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Der das Unendliche kannte. Das Leben des genialen Mathematikers Srinivasa Ramanujan


Biographien – auch Autobiographien – von Mathematikern sind meistens nicht besonders interessant, aus einem einfachen Grund: Ihr Leben, auch das der hervorragendsten, unterscheidet sich im Grundsätzlichen kaum von dem ihrer weniger berühmten und erfolgreichen Kollegen und Zeitgenossen; meistens sind es typische Professoren- oder Wissenschaftlerlaufbahnen. Von der Intensität, der Mühe und den Verlockungen ihrer Arbeit, die in der Mathematik fast nur in konzentriertem Nachdenken über meist abstrakte Probleme besteht, spiegelt sich in ihrem Leben kaum etwas wider.

Srinivasa Ramanujan (1887 bis 1920) paßt nicht in das übliche Schema einer wissenschaftlichen Laufbahn; er paßt in überhaupt kein Schema: In Südindien als Sohn einer verarmten Brahmanenfamilie geboren, zeigte er schon auf der Schule seine herausragende, vor allem mathematische Begabung. Fast ohne Anleitung und nur mit gänzlich unzureichender Literatur bekannt, beschäftigte er sich auf dem College mit einer solchen Ausschließlichkeit mit seinen mathematischen Untersuchungen, daß er alle anderen Fächer vernachlässigte und dadurch niemals ein Examen erfolgreich abschloß. Mehrere Anläufe, Kontakte zu europäischen Mathematikern zu knüpfen, schlugen fehl.

Die entscheidende Wende in seinem Leben trat ein, als er sich 1913 mit einem Brief voll bemerkenswerter Formeln an den führenden Mathematiker Englands, Godfrey Harold Hardy (1877 bis 1947), wandte. Hardy, ebenso brillant wie in recht britischer Weise exzentrisch, erkannte sogleich die unvergleichliche Originalität in den oft nur skizzenhaft ausgeführten Ergebnissen Ramanujans. Gegen viele Widerstände setzte er durch, daß dieser nach England kam. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs hielt den Inder dort länger als ursprünglich geplant fest, und unter Förderung, Hilfe und Mitarbeit von Hardy entstanden zahlreiche Arbeiten, die den ungebildeten Autodidakten in der mathematischen Welt berühmt machten.

Eine glanzvolle Karriere schien bevorzustehen. Jedoch währte die Zusammenarbeit nur etwa drei Jahre. In dem ungewohnten naßkalten Klima erkrankte Ramanujan an Tuberkulose; längere Krankenhausaufenthalte wurden notwendig. Er kehrte in seine Heimat zurück und starb wenig später, zugleich berühmt und halbvergessen (Spektrum der Wissenschaft, April 1988, Seite 96).

Das Buch des amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Robert Kanigel lebt von dem, was all den vielen eintönigen Biographien fehlt: von den Kontrasten. Gegensätzlichere Naturen als der tief in der südindischen Tradition, in hinduistischer Religion und Spiritualität verwurzelte Ramanujan und der spöttische und großzügige Hardy sind kaum denkbar; und ebenso groß ist der Kontrast zwischen der ländlichen, dichtbesiedelten Welt des Tagore-Distrikts mit unzähligen kleinen Dörfern, Tempeln und Städtchen und der akademischen Welt in Cambridge, wo schon Isaac Newton wirkte. Vielleicht ist dies der faszinierendste Punkt – sozusagen die Moral – dieser Geschichte überhaupt: daß das gemeinsame Interesse an der Wissenschaft Verbindungen und Brücken über alle kulturellen und biographischen Gegensätze hinweg schaffen kann.

Es dürfte nahezu unmöglich sein, einem Laien auch nur ansatzweise die Probleme und Besonderheiten der Mathematik Ramanujans darzustellen. Kanigel versucht das auch kaum. Immerhin wird deutlich, daß Ramanujans Interesse Einzelproblemen galt und nicht dem Ausbau der großen Theorien, welche die Mathematik dieses Jahrhunderts bestimmen. Insofern war Ramanujan auch in der Mathematik ein Außenseiter.

Kanigel widersteht zudem der Versuchung, seinen Helden zu heroisieren. Der Kern seines Buches ist die gelungene, stellenweise hervorragende Gegenüberstellung der beiden verschiedenen Kulturkreise. Für einen im rationalen westlichen Denken aufgewachsenen Leser sind die "indischen" Kapitel besonders interessant und faszinierend. Wir erfahren zum Beispiel, daß die Göttin Namagiri Ramanujans Mutter im Traum erschien und die Erlaubnis zur Seereise nach England gab, die Brahmanen ansonsten verboten gewesen wäre. Ramanujan selbst war davon überzeugt, daß er seine mathematischen Resultate Eingebungen dieser Göttin verdankte. Diese uns gewiß fremde Welt stellt Kanigel anschaulich und verständnisvoll dar.

Sicherlich bleibt es ein Geheimnis, was in einem Menschen wie Ramanujan letzten Endes vorging, was ihn bewegte und was seine Leistungen ermöglichte. Aber was sich dazu sagen läßt, das wird in diesem lesenswerten Buch gesagt.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1995, Seite 117
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6 / 1995

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 6 / 1995

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