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Der Erreger des Magengeschwürs

Mindestens ein Drittel der Weltbevölkerung ist mit einem Bakterium infiziert, das im Magen und Zwölffingerdarm eine chronische Schleimhautentzündung verursacht. Die Ulkuskrankheit, bei der sich immer neue Geschwüre bilden, und wohl sogar Krebs können die Folge sein.

Im Jahre 1979 fand der Pathologe J. Robin Warren vom Königlichen Krankenhaus in Perth (Australien) bei Magenbiopsien etwas Unerwartetes: Auf den Schleimhautproben einiger Patienten wimmelte es von gekrümmten, spiraligen Bakterien (Bild 1). Gewöhnlich gehen solche Mikroorganismen in dem sauren Milieu der Magensäfte zugrunde; diese hatten sich jedoch in und unter die dicke, zähe Schleimschicht zurückgezogen, die den Magen auskleidet und ihn vor Selbstverdauung schützt.

Nach Warrens Beobachtungen kamen die Bakterien lediglich auf entzündetem Gewebe vor. Bestand da etwa ein Zusammenhang?

Als er die wissenschaftliche Literatur daraufhin durchsah, stieß er auf Arbeiten vom Beginn dieses Jahrhunderts. Damals bereits hatten deutsche Wissenschaftler derartige Keime aufgespürt, konnten sie allerdings nicht kultivieren; so wurde der Befund nicht weiter beachtet und geriet in Vergessenheit.

Auch Warren und seinem engagierten jungen Mitarbeiter Barry J. Marshall gelang die Zucht nicht gleich. Nach monatelangen Fehlversuchen mit Biopsiematerial von mehr als 30 Patienten half der Zufall: Vor dem Osterwochenende 1982 vergaßen die Laboranten einige Kulturplatten mit Ausstrichen zu entsorgen, und nach fünf anstatt wie gewöhnlich zwei Tagen waren Bakterienkolonien zu erkennen. Die Entdecker tauften den Mikroorganismus Campylobacter pyloridis nach einer Gattung ihm ähnelnder pathogener Keime, von denen manche fiebrige Darmentzündungen bei Tieren und auch beim Menschen verursachen, sowie nach dem Fachbegriff Pylorus für den Magenpförtner.

Warren und Marshall publizierten ihre Befunde Anfang 1983 – und wenige Monate später hatte man die krummen, ungefähr drei tausendstel Millimeter langen Mikroben überall auf der Welt isoliert. Genauere Untersuchungen ergaben zwar, daß sie nicht zur Gattung Campylobacter gehören; deswegen gab man ihnen den neuen Namen Helicobacter pylori. Warren hatte aber ansonsten richtig vermutet: Sie treten sehr häufig bei einer hartnäckigen Magenschleimhautentzündung auf, der chronischen Oberflächengastritis (Spektrum der Wissenschaft, März 1992, Seite 22).

Die Frage war nun, ob eine Entzündung dem Bakterium erst günstige Bedingungen bereitet, oder ob es seinerseits die Entzündung verursacht. Daß es nicht bloß ein Opportunist ist, sondern tatsächlich der Erreger, bewiesen unter anderem zwei gesunde Freiwillige, die Helicobacter schluckten; einer war Marshall selbst. Beide jungen Männer bekamen danach eine Magenschleimhautentzündung. Bei Marshall wurde es eine schwere, schmerzhafte Gastritis, die allerdings von allein abklang. Der zweite Freiwillige hatte zwar nur zehn Tage lang ernstliche Beschwerden, und die Gastritis sprach auf eine Behandlung mit einem Wismut-Präparat zunächst auch an, trat aber später wieder auf. Erst durch eine kombinierte Therapie mit Wismut-Salzen und zwei Antibiotika wurde der Mann nach drei Jahren geheilt.

Auch im Tierversuch konnte man so eine Gastritis hervorrufen. Bald wurde zudem nachgewiesen, daß Antibiotika die Symptome abklingen ließen, während bei neuerlicher Infektion die Entzündung wieder aufflammte.

