise durch internationalen Samentausch. Andere wurden gekauft oder stammen aus Schenkungen.


Naturschutz und Restaurierung

Inzwischen werden Vertreter der wichtigsten hochgebirgsbewohnenden Familien und Gattungen in Auswahl kultiviert. Ein Aspekt ist, die Mannigfaltigkeit des Blütenbaus dieser Gruppen vorzuführen; zudem sollen die Beziehungen der Pflanzen zu ihrem natürlichen Standort demonstriert werden, etwa die für Hochgebirge charakteristischen Wuchsformen, die sich in Anpassung an das rauhe Klima unabhängig von geographischer Herkunft und verwandtschaftlicher Zugehörigkeit herausgebildet haben, zum Beispiel Polsterstaude, Spalier- oder Zwergstrauch. Besonders interessant in diesem Zusammenhang sind Anpassungen im Wuchs an drohenden Feuchtigkeitsverlust und an trockene Fels- und Schuttböden, etwa wasserspeichernde Blätter und Schutz gegen Transpiration durch Kalk-, Wachs- oder Haarüberzüge oder besondere Blattformen. Manche Arten machen sich durch Brutkörper sogar von der geschlechtlichen Fortpflanzung mittels Insekten unabhängiger.

Die Forschungen konzentrieren sich wesentlich auf den Arten- und Naturschutz. So werden nicht nur Erhaltungskulturen für auf dem Brocken beheimatete stark gefährdete Pflanzen aufgebaut und Studien zur Wiederaussiedlung an naturnahen Standorten durchgeführt, sondern auch bei fremdländischen insbesondere bedrohte Sippen erforscht. Im Mittelpunkt steht die ökologische Entwicklung auf der Brockenkuppe selbst, die solche Arbeiten unterstützen sollen. Ein Hauptanliegen ist, völlig devastierte Areale wieder in einen naturnahen Zustand zu überführen. Auf speziell eingerichteten Versuchsflächen möchte man Renaturierungsprozesse beobachten, um den Fortgang prognostizieren zu können.

Der neue Brockengarten übertrifft in seinen Zielsetzungen die ursprüngliche Konzeption der ersten Anlage. Gleichsam als Herz des Nationalparks Hochharz wird hier jetzt vor allem auch das Gedankengut eines modernen Naturschutzes umgesetzt.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 1996, Seite 122
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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