Inzwischen weiß man, daß sich praktisch bei jedem Infizierten eine chronische Oberflächengastritis entwickelt, wenngleich sie oft unbemerkt bleibt oder man die Beschwerden auf zu scharfe, saure, heiße oder kalte Speisen und Getränke zurückführt. Wird nichts dagegen unternommen, bleibt der Erreger jahrzehnte-, wenn nicht lebenslang eingenistet, häufig scheinbar harmlos, bis er doch immer stärkere Reizungen verursacht. Bedenklich daran ist vor allem, daß das permanent entzündete Gewebe schließlich Geschwüre – Ulzera – bilden kann, auch im Zwölffingerdarm, in den der Magen ausmündet (Bild 1, Skizze rechts). Selbst bei einigen Formen von Magenkrebs muß man Helicobacter pylori als Wegbereiter der Zellentartung verdächtigen.


Ursache der Ulkuskrankheit

Daß Patienten mit peptischen Ulzera – unspezifischen Geschwüren durch die Einwirkung von Magensaft (der insbesondere Salzsäure und das Protein-Verdauungsenzym Pepsin enthält) – oft auch an chronischer Oberflächengastritis leiden war schon vor mehr als 40 Jahren erkannt worden. Dennoch gab man H. pylori nach seiner Entdeckung zunächst nicht die Schuld an Magengeschwüren, selbst dann nicht, als der Zusammenhang mit der Schleimhautreizung bestätigt war. Das widerstrebte einfach der herrschenden Lehrmeinung.

Generationen von Medizinstudenten hatten gelernt, daß der Magen bei Stress vermehrt Säure produziere und davon schließlich selber angegriffen werde. Die Vorstellung "ohne Säure kein Ulkus" geht auf den deutschen Mediziner Karl Schwartz zurück, dem um 1910 aufgefallen war, daß Zwölffingerdarmgeschwüre nur bei vermehrter Magensäuresekretion vorkommen. Daran ist aus heutiger Sicht zutreffend, daß die Geschwüre ohne Reizung durch den Magensaft nicht aufträten. Allerdings kann dies nicht der erste Anlaß sein, denn bei den meisten Ulkus-Patienten bildet sich Säure in normalen Mengen, und selbst bei manchen Menschen mit erhöhter Sekretion entwickelt sich nie ein Geschwür.

Die ehedem plausibel anmutende Theorie, die vor allem der Säure die Schuld gab, wurde sogar noch eifriger vertreten, als in den siebziger Jahren Medikamente aufkamen, welche die Säureproduktion relativ nebenwirkungsarm senken. Dank dieser Histamin-2-Rezeptorenblocker wurden viele Betroffene endlich wieder schmerzfrei, und die Geschwüre heilten oft gänzlich ab. Nur durften die Medikamente nicht abgesetzt werden, weil die Krankheit dann in der Regel erneut ausbrach.

Schätzungsweise 5 bis 10 Prozent der Weltbevölkerung bekommen irgendwann peptische Ulzera; an Magengeschwüren, die dann – meist zyklisch – immer wieder auftreten, erkranken jährlich jeweils 30, an solchen Zwölffingerdarmgeschwüren gar 290 von 100000 Menschen neu. So erstaunt es nicht, daß diese Präparate zu den lukrativsten Pharmaka überhaupt wurden (Spektrum der Wissenschaft, Februar 1993, Seite 96). Dies war für die großen Arzneimittelkonzerne nicht gerade ein Ansporn, nach alternativen Erklärungsmodellen für das peptische Ulkus zu suchen oder deren Entwicklung zu fördern.

Zwar können auch bestimmte Arzneimittel bei Dauermedikation eine Ulkuskrankheit auslösen; es sind dies die nicht-steroidalen Antiphlogistika, also entzündungshemmende Substanzen wie Acetylsalicylsäure, der Wirkstoff von Aspirin, die man beispielsweise oft bei chronischer Arthritis einsetzt. Ansonsten aber scheint nach allem, was man mittlerweile weiß, ein Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür so gut wie immer von H. pylori verursacht zu sein. In einer Studie in den Vereinigten Staaten wiesen fast alle Erkrankten, bei denen ein Medikamenteneinfluß auszuschließen war, den Erreger auf; in einer Vergleichsgruppe gesunder Menschen mit gleicher Altersverteilung trugen den Keim nur ungefähr 30 Prozent.

Das Risiko, daß binnen zehn oder zwanzig Jahren nach der Infektion aus einer chronischen Gastritis ein Ulkus entsteht, steigt auf das Drei- bis Zwölffache, wenn man nichts gegen den Erreger unternimmt. Wird er mit Wismutsalzen in Kombination mit Antibiotika ausgerottet, heilt die Gastritis ab, und es entstehen keine weiteren Geschwüre. Aus eigener Kraft gelingt dies dem Körper nur selten (wenn auch akut sich bildende Geschwüre wieder spontan abheilen können).

Das Immunsystem bekämpft zwar den Eindringling; aber die Antikörper, die es bildet, vermögen offenbar nur einen Teil der Bakterien zu inaktivieren und sie nicht gänzlich zu vernichten. Diese Antikörper sind im Blut relativ leicht nachweisbar. Tests zufolge dürften ein Drittel bis die Hälfte aller Menschen Träger des Keimes sein: In Westeuropa und den USA sind Kinder selten, aber mehr als ein Drittel der Älteren infiziert; in den Entwicklungsländern sind es sogar schon 60 bis 70 Prozent der zehnjährigen Kinder und noch mehr Erwachsene (Bild 2).

Wie der Erreger übertragen wird, weiß man noch nicht. Zumindest scheinen mangelnde Hygiene und enges Zusammenleben vieler Menschen die Verbreitung zu fördern; so sind bei Heimkindern die Antikörper besonders oft nachzuweisen. Es ist zu vermuten, daß sich in den entwickelten Ländern mit der Verbesserung der Lebensverhältnisse in den letzten 100 Jahren immer weniger Menschen angesteckt haben und dies auch immer später im Leben geschah.


Krebsrisiko

Zugleich – dies könnte sich als medizinisch sehr bedeutsam erweisen – wurde Magenkrebs in diesen Ländern viel seltener. Nach Statistiken für die Vereinigten Staaten war er noch um 1930 führend unter den krebsbedingten Todesursachen, rangiert heute aber weit nach anderen (Bild 2, rechts). Auch wenn man die Gründe dafür noch nicht versteht, ist anzunehmen, daß auch dies mit dem mutmaßlichen Rückgang der Helicobacter-Infektionen zusammenhängt.

In den siebziger Jahren unterbreitete Pelayo Correa, der inzwischen an der Staatsuniversität von Louisiana in New Orleans tätig ist, ein Schema, nach dem sich Magenkrebs über einen längeren Zeitraum und in mehreren Stufen entwickeln soll. Die erste Stufe sei eine chronische Oberflächengastritis unbekannter Ursache. Im Verlauf von Jahrzehnten könne die Schleimhautentzündung sich verschlimmern und dieser Zustand den Magenwänden so stark zusetzen, daß schließlich das Drüsengewebe schwindet (dieses Stadium nennt man atrophische Gastritis). In der Folge würden die betroffenen Bereiche unter Umständen entarten, die Zellen sich mithin unzulänglich oder falsch ausdifferenzieren. Dies ist oft die Vorstufe von Krebs (Bild 4).

Den hauptsächlichen Grund für die ursprüngliche Reizung und Entzündung – die Einnistung von Helicobacter pylori – kennt man nun. Ob der Erreger aber auch für die schweren atrophischen Formen oder gar für ein Karzinom verantwortlich sein kann, das war die große Frage.

Im Jahre 1991 wurden Anhaltspunkte dafür in drei unabhängigen Studien aufgewiesen. Weil sie sich in Anlage und Ergebnis ähneln, möchte ich nur die beschreiben, an der ich selbst zusammen mit Abraham Nomura vom Medizinischen Zentrum Kuakini in Honolulu (Hawaii) mitgewirkt habe.

Unsere Probanden waren Männer japanischer Herkunft, aber amerikanischer Staatsbürgerschaft, die auf Hawaii 1942 – ein Jahr nach der japanischen Bombardierung des dortigen US-Marinestützpunktes Pearl Harbor – zum Kriegsdienst eingezogen worden waren. Rund 8000 von ihnen aus den Jahrgängen 1900 bis 1919 hatte man in den sechziger Jahren für eine epidemiologische Studie wieder ausfindig gemacht, ihnen seitdem mehrmals Fragebögen vorgelegt und sie gründlich medizinisch untersucht, unter anderem auf Herzkreislaufkrankheiten und Krebs; außerdem hatte man Blutproben eingefroren.

Von 5924 dieser Männer lagen bis Ende der achtziger Jahre für unsere Zwecke hinreichende Daten vor. Zwischen 1968 und 1989 waren etwas mehr als zwei Prozent – 137 – an Magenkrebs erkrankt. Von 109 von diesen analysierten wir die Blutproben aus den sechziger Jahren auf Antikörper gegen H. pylori und dazu die von gleich vielen gesunden Männern derselben Gruppe. Im Mittel waren die Blutproben der Erkrankten bereits 13 Jahre vor der Krebsdiagnose genommen worden.

Die Auswertung ergab, daß Träger des Keimes in den 21 Jahren seit der Blutentnahme sechsmal häufiger Magenkrebs bekommen hatten als die Männer ohne Antikörper in der Probe. Allein für Tumoren im unteren Teil des Magens, wo das Bakterium sich bevorzugt ansiedelt, war die Wahrscheinlichkeit sogar zwölfmal so groß.

Ähnliche Ergebnisse erbrachten die beiden anderen Studien – die eine geleitet von Julie Parsonnet von der Universität Stanford (Kalifornien), die andere von David Forman von einer Krebsforschungsstiftung in London, dem Imperial Cancer Research Fund; nur war demnach das errechnete Krebsrisiko etwas geringer. Seither unternommene epidemiologische und pathologische Untersuchungen weisen gleichfalls auf einen solchen Zusammenhang. Daraufhin erklärte die Internationale Krebsforschungsagentur, ein Zweig der Weltgesundheitsorganisation, im Jahre 1994 H. pylori zu einem Karzinogen erster Klasse; das Bakterium wurde somit in die gefährlichste Krebsauslöser-Kategorie eingestuft.

Ein seltenerer Magenkrebs, das gastrische Lymphom, von dem nicht Drüsen-, sondern Lymphgewebe betroffen ist, scheint ebenfalls oft durch H. pylori verursacht. Nach neueren Beobachtungen können Bakteriostatika, die man gegen den Erreger einsetzt, bei einigen Varianten dieser Tumorart eine Rückbildung der Geschwulst bewirken – ein bemerkenswerter Fortschritt.


Spezielles Mikroklima

Die meisten Bakterien überstehen ein so saures Milieu wie im Magen nicht – allerdings ist H. pylori nicht die einzige Ausnahme. Seit dieser Erreger entdeckt wurde, hat man bislang elf weitere Mikroorganismen in den Mägen von Tierprimaten, von Raubtieren (auch bei Hunden und Katzen) sowie von Nagern gefunden, die man zur Zeit alle der Helicobacter-Familie zuordnet.

Sie scheinen einen gemeinsamen Vorfahren zu haben; alle sind leicht spiralig geformt und mit ihren Geißeln an einem Ende sehr beweglich – sie schwimmen so schnell, daß sie den starken Muskelkontraktionen widerstehen, wenn der Magen seinen Inhalt portionsweise in den Darm entleert (Bild 3). Am besten vermehren sie sich bei einem Sauerstoffgehalt von 5 Prozent, wie er im Schleim der Magenwand herrscht (Luft enthält rund 21 Prozent). Außerdem bilden diese Bakterien große Mengen des Enzyms Urease, das Harnstoff (der im Eiweißstoffwechsel anfällt) in Ammoniak und Kohlendioxid spaltet; möglicherweise hilft ihnen das Ammoniak, das saure Milieu um sich her zu neutralisieren und sich so vor der aggressiven Magensäure zu schützen.

Wovon aber ernährt sich H. pylori? Von dem Magenschleim, in dem die Bakterien sich bergen, oder von dem Nahrungsbrei?

Denise Kirschner von der Texas-A&M-Universität in College Station und ich haben dazu ein mathematisches Modell entwickelt und aufgezeigt, daß die Mikroorganismen davon allein nicht jahrelang bestehen könnten. Vielmehr würde die Population sich nur bei einer geregelten Wechselwirkung mit Wirtszellen halten, wie sie beispielsweise bei einer Entzündung herrscht. Meine These ist, daß die Bakterien die Zellen der Magenschleimhaut reizen und dadurch von ihnen Nährstoffe beziehen.

Widersinnig scheint ja zu sein, daß der Fremdorganismus die Magenwand angreift, obwohl er nicht in die Zellen eindringt. Er gibt aber, so haben meine Mitarbeiter und andere Kollegen herausgefunden, Stoffe ab, die das Gewebe des Magens aufnimmt; und diese Verbindungen locken Abwehr- und Freßzellen des Immunsystems wie Leukocyten und Makrophagen an, die gegen das verseuchte Magengewebe vorgehen und so die Entzündung auslösen.

Wie erwähnt, versucht der Körper durchaus, sich gegen die Fremdorganismen zu wehren, die seine Magenschleimhaut mit Giften überschütten. Er baut, hauptsächlich mit Antikörpern, eine Immunabwehr auf – nur ist diese offenbar nicht besonders stark, sonst würde der Erreger sich nicht trotzdem oft jahrzehntelang behaupten können.

Im Grunde gab es, entwicklungsgeschichtlich gesehen, für den menschlichen Organismus nur zwei Möglichkeiten: Entweder konnte er mit höchst wirksamen Gegenmaßnahmen den Keim rasch zugrunde richten; dies hätte aber bei einem Befall wohl auch den Verlust der betroffenen Schleimhaut und der normalen Magenfunktion mit sich gebracht. Oder er konnte lernen, den Erreger zu tolerieren und möglichst zu ignorieren, und offenbar fiel die Entscheidung einst dafür. Es wäre denkbar, daß andere langwierige Infektionskrankheiten einen ähnlichen Hintergrund haben, etwa Malaria oder Lepra.

Glücklicherweise wäre es umgekehrt auch nicht im Interesse von H. pylori, diese Toleranz aufs äußerste auszunutzen und sich so ungeheuer zu vermehren, daß der Wirt binnen kurzem stürbe. Das Bakterium würde damit seine eigenen Ausbreitungschancen beträchtlich vermindern, wohingegen eine Population, wenn sich ein Gleichgewicht mit dem Wirt einspielt, immerhin noch rund zehn Millionen bis zehn Milliarden Keime betragen kann.

Überdies würde der Erreger sich durch überschießende Vermehrung vielleicht selbst seine ihm zuträgliche Umgebung verderben. Eine noch größere Keimzahl nämlich würde vielleicht jene Mechanismen überstrapazieren und erschöpfen, welche die Abwehr des Immunsystems dämpfen; dann aber träten schwerste Entzündungen mit gravierenden Gewebeveränderungen auf, in deren Folge die Zellen keine Magensäure mehr produzieren. Dies aber wären ideale Bedingungen für das Darmbakterium Escherichia coli: Es würde in den Magen wandern und Helicobacter verdrängen, das sich dagegen nur in saurem Milieu zu behaupten vermag.

Ob H. pylori zunächst ein harmloser Parasit war, der erst vor kurzem dem Menschen gefährlicher geworden ist, oder schon immer ein pathogener Keim, der sich nur noch nicht vollkommen an ein symbiontisches Einvernehmen angepaßt hat, weiß man noch nicht. Möglicherweise verhält es sich damit ähnlich wie mit dem Tuberkulose-Erreger Mycobacterium tuberculosis, mit dem sich ebenfalls etwa ein Drittel der Weltbevölkerung ansteckt; dennoch erkranken daran nur etwa zehn Prozent der Infizierten.

Wahrscheinlich wirken bei Helicobacter wie bei den Tuberkulose-Erregern auch verschiedene Umstände zusammen, wenn bei manchen Menschen bestimmte akute Symptome auftreten und bei anderen nicht. Das mag zum einen an der Disposition des Infizierten liegen und auch an seiner Lebensführung, etwa daran, was er ißt und ob er raucht; die individuelle Reaktion könnte auch vom Alter abhängen, in dem jemand sich infiziert. Zum anderen gibt es unterschiedlich aggressive Bakterienstämme.


Pathogenität

Angesichts der globalen Verbreitung von Helicobacter pylori überrascht es eigentlich nicht, daß diese Mikroorganismen genetisch sehr heterogen sind. Die diversen Stämme gleichen sich zwar in vielen strukturellen, biochemischen und physiologischen Merkmalen, nicht aber in ihrer Virulenz.

Bei dieser Eigenschaft ist ein Bezug zu zwei Genen erkennbar. Eines codiert für ein großes Protein, das etwa 60 Prozent aller Stämme ausprägen. Zwei Arbeitsgruppen haben dieses Gen 1993 fast gleichzeitig identifiziert und kloniert: eine um Antonello Covacci und Rino Rappuoli von der Firma Biocine in Italien und eine von mir geleitete. Wir einigten uns auf den Namen cagA. Ungefähr 50 bis 60 Prozent der Patienten mit chronisch, aber nur oberflächlich entzündeter Magenschleimhaut beherbergen einen solchen Stamm und von denen mit einem Zwölffingerdarmgeschwür fast jeder.

Als wir die Befunde unserer Studie an den Hawaiianern japanischer Abkunft nochmals durchsahen, stellten wir fest, daß eine Infektion mit einem cagA-Stamm das Risiko von Magenkrebs verdoppelt hatte. Wie Jean E. Crabtree von der Universität Leeds (England) und ebenfalls wir aufgezeigt haben, sind dann auch Entzündungen und Gewebeschädigungen schwerer als bei Infektion mit anderen Stämmen.

Das zweite verdächtige Gen codiert für einen Giftstoff. Robert D. Leunk von der amerikanischen Firma Procter & Gamble (dem Hersteller des Wismutpräparats Pepto-Bismol) hatte 1988 berichtet, daß in Gewebekulturen manchmal Löcher gefressen wurden, wenn die Nährlösung H. pylori enthielt. Mein Mitarbeiter Timothy L. Cover wies dann ein Toxin als Ursache nach; er zeigte auch, daß die Bakterien es im Magen gleichfalls bilden.

Im Jahre 1991 gelang es uns, den Stoff zu isolieren. Leunks Befund, daß nur gut die Hälfte der H.-pylori-Stämme ihn erzeugen, bestätigte sich. Als wir dies im Mai 1992 veröffentlichten, konnten wir schon einen kurzen Teil der genetischen Sequenz dafür mitteilen.

Vier Gruppen – außer meiner noch ein zweites amerikanisches Team sowie je eines in Italien und in Deutschland – gelang binnen des nächsten Jahres die Klonierung des Gens; die wissenschaftlichen Arbeiten erschienen in verschiedenen Fachzeitschriften innerhalb von drei Monaten. Wir vereinbarten, das Gen vacA zu nennen.

Die mehrfache Mühe war durchaus nicht vergeblich, denn jedes Team hatte auch besondere Aspekte aufgeklärt. Verblüffend war etwa, daß praktisch alle Stämme das vacA-Gen haben, auch diejenigen, die in Kultur das Gift nicht bilden. Erstaunlich ist die außerordentliche Variabilität des Gens von Stamm zu Stamm. Auch wurde an Mäusen nachgewiesen, daß deren Schleimhäute beträchtlich litten, wenn man ihnen Nährlösung von toxischen Stämmen direkt in den Magen flößte. Inzwischen weiß man, daß Ulkuskranke überdurchschnittlich häufig von einem giftigen Stamm infiziert sind; der Anteil ist 30 bis 40 Prozent höher als bei Gastritikern. Die meisten, wenn auch nicht alle vacA-Stämme tragen bemerkenswerterweise zugleich das cagA-Gen, dessen Ort auf dem Bakterienchromosom weit entfernt ist.

Die Erkenntnisse aus den vergangenen 15 Jahren über Helicobacter pylori haben nicht nur das Wissen über Magenschleimhautentzündungen revolutioniert, sondern auch ein neues Verständnis für die Entstehung von Geschwüren des Magens und Zwölffingerdarms und selbst von Magenkrebs geschaffen; die Vorstellung vom sogenannten Reizmagen ist überholt. Damit kann vielen Patienten besser und rascher geholfen werden. Die künftige Forschung in Mikrobiologie und Immunologie des menschlichen Magens wird sicherlich dazu beitragen, chronische Infektionen von Schleimhäuten insgesamt besser zu verstehen.

Möglicherweise sind auch manche anderen Krankheiten, die mit langwierigen entzündlichen Prozessen einsetzen, letztlich von noch nicht erkannten langsam wirkenden Erregern verursacht; und vielleicht gilt dies sogar für bestimmte weitere Krebsarten. Ich denke an Krankheiten des Verdauungstraktes wie geschwürige Dickdarmentzündungen oder Morbus Crohn (eine chronische, narbenbildende Enteritis), sowie an Karzinome von Dickdarm, Bauchspeicheldrüse oder Prostata, aber auch an einige mysteriöse Haut-, Lungen- und Gefäßerkrankungen. Helicobacter pylori könnte lediglich das erste Beispiel aus einer größeren Klasse von Mikroorganismen sein, die lange unauffällig, doch beharrlich unserem Körper zusetzen.

Literaturhinweise

- Unidentified Curved Bacilli in the Stomach of Patients with Gastritis and Peptic Ulceration. Von B. J. Marshall and J. R. Warren in: Lancet, Heft 8390, Seiten 1311 bis 1315, 16. Juni 1984.

– Helicobacter pylori Infection and Gastric Carcinoma among Japanese Americans in Hawaii. Von A. Nomura, G. N. Stemmermann, P.-H. Chyou, I. Kato, G. I. Perez-Perez und M. J. Blaser in: New England Journal of Medicine, Band 325, Heft 16, Seiten 1132 bis 1136, 17. Oktober 1991.

– Human Gastric Carcinogenesis: A Multistep and Multifactorial Process. Von Pelayo Correa in: Cancer Research, Band 52, Heft 24, Seiten 6735 bis 6740, 15. Dezember 1992.

– Effect of Ranitidine and Amoxicillin plus Metronidazole on the Eradication of Helicobacter pylori and the Recurrence of Duodenal Ulcer. Von Enno Hentschel und anderen in: New England Journal of Medicine, Band 328, Heft 5, Seiten 308 bis 312, 4. Februar 1993.

– Regression of Primary Low-Grade B-Cell Gastric Lymphoma of Mucosa-Associated Lymphoid Tissue Type after Eradication of Helicobacter pylori. Von A. C. Wotherspoon und anderen in: Lancet, Band 342, Heft 8871, Seiten 575 bis 577, 4. September 1993.

– Parasitism by the "Slow" Bacterium Helicobacter pylori Leads to Altered Gastric Homeostasis and Neoplasia. Von Martin J. Blaser und Julie Parsonnet in: Journal of Clinical Investigation, Band 94, Heft 1, Seiten 4 bis 8, Juli 1994.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 1996, Seite 68
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
4 / 1996

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 4 / 1996

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